Stand: 09.09.2014 17:40 Uhr  | Archiv

"Die Wucht der Vorwürfe hat uns überrascht"

Der Panorama Bericht über Fracking hat für viel Aufsehen gesorgt: Bislang dominierten massive Vorbehalte gegenüber dieser Art der Gasförderung die öffentliche Debatte. Viele Zuschauer zeigten sich irritiert, dass Panorama nun deutlich differenzierter über das Thema berichtet. Im Gespräch erläutern die Panorama Reporter Thomas Berbner und Johannes Jolmes ihre Motivation und gehen auf einige der Reaktionen ein.

Panorama: Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Thomas Berbner/ Johannes Jolmes: So wie viele Themen entstehen: Im Gespräch beim Mittagessen. Wir haben uns einfach über die Wucht der Berichterstattung gewundert und dann angefangen zu recherchieren und sind mit Wissenschaftlern und Bürgerinitiativen ins Gespräch gekommen. Der Vorschlag wurde nicht - wie uns unterstellt wird - von der Industrie oder Lobbyisten an uns herangetragen.

Viele Zuschauer irritiert, dass auch Panorama in der Vergangenheit Fracking deutlich ablehnend gegenüber gestanden zu haben scheint. Wie sehen Sie diesen scheinbaren Widerspruch?

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Panorama-Autor Thomas Berbner geht den Vorurteilen gegenüber Fracking nach.

Wir sehen keinen Widerspruch. Panorama hatte 2011 über das Problem von undichten Rohren bei der Entsorgung von Lagerstättenwasser berichtet. Das war damals wie heute ein Problem und auf diese Problematik weist auch unser aktueller Bericht ausdrücklich hin. Allerdings hat Panorama damals auch das Bild des "brennenden Wasserhahns" aus Colorado verwendet, obwohl dieser Wasserhahn nachweislich nicht wegen Fracking brannte. Da hat Panorama - genau wie alle anderen - auf das spektakuläre Bild gesetzt und vertraute den Machern von "Gasland" rückblickend zu stark.

Hand aufs Herz: Können Sie ausschließen, dass die Informationen, auf denen Ihr Beitrag basiert, gezielt von der Industrie und deren Lobbyorganisationen verbreitet werden, um Politik und Öffentlichkeit aus Profitgier sprichwörtlich Sand in die Augen zu streuen?

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Ja, das können wir. Niemand hat uns das Thema angedient. Niemand hat uns irgendetwas dafür versprochen. Ganz ehrlich: Wir waren ziemlich über die Wucht dieser Vorwürfe überrascht. Nur weil jemand mal eine andere Meinung hat, ist er nicht gleich gekauft. Unsere Experten waren allesamt für die Bundesregierung tätig. Prof. Kümpel ist Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften, die dem Wirtschaftsministerium untersteht, Uwe Dannwolf wurde vom Umweltbundesamt als wissenschaftlicher Leiter der eigenen Studie ausgewählt und Prof. Emmermann hat jahrelang das Kontinentale Tiefbohrprogramm koordiniert und dort im Auftrag der Bundesregierung wissenschaftlich gefrackt.

Viele Zuschauer verweisen jedoch immer wieder auf bestimmte dokumentierte Umweltverschmutzungen in den USA, wie zum Beispiel die dokumentierte Verschmutzung von 243 Brunnen in Pennsylvania innerhalb von sechs Jahren. Werden diese Risiken nicht heruntergespielt?

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Panorama-Autor Johannes Jolmes ist über die Wucht der Vorwürfe überrascht.

Auf diese Risiken gehen wir in unserer halbstündigen Fassung explizit ein. Dafür sind wir auch extra nach Pennsylvania gefahren. Dort gab und gibt es tatsächlich Verunreinigungen. Das liegt vor allem an schlecht zementierten Bohrungen. Häufig werden auch Verunreinigungen, die bei konventioneller Förderung entstanden sind, einfach auf das "Fracking-Konto" draufgeschlagen, obwohl es sich in Wirklichkeit um "ganz normale" Erdöl- oder Erdgasförderung gehandelt hat. Zudem verweisen deutsche Experten immer wieder darauf, dass die Verhältnisse nicht so einfach zu vergleichen sind. Die Auflagen in den USA und Deutschland unterscheiden sich deutlich. Uwe Dannwolf, der Leiter der UBA-Studie, hat einmal bei einer Podiumsdiskussion versucht, die Wahrscheinlichkeit einer defekten Bohrung in ein Verhältnis zu setzen. In den USA, so sagt er, stehe die Chance bei 1:1.000, in Deutschland bei 1:1.000.000. Dennoch ist die Bohrung die Schwachstelle und genau deswegen sagen auch viele Experten, dass man dort die Überwachung noch weiter verbessern muss. Außerdem möchten wir noch auf eine Sache hinweisen: Die Zusammensetzung der Fracking-Flüssigkeit wird von ExxonMobil seit Jahren offengelegt, die Behauptung, es würden "geheime Giftcocktails" verwendet, stimmt im Fall ExxonMobil so einfach nicht.

Wie erklären Sie sich die Dominanz, die das Thema Fracking in der Energiedebatte zum Teil hat - obwohl doch in Deutschland bislang kaum gefrackt wird?

Natürlich gehen bei diesem kontroversen Thema die Meinungen stark auseinander. Es ist nur aus unserer Sicht so, dass die Sichtweise der Wissenschaft auf diese Technologie zu wenig gehört wurde. Wir fanden es sehr erstaunlich, dass es unter allen maßgeblichen Geologen in Deutschland die vorherrschende Meinung ist, dass die Fracking-Technologie beherrschbar ist. Denn es ist ja nicht so, dass in Deutschland noch nie gefrackt wurde. Im Sandstein wird seit 1961 gefrackt - und die Technologie ist im Schiefergestein ähnlich. Dort gibt es zwar nach Forschungsbedarf beim so genannten Flowback, aber generell ist zu sagen, dass die Technologie vergleichbar ist und beherrschbar ist.

Das Interview führte Andrej Reisin.

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