Unsere Geschichte - Als Hollywood in der Heide lag

Die Filmstudios von Bendestorf

Samstag, 27. August 2016, 11:30 bis 12:15 Uhr

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Die Filmstudios von Bendestorf hatten ihre beste Zeit in den frühen 50er-Jahren.

Vergessen und verwittert liegen heute drei Studiohallen im grünen Nirgendwo - Reste von "Hollywood in der Heide" am Rande von Niedersachsen. Nach dem Zweiten Weltkrieg quoll das kleine Bendestorf in der Nordheide, 30 Kilometer südlich von Hamburg, über von Menschen. Unter die vielen Flüchtlinge und Dorfbewohner mischten sich ab 1947 auch berühmte Schauspieler: Zarah Leander aß im Dorfkrug Kartoffelsuppe, Marika Rökk zeigte Tanzeinlagen auf dem Tresentisch. Unbelehrbare Nazis schmissen rauschende Feste für die Filmindustrie. Dazwischen versuchten traumatisierte Flüchtlinge als Hilfskräfte Fuß zu fassen. Bendestorf avancierte zur Filmhochburg und wurde in einem Atemzug mit den anderen großen Studios in Deutschland genannt: Berlin, München, Köln - und Bendestorf.

"Die Sünderin" aus dem Heidegarten

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Auch der damals umstrittene Film "Die Sünderin" entstand in der Heide.

Das alles hat mit Filmproduzent Rolf Meyer zu tun. Meyer kam von der UFA in Berlin. Mit nichts als einem Fahrrad und einem Persil-Karton landete er als Flüchtling in Bendestorf. Die englischen Besatzer machten ihn erst zum Bürgermeister, dann gestatteten sie ihm eine Produktionsfirma mit Studios. Der berühmteste Film seiner "Jungen Film-Union" war "Die Sünderin" mit Hildegard Knef. Im Dorf streitet man heute darüber, in wessen Garten die skandalumwitterte Nacktszene denn nun gedreht worden ist. Finanziert wurden die Produktionen von den Parvenüs der Nachkriegszeit. Bezeichnenderweise war es ein Fleischfabrikant aus Hamburg, der im Jahr 1947 schon zwei Millionen Reichsmark übrig hatte, um sie in die unsichere Filmbranche zu stecken. Außerdem nahm Meyer Geld ein mit - wie wir heute sagen würden - "product placement", also Produkten, die gegen Bares im Film vorkamen.

Auf kurzem Weg in die Pleite

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Die Studios lieferten bunte Bilder aus der grauen Nachkriegszeit.

Trotzdem ging es mit der jungen Filmindustrie rasch bergab, 1952 war Meyer schließlich pleite. Auch sein letzter erfolgreicher Farb- und Kostümfilm mit Marika Rökk konnte ihm nicht mehr helfen. Am Ende musste er sogar vor Gericht erscheinen, weil ihm Konkursverschleppung vorgeworfen wurde.

Blick auf die Nachkriegsgeneration

Hollywood in der Heide - das ist nicht nur ein nostalgischer Rückblick auf die frühen Filme der jungen Bundesrepublik. Es ist ein Blick auf eine Nachkriegsgesellschaft, die versuchte, wieder auf die Beine zu kommen und sich moralisch neu zu verorten. Eine Gesellschaft zwischen Durchschlawinern, Traumata und dem Wunsch nach Neuanfang. Eine Gesellschaft, die es vermied, zurückzublicken und auch in der Filmindustrie jedes kritische Thema ausblendete. Die andererseits mit ihren Filmen versuchte, den traumatisierten Menschen wieder Mut zu machen fürs Weiterleben.

Autor/in
Susanne Brahms
Redaktion
Herold, Michaela