Stand: 03.05.2016 11:28 Uhr

"Der Journalismus hat eine Erklärfunktion"

Ingrid Brodnig ist Journalistin beim österreichischen Nachrichtenmagazin "profil und dort für die Berichterstattung über digitale Themen zuständig. Mit Panorama - die Reporter spricht sie über den "Hass im Netz".

Panorama - die Reporter: Sie haben sich mit Gerüchten dem Hass im Netz beschäftigt. Was für eine Rolle spielen Gerüchte in Sozialen Medien?

Ingrid Brodnig: Gerüchte spielen in den sozialen Medien ein große Rolle. In Deutschland ist das eigentlich erst wirklich mit der Flüchtlingsdebatte gestartet. Ein simples Beispiel: Mittlerweile glauben etliche Menschen im deutschsprachigen Raum, dass in Schweden eine Art Bürgerkrieg ausgebrochen ist und dass sich blonde Frauen die Haare schwarz färben müssen, damit sie nicht vergewaltigt werden. Das sind wirklich abstruse Gerüchte. Die funktionieren unter anderem auch deswegen so gut, weil sie immer wieder wiederholt werden. Manche Gerüchte schaffen es um die ganze Welt. Durch die Wiederholungen entsteht der Eindruck: da ist was dran.  Die Menschen sagen dann: Naja, ich habe das jetzt schon so oft gehört, da muss doch irgendwas dran stimmen.

Panorama - die Reporter: Welche Rolle spielen die Medien bei der Verbreitung solcher Gerüchte?

Brodnig: Die Medien können Auslöser für Gerüchte sein. So wird häufig eine Nachricht, die tatsächlich stimmt, übernommen, aber dann stark verfälscht und aufgebauscht. Was besonders lustig ist: Im Netz beschweren sich viele User, dass die "Lügenpresse" etwas verheimlicht. Um das zu belegen, werden oft Links und Artikel von klassischen Medien gepostet.

Panorama - die Reporter: Klassische Medien spielen also schon eine Rolle in Kreisen, in denen Gerüchte verbreitet werden und auch wahrgenommen werden bei Leuten, die vielleicht gar nicht übermäßig an der Wahrheit interessiert sind?

Brodnig: Ich glaube es gibt einen Teil des Publlikums, das ganz schwer zu erreichen ist. Aber mein Eindruck ist, dass es viele Menschen gibt, die dazwischen stehen und ängstlich und beunruhigt sind. Die lesen vieles, was ihnen nicht behagt und da hat der Journalismus durchaus noch eine Art Leit- und Erklärfunktion.

Wichtig ist zudem ein Medienjournalismus, der sich verteidigt. Es kommt häufig der Vorwurf, dass Dinge verheimlicht werden. Die Menschen glauben, dass Dinge bewusst nicht berichtet werden. Da ist es wichtig, dass man ihnen erklärt, dass Medien immer eine Auswahl treffen und es kein verheimlichen ist, wenn es mal nicht gemeldet wird. Es ist ein gewichten der Nachrichten.

Es wäre zum Beispiel fatal, wenn Medien hundert Prozent aller Straftaten von Migranten berichten würden. Erstens wäre dann wirklich jeder Sendeplatz im Programm voll, sie hätten dann nicht einmal Comedy oder irgendetwas anderes und zweitens hätten wir dann hundert Prozent von der Kriminalität von Migranten, aber kein Platz mehr für Kriminalität von Deutschen oder Österreichern. Das wäre ja auch nicht fair. Diese Balance müssen Medien offen zu machen und darüber reden, sich dem Publikum stellen. Ich glaube, das darin auch eine Chance für den Journalismus liegt.

Panorama - die Reporter: Welche Strategien können aus Ihrer Sicht erfolgreich sein, wie sollen sich Medien mit diesen Vorwürfen auseinandersetzen?

Brodnig: Medien könnten stärker den Dialog suchen. Das ist am Wochenende gut zu beobachten: Viele User wissen, dass sie ab Freitag Abend alles posten können und Kommentare hinterlassen können, die wirklich übel sind. Das bleibt bis Montag stehen. Wir Medien haben sicherlich noch nicht alles ausprobiert was man machen könnte, um diese Gerüchte zu kontern und darauf zu reagieren.

Gut wäre auch eine Art der Quellenkritik. Mir fällt immer wieder auf, dass Menschen zum einen islamfeindliche Seiten wie "Politically Incorrect" lesen, und zum anderen Spiegel online oder Zeit online und dann glauben sie, die Wahrheit ist irgendwo dazwischen. Aber das eine ist Journalismus und das andere ist wirklich eine Seite von Menschen mit einer klaren Ausrichtung mit einem missionarischen Ziel quasi gegen den Islam. Und das in einen Topf zu werfen ist wirklich gefährlich.

Das Gespräch führten Sabine Puls und Andrej Reisin.

Dieses Thema im Programm:

Panorama - die Reporter | 03.05.2016 | 21:15 Uhr