Stand: 05.09.2017 21:00 Uhr

Fünf Fragen an Wahlkampfberater Frank Stauss

von Susanne Stichler

Sprechen Wähler und Volksvertreter noch und dieselbe Sprache? Oder reden Bürger und Politiker aneinander vorbei? Der langjährige Wahlkampfberater Frank Stauss hat viele Wahlkämpfe erfolgreich bestritten. Über seine Wahrnehmung der aktuellen Entwicklung spricht er mit Panorama 3.

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Wahlkampfberater Frank Stauss im Gespräch mit Susanne Stichler.

Man hat das Gefühl, es ist auch eine gewisse Sprachlosigkeit oder man spricht verschiedene Sprachen, die Politiker und die Bürger, kommt es auch daher, dass wir diese geschliffenen Phrasen immer wieder hören, vielleicht auch trainiert durch Wahlkampfberater?

Frank Stauss: Ja, das hat natürlich auch etwas damit zu tun. Auf der anderen Seite: es hat sich eben vieles verändert. (...) Wir wissen heute viel mehr über Politiker, können viel mehr über sie erfahren, wissen manchmal auch mehr als wir wollen und dadurch hat eigentlich eher ein Abbau von Distanz stattgefunden, aber eben auch letztendlich eine Entfremdung im Sinne von: "Ja Mensch, was tun die denn jetzt konkret für mich und was hilft mir in meiner Situation."

"Leute haben nicht den gleichen Wissensstand"

Früher hat man ja gesagt, wir hatten nicht viele Medien zur Auswahl, da hat jeder dann doch die Tagesschau geguckt - ist so Wissen auch anders vermittelt worden?

Stauss: Das ist ein ganz, ganz wichtiger Punkt, durch die Vielfalt der Kanäle, aber auch durch die Unterschiedlichkeit der Nutzung, der eine kann sie nutzen, der andere nicht, haben wir ein viel geringer ausgeprägtes kollektives Wissen. Also früher, hatten wir drei Fernsehkanäle, drei Radiostationen und eine Tageszeitung, da wussten viele Menschen gleichzeitig das Gleiche und konnten drüber diskutieren und man hat Dinge mitbekommen, man hat miteinander gesprochen. Heute ist es so: jeder holt sich seine Informationen irgendwo her und auch die Politik kann nie mehr davon ausgehen, dass die Leute den gleichen Wissenstand haben und das ist kurios. Wir haben in einer Zeit, in der man an Informationen so leicht kommt wie noch nie in der Geschichte der Menschheit gleichzeitig Leute, die viel weniger über Politik und Gesellschaft wissen als vor 20 Jahren.

Vernachlässigung einzelner Regionen

Jetzt sagt man ja immer so schön: Wahlen werden in der Mitte gewonnen. Heißt das umgekehrt, dass die Politiker, die etablierten Parteien, auch die Ränder sozusagen vernachlässigen, teilweise da gar nicht mehr hingucken, gar nicht mehr in Regionen hingehen, wo sie sagen: Hab ich eh keine Chance?

Stauss: Das ist eine ganz, ganz große Gefahr, weil natürlich auch durch die Zunahme von Wahlkampftechnologie wissen die Parteien immer mehr, wo ist mein Potential in nem Wahlkampf, wo lohnt es sich hinzugehen und wo lohnt es sich nicht hinzugehen. Das heißt, wo kann ich Wähler gewinnen und wo nicht. Das führt dazu, dass zum Teil ganze Stadtteile und zum Teil auch Regionen mehr oder minder aus dem Wahlkampf rausfallen, dass man sich gar nicht großartig mehr bemüht, weil man sagt, naja, da gehen eh zu wenig wählen.

Aber müsste man da nicht ganz gezielt hingehen und zwar nicht nur zur Wahl, weil die Leute sagen: "Bei uns ist keiner mehr, dann gehen wir auch nicht wählen"?

Stauss: Ja, das ist genau der Punkt. Das werden Sie nicht in einem Wahlkampf lösen, das werden sie nicht in den vier, fünf Monaten, in denen Wahlkampf herrscht, lösen, das müssen Sie in den vier Jahren dazwischen angehen. Ist aber natürlich immer leichter gesagt als getan.

Aber da sagen Sie schon, das ist ein Defizit?

Stauss: Ja, aber es ist ein verständliches. Man muss wirklich viele Dinge neu denken und man darf nicht in den alten Trampelpfaden unterwegs sein. Allerdings auf beiden Seiten. Ich bin ja auch ein großer Anhänger, auch die Bevölkerung mal ein bisschen zu fordern. Auch den Bürger und die Bürgerin zu fordern. Es gibt auch eine Holschuld eines Bürgers und einer Bürgerin, in einer Demokratie sich Informationen zu besorgen und das kommt vielerorts zu kurz.

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 05.09.2017 | 21:15 Uhr