Stand: 14.11.2017 15:24 Uhr

Mit dem Fischkutter Flüchtlinge retten

von Lara Straatmann

In Hamburg schippert Norbert Zimmermann oft mit einer kleinen Jolle auf der Alster. Der 72-Jährige könnte es sich im Ruhestand eigentlich gut gehen lassen, doch stattdessen sticht er bereits zum sechsten Mal mit der "Sea-Eye" in See. Mit dem 60 Jahre alten Fischkutter aus DDR-Zeiten geht es vor die libysche Küste, um dort Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu retten. Der Verein "Sea Eye" hat mit dem Schiff in den vergangenen eineinhalb Jahren schon 11.000 Flüchtlinge gerettet. Norbert Zimmermann ist das erste Mal als Kapitän an Bord. "Es kann nicht sein, dass Menschen zu Tausenden auf dem Mittelmeer ertrinken", sagt er. Das könne man so nicht stehen lassen.

Zwei Hamburger, eine Mission

Zimmermann hat als Kapitän die Verantwortung für die Crew und die gesamte Mission. Für ihn ist Retten ist nicht politisch, sondern menschlich. Es ist aber auch seine eigene Geschichte, die ihn antreibt: Im Zweiten Weltkrieg floh seine Mutter mit ihm im Arm aus Schlesien. Er war noch ein Baby.  "Nur weil eine unbekannte Frau meiner Mutter geholfen hat, habe ich überhaupt überlebt, sonst wäre ich nicht", erinnert sich der 72-Jährige.

Mit an Bord ist auch Gorden Isler. Der Finanzberater und Unternehmer ist zum dritten Mal auf einer Mission dabei. In der Hansestadt engagiert er sich seit Jahren mit seinem eignen Verein "Hamburger mit Herz". Mit den Spenden hat er ein Hilfsprojekt für ein kleines Dorf in Äthiopien gegründet. So will er auch Fluchtursachen bekämpfen. Es sei eine unglaubliche Erfahrung, zu erkennen, dass der Einzelne eben doch einen Unterschied machen könne, sagt Isler, "dass man seine Ohnmacht überwinden kann und einfach wirksam helfen kann".

Hamburg rettet - mit dem Fischkutter über das Mittelmeer

Unterwegs auf einem 60 Jahre alten DDR-Fischkutter

Nicht nur die Rettungsaktionen, auch das Leben an Bord des Fischkutters ist eine Herausforderung. Der Verein "Sea Eye" arbeitet mit einfachsten Mitteln. Das Schiff ist mit seinen 60 Jahren eigentlich museumsreif. Die Sanitäreinrichtungen sind spärlich, alles findet auf engstem Raum statt. 24 Stunden am Tag muss der Wachdienst besetzt sein. Das heißt, dass die Besatzung keine Nacht durchschlafen kann: Jeder muss drei Stunden jede Nacht Wache halten, am Tag vier Stunden.

Drohungen aus Libyen

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Dieses alte Fischerboot ist manövrierunfähig, an Bord sitzen drei Kinder, ein Säugling und eine schwangere Frau.

Gemeinsam mit Norbert und dem Rest der Crew startet Isler von Valetta aus Richtung libysche Küste. Den Flug nach Malta, dem Heimathafen der "Sea-Eye", zahlt jeder aus eigener Tasche. Doch die Spielregeln auf dem Wasser haben sich verschärft. Libyen hat eine 70-Meilen-Zone für sich deklariert, die explizit nicht von Nichtregierungsorganisationen befahren werden darf. In diese Zone mitten in internationalem Gewässer darf normalerweise jedes Schiff fahren und retten. Doch die libysche Küstenwache drohe den Organisationen mit Waffengewalt, wenn sie sich der Küste nähern, um Flüchtlinge zu retten, sagen sie. Das Problem: 70 Meilen weit raus würden es die Flüchtlingsboote erst gar nicht schaffen. "Es ist frustrierend zu wissen, dass 40 Meilen entfernt Menschen ertrinken und wir können nicht hin, weil wir dann eine Eskalation befürchten müssen", so Isler.

Suche nicht immer erfolgreich

Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu Aufeinandertreffen zwischen der libyschen Küstenwache und Nichtregierungsorganisationen. Zwei Freiwillige der "Sea-Eye" wurden bereits einmal in Libyen kurzzeitig festgesetzt. Auf der Mission steht der Hamburger Kapitän Norbert Zimmermann in engem Kontakt mit der Seenotrettungsstelle in Rom. Oftmals kommt mitten in der Nacht ein Anruf aus Rom, dass vor der Küste ein Boot gesichtet wurde. Dann fahren sie im Auftrag der Regierung Richtung Tripolis und hoffen, dass sie die Menschen finden. Es ist eine Suche, die manchmal, aber nicht immer erfolgreich ist.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal 18.00 | 15.11.2017 | 18:00 Uhr