Sendedatum: 08.11.2009 23:35 Uhr

20 Jahre Mauerfall - Geteilte Medienwelt in Ost und West

von Nils Casjens, Ajmone Kuqi

20 Jahre Mauerfall - endlich ist es soweit: Jahrestag! Das Ost Sandmännchen hat Grund zum Feiern. Es hat den Kalten Krieg, die DDR und seinen Westkollegen überlebt. Und wenn es abends über den Bildschirm schwebt, dann sitzen wirklich alle vor dem Fernseher. Sonst ist das nicht so.

Die DDR bestellte FDJ-Jubelmärsche, selbstgerechte alte Männer, Fackelumzüge. Es gab lange Reden und graue Städte. Nichts, was die Menschen sich gern noch im Fernsehen angeguckt hätten. Die DDR-Bürger schalteten lieber Westfernsehen ein: "Tagesschau", "Kontraste", "Kennzeichen D" und natürlich "Dallas". Deutschland war geteilt in Ost und West, die Zuschauer nicht. Michael Haller, Professor für Journalistik, meint: „Das war damals die ferne, ersehnte, sozusagen exotische Welt. Das ist, wie wenn Sie durch ein Schlüsselloch schauen und das unglaublich aufregend finden, was Sie dann da sehen.“ Sergej Lochthofen, Chefredakteur der "Thüringer Allgemeine", meint: „Das andere war, sag ich mal, eine verbotene Information, es war eine Information, die man unbedingt brauchte, um überhaupt alles verarbeiten zu können. Heute wird das natürlich nicht mehr so empfunden, vieles von dem sieht man anders. Man hat es auch anders erlebt.“

Fernsehen: Bedürfnis nach Geborgenheit im Osten?

Heute läuft im Osten "Das Traumschiff" besonders erfolgreich, gefolgt von "Wer wird Millionär" und der Sachsen-Soap "In aller Freundschaft". Das sind die meistgesehenen Sendungen im Osten. Im Westen dagegen sind die Top 3: "Wetten, dass..?", "Tatort" und die "Tagesschau". Westdeutschland sieht anders fern als Ostdeutschland. Michael Haller erklärt: „Das liegt daran, dass die Fernsehzuschauer in den neuen Bundesländern stärker interessiert sind an Unterhaltungssendungen, die nicht sehr anspruchsvoll sind, die also stärker auch so etwas wie Entschädigung, wie, ja, Flucht aus dem schwierigen Alltag der Menschen erlauben.“

Sind auch Florian Silbereisen und seine heimeligen Musikfeste eine Flucht aus dem schwierigen Alltag? Im Osten ist mehr als jeder Vierte dabei, im Westen nicht einmal jeder Fünfte. Ähnlich ist es bei Andy Borgs "Musikantenstadl" und "Willkommen bei Carmen Nebel". Wohl nirgends sonst ist der Unterschied zwischen Ost und West so groß. Der Journalistikprofessor Michael Haller meint: „Das, was Volksmusik ist, aber noch mehr ein bestimmter Typ von Schlagermusik, steht für eine kulturelle Tradition, die ja mit dem Ende der DDR nicht untergegangen ist.“ Die Redakteurin der Süddeutschen Zeitung, Christiane Kohl, erklärt: „Das hängt alles so ein bisschen mit diesem Bedürfnis nach Sicherheit und auch nach Geborgenheit. Also das Bedürfnis nach Geborgenheit ist vermutlich größer als im Westen, einfach dadurch, dass man in so eine Unsicherheit geworfen worden ist.“

Öffentlich-Rechtliche versus Private Sender

Auf unterschiedliche Bedürfnisse stoßen offenbar auch die Nachrichtensendungen. Im Westen gucken ein Drittel der Zuschauer die "Tagesschau" im Ersten, im Osten deutlich weniger. Ähnlich haben die ZDF "heute"-Nachrichten höhere Marktanteile in Westdeutschland als in Ostdeutschland. Bei "RTL aktuell" ist es dagegen anders. Diese Sendung wird im Osten deutlich mehr gesehen als im Westen. Sergej Lochthofen meint: „Alles was so vordergründig, sozusagen sehr festgelegt, sehr ernst daher kommt, riecht ein bisschen auch vielleicht nach der alten DDR "Aktuelle Kamera". Das man das Ganze auch gerne hinter sich gelassen hat und jetzt ins andere Extrem möglicherweise auch etwas ausschlägt.“ Michael Haller meint: „Es ist klar, dass gerade die Nachrichtensendungen der privaten Programmanbieter und hier sagen wir mal die noch handwerklich bestgemachte von den privaten, ist "RTL aktuell", einen stärkeren eben boulevardigeren Charakter haben.“

Tageszeitungen: Korrespondenzberichte aus dem Osten

Hartnäckig bestehende Unterschiede zwischen West und Ost spüren auch die überregionalen Tageszeitungen. Sie werden im Westen mehr als dreimal so viel gelesen. Ähnlich die Wochenblätter. Sie sind in Ostdeutschland bis heute nicht sonderlich erfolgreich. Sergej Lochthofen meint: „Die meisten Korrespondenzen, die da erscheinen in den Überregionalen, sind nach wie vor wie Auslandskorrespondenzen geschrieben. Meistens über Frankreich und Italien etwas freundlicher als über den Osten.“ Für Michael Haller ist das „wie eine Dissonanz - das ist so, wie wenn sie in einer Melodie immer einer neben die Tasten schlägt. So war eigentlich dieses Konzert der Medien gegenüber den Ostdeutschen. Jedenfalls in den Ohren der Ostdeutschen.“

In Berichten über den Osten nehmen die "Ohren der Ostdeutschen" vor allem Klischees wahr: Nazis, Abwanderung aus den neuen Ländern, Tristesse, Arbeitslosigkeit. Der Chefredakteur der  „Thüringer Allgemeine“ meint: „Wenn man den Osten wahrnimmt, ist das ein jammernder Osten, ist es ein brauner Osten. Thüringen hat keine Neonazis im Parlament, trotzdem sind wir da mit sozusagen in dieser Runde. Das heißt also, da gibt es einfach auch seitens des Lesers das Gefühl, das sind nicht seine Themen die da drin stehen.“ Christiane Kohl von der Süddeutschen Zeitung erklärt: „In vielen ostdeutschen Amtsstuben herrscht einfach dieses Gefühl vor: So, das war vielleicht in den ersten drei Jahren nach der Wende, aber jetzt ist alles in Ordnung und hier stimmt alles und jetzt wollen wir keine Kritik mehr und da bin ich einfach dagegen. Und wenn man dann als Zeitung, als westdeutsche Zeitung immer wieder in diese Wunden bohrt, dann ist man einfach bei den Amtsstuben relativ schnell unbeliebt.“

Der Erfolg der "SuperIllu"

Bei den Bürgern offenbar auch. Sie lieben ein anderes Blatt: die "SuperIllu". Fast drei Millionen Leser im Osten, mehr als Spiegel, Stern, Zeit, Focus und Bunte zusammen. Sie ist das Zentralorgan des Ostens, mit vielen Ost-Stars, viel Service, viel Boulevard und auch mit Politik. Michael Haller meint: „Die "SuperIllu" pflegt und bedient in gewisser Weise diese Mentalitäten, die in den neuen Bundesländern schon zu DDR-Zeiten gewachsen sind und natürlich zu dem Lebensgefühl der Menschen gehören.“ Jochen Wolff, Chefredakteur "SuperIllu", erklärt die Rolle der Zeitschrift: „Wir sind der positive Freund, der einen bei der Hand nimmt und auch in Krisensituationen zur Seite steht und der mir hilft, mich besser zurechtzufinden.“  

Jochen Wolff ist seit fast 20 Jahren Chefredakteur der "SuperIllu". Er ist es, der die Linie der Zeitschrift bestimmt. Eine Linie, die in der Sonderausgabe zur deutschen Einheit besonders deutlich wird. Hier wird am 17. August getitelt „Was wir wirklich erreicht haben". Chefredakteur Jochen Wolff erklärt: „Mir fehlt auch dieses Gefühl, der Stolz auf das gemeinsam nach der Wende Erreichte. Ich glaube, es konnte ja nur Deutschland schaffen, ein vom Sozialismus so ruiniertes Land innerhalb dieser kurzen Zeit wieder so aufzubauen und das wäre auch ein Grund zur Freude.“ Und so berichtet die "SuperIllu" über "20 Jahre - 20 gute Nachrichten", über Familie Schulz aus Grimma und ihr kleines Glück. Das ist eine etwas andere Bilanz, 20 Jahre nach dem Mauerfall. Jochen Wolff meint: „Die Ostdeutschen brauchen sicherlich etwas von dem Gefühl, dass die Bayern zum Beispiel auszeichnet, dieses Mir-san-mir-Gefühl: Also wir sind etwas, wir stellen etwas dar, wir haben etwas erreicht.“

Erfolg des MDR

Stolz, Wir-Gefühl, Heimatliebe, das möchte offenbar auch der MDR erreichen mit fröhlichen Wanderformaten wie "Schöne Aussichten". Heiter, herzig, harmlos oder Alles Gute, ein wohliges Glückwunschprogramm. Es wird viel gesungen beim MDR. Dazu populäre Sendungen wie "Kripo live". Der MDR ist das erfolgreichste Regionalprogramm in Deutschland. Christiane Kohl von der Süddeutschen Zeitung meint: „Es gibt die Parallelen zwischen MDR und "SuperIllu", dass sie beide sich sehr stark auf die Boulevard-Themen konzentrieren, dass sie sehr viele Servicethemen machen, sehr viel Lebenshilfe, sehr viel eben dieses sogenannte Bunte, Grelle. Und auch beide eigentlich so ein bisschen auf dieser Entpolitisierungswelle mit reiten.“ Sergej Lochthofen von der Thüringer Allgemeine erklärt: „Ich glaube, die treffen relativ gut, sag ich mal, den Ton, der viele Menschen hier beschäftigt, die ja auch tatsächlich 30, 40 Jahre lang auch noch andere Themen kannten außer denen, die sie aus ARD und ZDF wahrgenommen haben.“ 

20 Jahre sind seit dem Mauerfall vergangen. 20 Jahre, in denen zusammenwachsen sollte, was zusammen gehört. Doch die Menschen waren widerspenstig, haben verschiedene Zeitungen gelesen, verschiedene Fernsehsendungen gesehen. Und sie tun es noch immer – die Älteren etwas mehr, die Jüngeren schon etwas weniger.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 08.11.2009 | 23:35 Uhr