Stand: 15.09.2017 17:48 Uhr

Buhl: Filter-ZAPPer "lohnenswertes Projekt"

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Natascha Buhl von der Universität Hamburg.

Natascha Buhl forscht zum Thema "Alternative Medien" an der Universität Hamburg. Für den Filter-ZAPPer von ZAPP, bei dem die Facebook-Postings "Alternativer Medien" und etablierter Medien kommentarlos gegenübergestellt werden, hatte sie erste Forschungsergebnisse bereitgestellt. Von dem Projekt ist sie überzeugt. Warum es wichtig ist, erläutert Sie im Interview.

Worin sehen Sie den Vorteil des Filter-ZAPPers?

Natascha Buhl: Grundsätzlich halte ich es für ein sehr lobenswertes Projekt, einfach mal unkommentiert Inhalte für sich sprechen zu lassen. Es wurde in der letzten Zeit so viel über alternative Medien im Netz berichtet. Dabei wurde allerdings vieles in einen Topf geworfen. Zum Teil hatte ich da schon den Eindruck, dass man sich nicht die Mühe gemacht hat, sich diese Seiten überhaupt mal anzuschauen. Das große Problem, wenn man es denn so nennen möchte, ist nämlich, dass unter dem Begriff alternative Medien erst mal alles gefasst wird, was abweicht von den klassischen Medien. Untereinander weichen diese Seiten dann allerdings auch wiederum sehr stark voneinander ab - politisch vor allem, aber auch in der Aufmachung und in der Methode, was zum Beispiel den Umgang mit Quellen etc. angeht.

Screenshot Filterzapper © NDR

Filter-ZAPPer: Blick in die Filterblasen

ZAPP -

Mit dem Filter-ZAPPer von ZAPP kann jeder sehen, über was und wie alternative und klassische Medien bei Facebook berichten. Ein Blick in die Filterblasen im Netz.

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Aus diesen Gründen denke ich, dass sich jeder die Inhalte erst mal angucken sollte, bevor er oder sie sich ein Urteil bildet. Wenn man das dann macht, kann man zum Beispiel auch die inhaltlichen Unterschiede zu einzelnen Themen erkennen. Es zeigt sich eine ziemlich Vielfalt an Informationen und Meinungen, das fordert allerdings auch den Leser. Auf einmal widersprechen sich nämlich Darstellungen und der Leser muss selber einen Weg finden, mit dieser Unsicherheit umzugehen.

Was hat Sie am meisten bei den Inhalten überrascht, bisher?

Buhl: Interessant fand ich ganz persönlich, weil es für meine Forschung relevant ist, die Unterschiede beim Thema Medienkritik. Eigentlich ein sehr kleines Feld im Journalismus - ich hoffe, ich trete mit dieser Einschätzung ZAPP nicht zu nahe -, aber im Gegensatz zu Themen wie Außenpolitik ist es nun doch eher nischig. Medienkritik ist aber für alternative Medien ein sehr wichtiger Bereich. Ja eigentlich ein geradezu konstituierender Bereich, denn die Kritik am "Mainstream" ist ja sozusagen ihre Existenzgrundlage. Und das zeigt sich tatsächlich im Filterzapper: Klassische Medien betreiben fast gar keine Medienkritik. Das hat auch die Forschung in diesem Bereich immer wieder gezeigt. Hier ist tatsächlich eine Lücke erkennbar, die von den alternativen Medien auf ihre zum Teil sehr fundamentale und drastische Weise gefüllt wird.

Zur Person

Natascha Buhl ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus und forscht zu dem Thema "Alternative Medien". Für den Filter-Zapper hatte sie erste Forschungsergebnisse bereitgestellt.

Was unterscheidet "Alternative Medien" von "Klassischen Medien"?

Buhl: Der Begriff "Alternative Medien" und auch das dahinterstehende Phänomen sind erst mal gar nicht so neu, haben aber in der jüngsten Zeit medial recht viel Aufmerksamkeit bekommen. Wissenschaftlich betrachtet wurde diese Art der Medien seit ihrem Auftauchen in den 60er und 70er Jahren, wo sie sich als eine Form von Gegenöffentlichkeit formierten. Eine regelrechte Renaissance haben diese Medien dann durch das Internet in Form von Blogs und anderen digitalen Plattformen erhalten. Es gibt mittlerweile eine Fülle von synonymen Bezeichnungen in der deutsch- und englischsprachigen Forschungsliteratur: Alternativpresse, andere Medien, Bewegungsmedien, partizipativer Journalismus, citizen media und citizen journalism, community media, unabhängige Medien, nichtkommerzielle Medien, radical media und so weiter. Momentan scheint sich jedoch der Begriff "Alternative Medien" durchzusetzen.

Viele der besagten Seiten bezeichnen sich zum Beispiel auch selbst so. Die Bezeichnung "alternativ" zeigt bereits, dass die Bedeutung dieser Medien nur in Relation zum gesellschaftlichen Kontext und den dazu gehörenden klassischen, sozusagen "dominanten" Medien zu verstehen ist, weil sie von diesen abweichende und marginalisierte Sichtweisen darstellen. Das Alternative kann sich aber auch auf die Organisation oder die Produktionsweise beziehen, wenn die redaktionelle Arbeit z.B. nicht hierarchisch gegliedert ist. Oder auch auf die Finanzierung, wenn das Medium nicht kommerziell agiert und z.B. keine Werbung zulässt. So ergeben sich eine ganze Menge Grenzfälle. Je nachdem welchen Fokus man setzt, zählt ein Medium als alternativ oder eben nicht.

Ich konzentriere mich in meiner Forschung auf die inhaltliche Komponente: Ein alternatives Medium muss vom "Mainstream" abweichende Themen und Inhalte stellen. Die meisten dieser Medien berufen sich selbst auf dieses Konzept, in Form von Selbstdarstellungen. Über einige Medien kann man aber auch sehr lange diskutieren, da ist einfach nicht klar, ob man sie noch als alternativ bezeichnen soll oder ob sie schon ein klassischen Medium sind. "Telepolis" wäre zum Beispiel ein solcher Fall.

Kann man in der deutschen Medienwelt zwischen rechten und linken Medien klar unterscheiden?

Buhl: Eine große Frage. Dazu stellt sich ja erst einmal die Frage nach dem, was man unter rechts oder links versteht. Ich erspare uns jetzt aber einen Abriss politischer Theorie über Ideologien und versuche, mich auf die praktische Herangehensweise und Möglichkeiten zu beschränken. Trotzdem halte ich die theoretischen Hintergründe für wichtig und widme ihnen zum Beispiel in meiner Dissertation ein längeres Kapitel. Sowohl die Medienforschung als auch die Politikwissenschaft versuchen regelmäßig, politische Richtung auf der links-rechts-Achse zu messen und abzubilden. Meistens wird dazu zu einem konkreten Thema eine klassisch linke und eine klassisch rechte Haltung bestimmt und diese dann z.B. in einem Medienartikel oder einem Wahlprogramm gemessen.

Auf diese Weise ergibt sich zum Beispiel für die deutsche Tageszeitungslandschaft meistens eine Aufteilung von rechts nach links wie folgt: "Die Welt", die "FAZ", die "SZ" ist in der Mitte, die "Frankfurter Rundschau" weiter links und die "taz" an weitesten auf der linken Seite. Ähnlich könnte man auch für die alternativen Medien vorgehen, das ist bislang in der Forschung aber noch nicht vergleichend geschehen.

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Filter-ZAPPer: Filterblasen im Vergleich

Seit den US-Wahlen steht zur Debatte, inwiefern Facebook-Filterblasen Wahlentscheidungen beeinflussen. ZAPP bietet bis zur Bundestagswahl die Möglichkeit zum Selbstversuch. extern

Eine weitere Möglichkeit, Hinweise auf die politische Richtung zu erhalten, ist der Blick auf die Themenwahl. In der Politikwissenschaft nennt man das Phänomen "Issue Ownership", meistens in Bezug auf politische Parteien. Damit ist  gemeint, dass bestimmte Themen bestimmten Parteien, also bestimmten politischen Präferenzen, zugeordnet werden. Zum Beispiel: Einwanderung gilt dabei als ein Thema der politischen Rechten, soziale Gerechtigkeit gehört zur politischen Linken und Umwelt zu den Grünen. Wenn sich also ein Medium sehr stark mit einem dieser Themen beschäftigt, könnte das auf seine politische Haltung schließen.

Bei der Betrachtung der alternativen Medien zeigen sich aber auch einige Themen, wie Krieg und Terror oder auch das Finanz- und Wirtschaftssystem, die bei ganz vielen Seiten eine große Rolle spielen. Da muss man dann genauer in den Inhalt schauen, um eine Klassifizierung vorzunehmen, das Thema alleine weist erst mal keine politische Richtung auf.

Hilfreich ist auch immer wieder der Blick auf die Wortwahl. Schlagworte stellen zum Beispiel bestimmte politische Sachverhalte vereinfachend dar und haben dadurch eine starke emotionale Anziehungskraft. Das sehen wir ja auch immer wieder im politischen Wahlkampf: Es sagt etwas über die politische Haltung aus, ob man Atomkraft oder Kernenergie sagt, um mal ein älteres Beispiel zu nennen. Oder ob man von der Marktwirtschaft oder vom Kapitalismus spricht. Es gibt aber auch ganz krasse Beispiele wie das Wort "Rapefugees": Da muss man die politische Richtung nicht lange suchen.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 20.09.2017 | 23:20 Uhr