Stand: 03.02.2016 17:30 Uhr

VW-Affäre: Experten reden nicht mit Journalisten

Die Massen-Rückrufe im Zuge des VW-Abgasskandals laufen gerade an, das Kraftfahrtbundesamt hat kürzlich die Freigabe für die unrühmliche Maßnahme erteilt. Schon in Deutschland muss Volkswagen rund 2,4 Millionen Dieselfahrzeuge nachrüsten, bei denen VW eine illegale Software eingebaut hatte, um die Abgaswerte bei Prüfstandstests raffiniert zu schönen.

VW-Emblem © dpa

VW-Affäre: Experten reden nicht mit Journalisten

ZAPP -

Spätestens seit dem VW-Abgasskandal versuchen Journalisten, die Materie zu durchleuchten. Unterstützung durch Experten von Universitäten bekommen sie fast nie.

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Keine Auskunft von der Wissenschaft

Journalisten von Presse, Radio und Fernsehen, die in den vergangenen Monaten im Zuge eigener investigativer Recherchen Licht ins Dunkel des Skandals bringen wollten, die auch andere Fahrzeuge anderer Hersteller testen wollten oder die allgemein nach Antworten auf ihre zahlreichen kritischen technischen Fragen suchten, stießen oft auf eine Mauer des Schweigens bei den Automobil-Experten.

Professoren und Ingenieure an den diversen Fach- und Hochschulen des Landes wollten lieber keine Interviews in dem Zusammenhang geben, zu groß war wohl die Angst vor dem Verlust von Drittmitteln, Forschungsaufträgen und anderen Unterstützungsleistungen von Seiten der mächtigen Automobilindustrie. Ein wenig fachliche Unterstützung gab es höchstens in vertraulichen Hintergrundgesprächen, kaum ein Wissenschaftler war bereit, die Vorgehensweise der Autohersteller öffentlich zu erörtern oder gar zu kritisieren.

Drehs wurden abgebrochen

Das führte dazu, dass beispielsweise Prüfstandstests nur im Ausland durchgeführt werden konnten, weil keine deutsche Stelle dazu bereit war. Oder dass ein Dreh auf einer renommierten Autoveranstaltung nach der ersten Hintergrundfrage von der verantwortlichen Universität abgebrochen wurde, aus Sorge vor möglichen Konsequenzen. Die Verflechtungen zwischen Industrie und Forschung sind tiefgehend und umfangreich, wie zum Beispiel die Recherchen der Internetseite "Hochschulwatch" zeigen.

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Gerade im technischen Bereich sind Journalisten auf die Unterstützung von Experten angewiesen, um die Ergebnisse richtig einordnen zu können.

Dabei sind Journalisten gerade bei diesen Recherchen im technischen Bereich dringend auf die Einschätzung und Unterstützung durch Experten angewiesen. Das "Dichtmachen" ist offenbar kein norddeutsches Phänomen, ein Kollege von den "Stuttgarter Nachrichten" schilderte das Dilemma gegenüber ZAPP so: "Diese extrem ausgeprägte Art der Zurückhaltung, wie sie bei der VW-Abgas-Affäre an den Tag gelegt worden ist, habe ich so noch nie erlebt. [...] Es ist nun mal unser Job, schnell auch an Informationen, an fundierte Informationen zu gelangen. Und wenn das nicht möglich ist, dann behindert das natürlich auch die Arbeit hier in der Redaktion. Und in letzter Instanz natürlich auch eine akkurate Information der Öffentlichkeit."

Kritische Journalisten werden angeprangert

Die Autohersteller gehen nach Recherchen von ZAPP sogar noch weiter: Gezielt prangern sie beispielsweise einen einzelnen kritischen Journalisten in Pressemitteilungen an oder tauchen beispielsweise mit ihren Anwälten auf einer Pressekonferenz auf, um die Veröffentlichung von Ergebnissen zu überwachen. Was dazu führt, dass Axel Friedrich von der Deutschen Umwelthilfe sich genau überlegen muss, wie weit er - zur Vermeidung eines zeit- und kostenaufwändigen Rechtsstreites - dann überhaupt gehen kann: "Ich habe nicht die Ressourcen, die die haben, mit Anwälten, ich muss das selber, persönlich durchführen."

"Wissenschaft wird als Stimme der Vernunft gebraucht"

Pressesprecher mehrerer Universitäten, mit denen ZAPP gesprochen hat, sind nicht besonders glücklich über die Zurückhaltung ihres wissenschaftlichen Personals. Stehen sie doch regelmäßig den berechtigten Anfragen seriöser Journalisten gegenüber und können dann nicht "liefern". Doch "gerade in kritischen Themen braucht es die Stimme der Wissenschaft als die Stimme der Aufklärung und Vernunft", wie eine Pressesprecherin einer norddeutschen technischen Universität gegenüber ZAPP sagte. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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ZAPP | 03.02.2016 | 23:20 Uhr