Stand: 10.06.2015 16:50 Uhr

Bulgariens Medien: frei, aber nicht unabhängig

von Caroline Ebner
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Christian Spahr hat die bulgarische Medienlandschaft analysiert.

So schlecht ist es um die Pressefreiheit in keinem anderen EU-Mitgliedsstaat bestellt: Im Pressefreiheitsranking von "Reporter ohne Grenzen" ist Bulgarien Schlusslicht in der EU, auf Platz 106 weltweit. Damit liegt das Land sogar noch weit hinter Ungarn, das wegen Präsident Viktor Orbans Mediengesetz als das Sorgenkind Europas in Sachen Pressefreiheit gilt.

Die Suche nach den Ursachen und Problemen der Medien in Bulgarien gestaltet sich dagegen weitaus komplexer. Denn - anders als in Ungarn - "erklärt sich die schlechte Position Bulgariens mehr mit den Verhältnissen innerhalb der Medienbranche als mit dem Verhalten von politischen Akteuren", sagt Christian Spahr, Leiter des Medienprogramms Südosteuropa der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Auswirkungen sind alarmierend: Nur noch 17 Prozent der Menschen in Bulgarien glauben überhaupt noch an die Unabhängigkeit der Medien, zeigt eine Studie der Stiftung.

Bulgarische Medien © NDR

Bulgariens Medien: frei, aber nicht unabhängig

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Im Pressefreiheits-Ranking von "Reporter ohne Grenzen" ist Bulgarien innerhalb der EU das Schlusslicht. Dahinter stecken vor allem wirtschaftlicher und politischer Druck.

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Studie: Einfluss auf die Medien

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat die Abhängigkeiten in der bulgarischen Medienlandschaft ausführlich untersucht. Hier finden Sie die Studie zum Nachlesen. extern

Westliche Medienkonzerne ziehen sich zurück

Gerade in den vergangenen Jahren hat sich die Situation der Medien massiv verschlechtert, obwohl das Land seit 2007 Mitglied der Europäischen Union ist. Doch in den vergangenen Jahren haben viele Zeitungen und Fernsehsender ihren Besitzer gewechselt: Zahlreiche westeuropäische Konzerne - wie die deutsche WAZ-Gruppe - zogen sich zurück und überließen den Markt regionalen Akteuren.

Nicht selten kauften Oligarchen die Medien. Das Problem dabei: "Diese Medieneigentümer sind keine Verleger im westlichen Sinne, sondern politische oder wirtschaftliche Akteure, deren Hauptgeschäft eigentlich etwas anderes ist als Medien, die aber anhand der Medien ihre eigenen Interessen durchsetzen möchten", wie Spahr erklärt. Der bulgarische Investigativjournalist Assen Jordanov kritisiert das scharf. Denn Medieneigner verstünden die Medien "als Waffe, um die öffentliche Meinung zu manipulieren".

Zu viele Zeitungen für ein zu kleines Land

Dadurch gibt es für ein kleines Land wie Bulgarien zwar viele Medien - doch die meisten tragen sich wirtschaftlich nicht. Weil viele von ihnen rote Zahlen schreiben, sind sie wiederum auf Fördermittel aus der Politik angewiesen. Mal kommen die über die bulgarische Regierung aus den Töpfen der EU, mal sind es Werbegelder. Denn der Staat ist Spahr zufolge der größte Werbekunde. So neigten die Regierungen dazu, Anzeigenaufträge an Medien zu vergeben, die ihnen wohlgesonnen seien, so Spahr.

Und wechsle die Regierung, änderten die Medien auch schnell ihre Ausrichtung - je nachdem, wer gerade an der Macht sei. Damit sind dem Leiter des Medienprogramms der Stiftung für Südosteuropa zufolge „vor allem Printmedien mehr ein Instrument in den Händen bestimmter Eliten als tatsächlich ein Medium, um bestimmte Bevölkerungsschichten zu informieren“.

Subtile, aber massive Einflussnahme

Der wirtschaftliche und politische Druck wirkt sich auch direkt auf die tägliche Arbeit der Journalisten aus. Der Studie zufolge werden beispielsweise Aufträge an die Reporter vergeben, von denen man wisse, dass sie keine andere Meinung vertreten oder die Linie werde indirekt durch den Chefredakteur festgelegt. Auch fast die Hälfte (46 Prozent) der befragten Journalisten selbst gab an, ihr Medium sei der Einflussnahme durch die Politik ausgesetzt.

Diese Mechanismen, indirekt Druck auf die Journalisten auszuüben, greifen umso mehr als die Arbeitsbedingungen oftmals prekär sind. So verlor Jordanov bereits 2008 seine Stelle, veröffentlicht nun auf seiner eigenen Internetseite Bivol. Wer in den klassischen Medien seinen Job behalten möchte, der spurt also - erst recht, wenn nicht ganz klar ist, wem das Medium, für das man arbeitet, nun eigentlich gehört.

Denn offiziell sind zwar die Besitzer bekannt, doch ob es sich dabei um Strohmänner handelt und wer genau dahinter steckt, darüber gibt es lediglich viele Gerüchte, die man überall in Bulgarien hört. Insofern verzichten viele Journalisten lieber auf allzu kritische Berichterstattung bei sensiblen Themen, so Christian Spahr. Dies geschehe sogar dann, wenn sie kein Chef darum bitte. Die Sorge vor Nachteilen in der Karriere oder dem Jobverlust ist groß, das berichten auch Journalisten in Bulgarien. Dann greift der wirkungsvollste Mechanismus: die Selbstzensur.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 10.06.2015 | 23:35 Uhr