Stand: 14.06.2017 17:55 Uhr

Antisemitismus-Doku: Zensurvorwurf an Sender

von Daniel Bouhs und Sabine Schaper
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"Bild" zeigt die umstrittene Antisemitismus-Doku, die Arte nicht zeigen will, auf seiner Website und bewirbt die Aktion in der Printausgabe.

Es ist ein Coup, den "Bild" in der Nacht von Montag auf Dienstag präsentiert: Für 24 Stunden stellt die Zeitung die umstrittene Dokumentation "Auserwählt und ausgegrenzt" frei ins Netz. Aus "historischer Verantwortung", wie es in Ton und Schrift heißt - und damit sich jeder einen Eindruck verschaffen könne. Dass die Rechte für den Film bei Arte, bzw. dem WDR liegen, dieses juristische Risiko geht "Bild" ein. Der Streit um die Doku und vor allem die Entscheidung von Arte, den ursprünglich vom Sender bestellten 90-Minuten-Film nicht ins Programm aufzunehmen, findet damit seinen Höhepunkt.

Update: Das Erste zeigt die Dokumentation am Mittwoch, 21. Juni um 22.15 Uhr. Im Anschluss gibt es eine Diskussionssendung mit Sandra Maischberger. Dabei werden auch die vom WDR beanstandeten "handwerklichen Mängel" thematisiert. Und auch Arte hat sich inzwischen dazu entschlossen, die Dokumentation am Mittwochabend auszustrahlen.

Antisemitismus-Doku.

Antisemitismus-Doku: Zensurvorwurf an Sender

ZAPP -

Die "Bild" zeigte die Antisemitismus-Doku "Auserwählt und ausgegrenzt", die Arte nicht zeigen will. Seit Tagen herrscht eine Debatte um Zensur und handwerkliche Fehler. Wer hat recht?

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Aufgeregte Debatte um Zensur und handwerkliche Fehler

In den Feuilletons und in Online-Debatten geht es bereits seit Tagen emotional hoch aufgeladen um Antisemitismus, Ausgewogenheit, Formalienreiterei und einen besonders schweren Verdacht: Zensur. Und der Film selbst? Er erzählt in anderthalb Stunden vor allem aus Deutschland, Frankreich und Gaza in vielfältigen Facetten über antisemitische und antizionistische Strömungen bei rechten Gruppen, aber eben auch bei NGOs, in der Kirche, bei Linken und in arabisch-palästinensischen Gruppen. Es geht um Judenhass, nicht zuletzt auch aus der Mitte der Gesellschaft. Dazu: Ein pointierter, in Teilen grenzwertig zugespitzter Text und auch ein Bildschnitt, der zu Widerspruch reizt und über den sich trefflich streiten lässt. Fraglich bleibt, ob journalistische Standards wie z.B. sauberes Zitieren und die Konfrontation der Dargestellten mit inhaltlichen Vorwürfen stattgefunden hat.

WDR nahm den Film ab, Arte lehnte ihn ab

Das Problem: Arte hat formal einen anderen Film in Auftrag gegeben. Laut ursprünglichem Exposé einen Film, der teilweise in anderen Ländern spielen sollte. Arte lehnt das Endprodukt ab. Größere Änderungen hätte die Redaktion (der Film wurde vom WDR produziert) erneut der Programmkonferenz in Straßburg vorlegen müssen. Entsprechende schriftliche Richtlinien liegen ZAPP vor, allerdings lassen sie auch Interpretationsspielraum. Der WDR hat den Film wiederum abgenommen. Die verantwortliche Redakteurin ist mit der Arte-DNA bestens vertraut: Sie hatte selbst die Chefredaktion des deutsch-französischen Senders geleitet und war zudem ARD-Korrespondentin in Paris. Damit geht es nicht zuletzt um die Frage, wie frei die Redakteure über den Verlauf eines einmal genehmigten Projektes entscheiden dürfen. Für Außenstehende ist dabei unklar, wie streng die Arte-Zentrale bei anderen Themen auf die Einhaltung der Formalien pocht.

Videos
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"WDR und Arte stehen dumm da"

14.06.2017 23:20 Uhr

Michael Ridder (epd Medien) versteht nicht, warum Arte die Antisemitismus-Doku "Auserwählt und ausgegrenzt" nicht zeigt. Sie sei "spannend". Und nicht so schlimm, "dass man sie stoppen muss". Video (10:54 min)

Aufregerpotenzial der Entscheidung wurde unterschätzt

ZAPP gegenüber will sich keiner der Beteiligten vor der Kamera äußern: Niemand aus dem WDR und auch kein Vertreter von Arte. "Da hätte man proaktiver einsteigen können, mehr erklären können, warum jetzt da ein Problem ist", beurteilt Michael Ridder von "epd Medien" gegenüber ZAPP die Kommunikationsstrategie der beiden Sender. "Ich glaube, dass die beiden Sender, Arte und WDR, das total unterschätzt haben, was für ein großes Thema da drinsteckt und wie groß so eine Debatte werden kann."

Autor weist Vorwüfe von sich

Der Autor selbst hat ein verabredetes Interview zurückgezogen. Er bietet ein Studiogespräch an, das ZAPP wiederum ablehnt: In dieser Situation könnte ZAPP etwaige neue Vorwürfe kaum prüfen. Der WDR hat inzwischen inhaltliche Bedenken angemeldet und will den Film erneut prüfen. Ein Kritikpunkt unter anderen: Die Autoren haben, so scheint es, die NGOs nicht mit ihren Recherchen konfrontiert. Gegenüber der "Zeit" sagt der Autor: "Die Zahlen sind korrekt, die Vorwürfe sind korrekt, aber ich habe nicht erwartet, dass diese Organisationen mir etwas Originelles dazu sagen können."

"Bild" erzielte 200.000 Aufrufe

Der Sender in Köln hingegen erklärte, die "redaktionelle Abnahme im WDR (habe) offenbar nicht den üblichen in unserem Haus geltenden Standards genügt". Mit seiner Haltung stelle "der WDR seine Arte-Redakteurin natürlich öffentlich an den Pranger", kritisiert Michael Ridder. "Das ist nicht die feine englische Art." Die "Bild" ist derweil der lachende Dritte und teilte mit, dass der Link zum Film rund 200.000 Mal angeklickt wurde. Und die Zahl der Zuschauer dürfte im Laufe der Zeit noch steigen, denn auch wenn die Doku bei "Bild" nicht mehr zu sehen ist, im Netz existiert sie weiter: als illegale Kopie auf YouTube.

Anja Reschke im ZAPP-Studio. © NDR Fotograf: Screenshot

Verhalten der "Bild" im Doku-Streit ist frech

ZAPP

Arte und der WDR wollten eine Antisemitismus-Doku nicht ausstrahlen, da hat es einfach die Bild gemacht - ohne Erlaubnis. Kein Verdienst, sondern frech, findet Anja Reschke.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 14.06.2017 | 23:20 Uhr