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Das Medienmagazin

Mittwoch, 17. Februar 2016, 23:20 bis 23:50 Uhr
Freitag, 19. Februar 2016, 01:35 bis 02:05 Uhr

Anja Reschke moderiert Zapp - Das Medienmagazin.

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Alles gelogen? Jenseits von Hetze und "Lügenpresse"-Rufen ist das Gefühl, den Medien nicht (mehr) vertrauen zu können, längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Unterschiedliche Studien aus der jüngsten Zeit kommen alle zu ähnlichen Ergebnissen: Bis zu 40 Prozent der Befragten verleihen in den Untersuchungen ihrer Medienskepsis Ausdruck und geben an, der Berichterstattung wenig oder keinen Glauben zu schenken - wobei sich die einzelnen Werte zum Teil deutlich unterscheiden. Nur 18 Prozent der Befragten halten zum Beispiel das öffentlich-rechtliche Radio für weniger glaubwürdig, aber 86 Prozent die Boulevardpresse.

Gegenöffentlichkeit im Internet

Der Kommunikationswissenschaftler Matthias Kohring hat die Umfragen für ZAPP analysiert. Selbst unter Berücksichtigung methodischer Kritik bewertet er die Ergebnisse eindeutig: "Selbst wenn man die Fragestellung mitberücksichtigt, die manchmal etwas dramatisierend ist, glaube ich schon, dass man diesen Befund ernstnehmen muss." Parallel dazu hat sich im Internet und den Sozialen Netzwerken eine große "Gegenöffentlichkeit" etabliert. Viele geteilte Berichte und Posts erlangen schnell Wahrheits-Status, auch wenn sie sich später als unhaltbare Gerüchte herausstellen. Aber auch Fehler in der Berichterstattung der Massenmedien werden hier schnell aufgedeckt - und häufig gnadenlos an den Pranger gestellt. Die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali nennt es daher gegenüber ZAPP die "Gretchenfrage": Wie können Medien Vertrauen zurückgewinnen?

Auch Journalisten machen Fehler

Ulrik Haagerup, Nachrichtenchef des dänischen Rundfunks (DR), der sich dem Thema Glaubwürdigkeit ebenfalls verschrieben hat, kommt zu etwas anderen Einschätzungen: "Wenn sich früher jemand beschwert hat, und wir wussten, er hat Recht, haben wir versucht, den Fehler klammheimlich zu korrigieren. Wir dachten, es schadet unserer Glaubwürdigkeit, wenn jemand merkt, dass wir Fehler machen. Aber die Wahrheit ist: Die einzigen, die keine Fehler machen, sind diejenigen, die gar nichts machen. Also müssen wir sagen: Natürlich machen wir Fehler. Wir arbeiten an einer Kultur, in der das selbstverständlich ist."

Deutsche Medien zu pädagogisch?

Im Gegensatz zu vielen seiner deutschen Kollegen betrachtet Haagerup die Berichterstattung über die Flüchtlingskrise in den deutschen Medien als zu pädagogisch: "Die deutschen Medien haben den Menschen nicht die bestmögliche Version der Wahrheit präsentiert, so wie sie es tun sollten. Sie haben ein Bild gezeigt, wie sie es sich als Journalisten, als Elite für die Gesellschaft wünschen. Es ist nicht verboten Angst zu haben, wenn tausende Flüchtlinge aus fremden Kulturen zu uns kommen. Ob das auch meine Meinung ist, ist egal. Aber wenn sie jemand hat, ist das völlig legitim, also sollten wir sie auch abbilden."

ARD-Vorsitzende sieht Defizite in der Berichterstattung 2015

"Lügenpresse, halt die Fresse" ist auf einem schwarzen T-Shirt zu lesen. © dpa bildfunk Fotograf: David Ebener

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Meinung gehört zum Journalismus. Problematisch wird es, wenn nicht nur in einzelnen Medien, sondern in der gesamten Berichterstattung eine Meinung stark überwiegt, während ein großer Teil der Bevölkerung eine andere hat. Bereits im August antworteten 37 Prozent der Befragten auf die Frage: "Kann Deutschland die vielen Flüchtlinge verkraften?" mit "Nein, kann es nicht". Das sind 24 Millionen Menschen, die sich in der Berichterstattung zu diesem Zeitpunkt kaum wiederfanden. Auch die neue ARD-Vorsitzende und MDR-Intendantin Karola Wille sieht Defizite bei der Flüchtlingsberichterstattung im Sommer: "Man hätte schon am Anfang, wo wir uns gefreut haben, wie positiv die Menschen reagiert haben, fragen können: Welche Themen kommen jetzt alle auf uns zu? Was passiert in den Schulen, wie schaffen wir das mit dem sozialen Wohnungsbau?" An den Stellen, an denen die Politik nicht handlungsstark genug sei, müssten Journalisten darauf hinweisen, so Wille.

Die einzig mögliche Wahrheit gibt es nicht

Der Kommunikationswissenschaftler Matthias Kohring rät dazu, den Mediennutzern auf Augenhöhe zu begegnen: "Man ist kein Lehrer. Man ist kein Pädagoge, der die Leute über die Wahrheit unterrichtet, über die einzig mögliche Wahrheit. Die gibt's sowieso nicht, das wissen die Menschen eigentlich auch. Das heißt, dieser hierarchische Anspruch, dieses Auftreten, dieses Ich-weiß-es-besser, das muss abgelöst werden durch ein, eine - wie soll ich sagen - gleichberechtigte Beziehung. Menschen, die sich eine sehr einfache Weltsicht aufgebaut haben, wird man nicht überzeugen können. Es geht darum, den weit überwiegenden Teil der Bevölkerung mit angemessenen Information zu versorgen."

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Mit dem Aufkommen der Flüchtlingskrise ist das Vertrauen in die Medien gesunken - viele halten die Berichterstattung für manipuliert.
"Spiegel"-Chefredakteuer fordert Kulturwandel

Auch "Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer meint, dass es "in vielen Medienhäusern einen tatsächlichen Kulturwandel" geben müsse: "Medien sind über Jahrzehnte in Deutschland davon ausgegangen, dass sie die Wahrheit verkünden. Das hat sich längst geändert. Wir müssen Kritik annehmen, wir müssen nach meinem Gefühl auch anders erzählen, in einer anderen Sprache und Raum für Zweifel lassen." Der stellvertretende "WeltN24"-Chefredakteur Ulf Poschardt macht auf Wahrnehmungsunterschiede aufmerksam: "Natürlich ist die soziale Wirklichkeit der Journalisten oftmals anders als die soziale Wirklichkeit derjenigen, die deren Produkte lesen. Ich glaube, es ist nur wichtig, dass man das für sich selbst im Kopf hat: Wenn man jetzt vielleicht sehr zufrieden war mit dem Lob der Kollegen, mit denen man abends noch mal ein Bier trinken will, anstatt zu überlegen, ob man wirklich alle Leute erreicht hat, die sich ganz ernsthaft sich Gedanken machen, wie es mit dem Land weitergeht."

Am Ende also traute Einigkeit? Nein, die Auseinandersetzung um die Glaubwürdigkeit von Medien, um Transparenz und Fehlerkultur, um Meinungsstärke und Objektivität wird auch weiterhin erbittert geführt werden - innerhalb und außerhalb der etablierten Massenmedien.

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