Stand: 17.02.2016 15:00 Uhr

Der Tod kommt von oben: "National Bird"

von Stefanie Groth
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Kampfdronen haben die Kriegsführung verändert Wie in einem Videospiel können Gegner aus der Ferne ausgeschaltet werden - doch wer entscheidet darüber?

Was macht es mit einem, in sicherer Entfernung in den USA vor einem Computer zu sitzen und Drohnenbilder aus Afghanistan zu analysieren, die dafür bestimmt sind, menschliche Ziele für Attacken ins Visier zu nehmen? "Es hat mir einen Teil meiner Menschlichkeit genommen", sagt Lisa, eine Frau Mitte 50. Sie hat als Analystin im Kampfdrohnenprogramm der US Air Force gearbeitet. Ihre Aufgabe war es, Bilder zu analysieren, die von Drohnen über Afghanistan aufgenommen wurden. Und dann aus sicherer Entfernung zu entscheiden, ob Zivilisten durch einen möglichen Angriff gefährdet werden würden, oder nicht. Wenn sie keine Gefahr sah, griffen die Einsatzkräfte vor Ort an.

Eine Analystin beeinflusste 121.000 Leben

Zerstörung, lebensbedrohliche Verletzungen, Tod - Lisa rechnet im Dokumentarfilm "National Bird", der auf der Berlinale Weltpremiere feierte, hoch, dass ihre Arbeit als Analystin knapp 121.000 Leben in Afghanistan beeinflusst hat. Keiner der drei Protagonisten macht sich Illusionen darüber, am Tod unschuldiger Opfer beteiligt gewesen zu sein: "Wer am Ende lebt oder stirbt, kann man nicht sagen. Du weißt es nicht. Am Ende weißt du nur was sich zweidimensional auf dem Bildschirm vor dir abspielt", erklärt Heather, eine hübsche junge Frau. Mitte 20, lange schwarze Haare, schöne Augen. Augen, denen man aber auf beklemmende Weise ansieht, was sie in jungen Jahren schon alles gesehen haben. Heather war gerade Anfang 20 als sie anfing als Analystin für die Air Force im Kampfdrohnenprogramm zu arbeiten. Sie wollte etwas bewegen, etwas Gutes tun, Menschen helfen, sagt sie. Sie sei damals noch verblendet genug gewesen zu denken, sie kämpfe auf der richtigen Seite.

Sonia Kennebeck, Regisseurin von "National Bird", berichtet im Interview mit ZAPP über die Dreharbeiten vom Dokumentarfilm. © NDR Fotograf: Screenshot

"Vom ersten Geld den Anwalt bezahlt"

ZAPP

Regisseurin Kennebeck hat für ihren Film "National Bird" Analysten des US-Drohnenprogramms gesucht. Erstes Geld aus der Filmförderung hat sie in einen Anwalt investiert.

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Eine surreale Arbeit in einem normalen Leben

Es sind bedrückende Aussagen und Geständnisse, die einen Einblick in das geheime US-Kampfdrohnenprogramm geben. Was die ehemaligen Analysten beschreiben, wird durch Videomaterial von Kampfdrohnen des US-Militärs immer wieder manifestiert. Bedrückend sind auch die Bilder. Nicht nur, dass es Regisseurin Sonia Kennebeck gelungen ist, mit einer der Protagonistinnen nach Afghanistan zu reisen, um die Opfer eines Drohnenanschlags persönlich zu treffen. Immer wieder spielt der Film auch mit Drohnen- und Hubschrauberaufnahmen von Vorstadtsiedlungen in den USA. Der Blick schiebt sich schwebend, langsam, über die Vorgärten und Hinterhöfe hinweg: Nachbarn, die sich am Gartenzaun unterhalten, Einkäufe, die nach Hause getragen werden, Autos, die in Einfahrten parken und tobende Kinder. Man blickt direkt hinein, in ihr alltägliches Leben, das zumindest aus diesem Blickwinkel nur vermeintlich friedlich erscheint. Die Regiesseurin und ihr Director of Photography wollten mit dieser Perspektive den Spieß umdrehen: So fühlt es sich also an, unter Beobachtung zu stehen. So schnell und einfach geraten Menschen in anderen Ländern durch Drohnen unter Beschuss.

Entstehung des Dokufilms dauerte 3 Jahre

Sonia Kennebeck realisiert mit "National Bird" ihren ersten abendfüllenden Dokumentarfilm. Sie wurde in Malaysia geboren, studierte Politikwissenschaft mit Schwerpunkt internationale Sicherheitspolitik in Washington D.C. und arbeitete später als investigative Journalistin und Filmemachern, u.a. für die ARD und CNN. "Zum Thema Drohnen sind kaum Informationen vorhanden. Es gibt viele Kommentare, aber wenig offene Quellen und das hat mich neugierig gemacht", erklärt Kennebeck ihre ursprüngliche Motivation für den Film. Drei Jahre lang haben die Recherchen und Produktionsarbeiten für "National Bird" gedauert - alles unter strenger Geheimhaltung. Der Aufwand hat sich gelohnt. Am Samstag feierte der Film auf der Berlinale Weltpremiere.

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