AKTUELLES AUS DER REGION
WETTER
NDR Verkehrsstudio
Aktuelle Verkehrsmeldungen aus Hamburg  Fotograf: Frederico di Campo, Jürgen Priewe
 

Verkehrsmeldungen aus Hamburg

Staus, Baustellen, Gefahrenhinweise - die aktuelle Verkehrslage mehr

Reise & Freizeit
Villen an der Hamburger Alster  Fotograf: Janina Dierks
 

Hamburg - das Tor zur Welt

Stadtporträt mit vielen Bildern und Tipps. mehr

 

Ex-Sicherungsverwahrte: von den Medien gehetzt?

Die Stadt Hamburg hat einen ehemaligen Sexualstraftäter in einem normalen Wohnviertel untergebracht. Das ist alles rechtens, für Nachbarn allerdings unerträglich und für Journalisten dagegen ein tolles Thema. Diesmal durften sie sogar von Anfang an dabei sein, waren Teil einer ausgetüftelten Medienstrategie für mehr Transparenz. Gut gedacht, aber schlecht gemacht. ZAPP über Presse, Pranger und Proteste.

Ein Film von Gita Datta.

Hamburg  Jenfeld. Jeden Tag protestieren die Anwohner hier gegen die Unterbringung von zwei Ex-Sicherungsverwahrten in ihrer Nachbarschaft.

Anwohner: Also ich fühl mich vom Senat angelogen."

Anwohnerin: "Das ist eine Katastrophe. Wir sind überhaupt nicht informiert."

Weiterer Anwohner: "Man hat uns zugesagt, dass bevor jemand einzieht, dass wir informiert werden und das ist nicht der Fall gewesen."

Dabei wollte der Hamburger Senat diesmal alles richtig machen und lud Anfang Dezember zur Infoveranstaltung nach Jenfeld. Transparenz schaffen, Fragen beantworten, Vertrauen gewinnen, für das Kommunikationskonzept hatten die Behörden sogar eine PR-Agentur beauftragt. Doch es kommt zum Eklat.

Teilnehmer der Info-Veranstaltung: "Ich kann Ihnen nur sagen, nach Jenfeld - das schminken Sie sich bitte ab."
Weiterer Teilnehmer: "Sie werden scheitern. Wir machen Ihnen die Hölle heiß."

Viele Bürger hatten offenbar erst in den Medien von den Plänen des Senats erfahren, mehrere Ex-Sicherungsverwahrte in Jenfeld unterzubringen, darunter der Sexualstraftäter Hans-Peter W, der 30 Jahre hinter Gittern verbrachte und im Sommer 2010 frei kam. Schon vor seinem Einzug nach Jenfeld machen die Behörden einen ungewöhnlichen Schritt. Sie laden die Medien zur Wohnungsbegehung, gewähren private Einblicke. Auch dies ist Teil der Transparenz-Offensive.

Christian Denso, Redakteur der "Zeit": "Also als wir unsere Geschichte recherchiert haben, war meine Kollegin auch bei diesem Besichtigungstermin vor Ort. Und sie wurde dort, wie viele andere Journalisten gebeten, größtmögliche Sorgfalt und Rücksicht walten zu lassen. Es wurde nichts direkt vorgeschrieben, aber es wurde doch darum gebeten, zum Beispiel, die genaue Lage, sprich die Straße dieses Hauses nicht zu nennen, um den Einzug dort nicht zu gefährden."

Videos
Christian Denso, Redakteur "Die Zeit" © NDR
 
Video

NDR Fernsehen: ZAPP

Das Interview mit Christian Denso, Redakteur "Die Zeit"

Video starten (14:11 min)

Alles wurde berichtet

Doch einige Journalisten halten sich nicht daran. "Hier ziehen entlassene Schwerverbrecher ein!"(1.12.2011), berichtet die "Hamburger Morgenpost" reißerisch und nennt den Namen der Straße. "Schwerverbrecher zieht in Jenfeld ein"(16.01.2012) berichtet  das "Hamburger Abendblatt". Auch hier ist der genaue Wohnort zu erkennen. "Hier leben bald Sexgangster und Totschläger" (2.12.2012) titelt "Bild" mit Hinweis auf den genauen Wohnort und "Bild erklärt das "Haus der Schwerverbrecher" in allen Details: "Wie sind die Männer untergebracht?" [...] Was machen W. und D. tagsüber? [...] Woher hat W. seinen Hund?" (18.1.2012). Private Details statt Aufklärung.

Christian Denso: "Es war ein Versuch und man war ein Stück weit naiv, glauben zu können, dass man die Medien soweit beeinflussen kann, dass sie positiv, im Sinne des Senats, über den Fall berichten."

Michael Alex, Kriminologe an der Universität Bochum: "Also die Rolle der Medien sehe ich in dem Zusammenhang nicht in Form einer Aufklärung, sondern im Grunde eröffnen sie, die Medien, die Jagd auf die Betroffenen."

Videos
Michael Alex, Kriminologe Universität Bochum © NDR
 
Video

NDR Fernsehen: ZAPP

Das Interview mit Michael Alex, Kriminologe Universität Bochum

Video starten (16:51 min)

Denn Journalisten verfolgen Hans-Peter W. auf Schritt und Tritt. Jede Bewegung  bringt neue Schlagzeilen. "Hans-Peter W. läuft durch die volle Fußgängerzone" (19.1.2012) berichtet "Bild" und stellt fest, er sei "vor einer Schule" gesehen worden, beim Spazieren gehen.

Michael Alex: "Ich denke eine verantwortliche Medienlandschaft setzt voraus, dass Medien insbesondere den Teil der Aufklärung ernster nehmen, als das im Augenblick geschieht. Im Augenblick geht es eher da drum, Quote zu machen."

Futter für die Medien

Einen Tag nach seinem Einzug kommt es zur ersten Konfrontation. Hans–Peter W. fühlt sich offenbar von einem Kameramann provoziert. Einer seiner Begleiter greift ein.

Christian Denso: "Genau das ist das perfide an der Situation. Man setzt ihn unter Druck. Und sobald er, im wahrsten Sinne des Wortes zurückschlägt, berichtet man darüber und sagt: 'Schaut her, wie gefährlich dieser Mensch ist'."

Die Konfrontation ist Futter für die Medien. "Schwerverbrecher schocken Jenfeld" (Bild, 17.01.2012). "Schon am ersten Tag gab’s Ärger", berichtet  "Bild". Hans-Peter W. sei "drohend auf den Journalisten" zugerannt. Genau solche Schlagzeilen wollte der Senat eigentlich  verhindern. Denn die gab es bereits 2010. Damals war Hans-Peter W. nach Harburg gezogen. Doch auch dort wollte ihn keiner haben. Medien heizten die Stimmung an, ein perfides Wechselspiel zwischen Anwohnerangst und Medienberichten. Nachdem "Bild"-Reporter versuchen, in W.s Wohnung zu gelangen, beschimpft der bedrängte Ex-Häftling einen Fotografen der Zeitung. Und schon hat "Bild" eine neue Geschichte, titelt rechthaberisch: "Sexverbrecher rastet aus" (30.7.2010). Im November kommt er schließlich in Eilbek unter, leider zeitlich befristet. Bei der nächsten Quartiersuche will der Senat die Öffentlichkeit einbinden.

Michael Alex: "Grundsätzlich ist das Interesse an Transparenz natürlich etwas Positives. [...] Wenn aber eine Situation schon mal so verschärft ist, wie sie hier durch den medialen Umgang mit der Problematik seit eineinhalb Jahren in Hamburg läuft, dann bringt Transparenz gar nichts mehr."

Alles aus Sorge vor Protesten und Schlagzeilen.

Christian Denso: "Ich glaube, es war der Versuch, aus Fehlern zu lernen und es möglichst besser zu machen, also mit einem Versuch, Offenheit, Transparenz walten zu lassen. Aber letztendlich hat auch dieser Versuch wieder gezeigt, dass es eben bei diesem Thema kaum möglich ist."

Michael Alex: "Die Bespiele aus andern Bundesländern zeigen, dass nur eine behutsame, außerhalb der Öffentlichkeit erfolgende Unterbringung die Gewähr dafür bietet, dass die Betroffenen irgendwann wieder in unserer Gesellschaft ankommen."

W.  wird in seiner neuen Unterkunft nicht lange bleiben. Sie ist bis November befristet. Danach könnte sich das alles wiederholen.

Videos
Ernst Medecke, Rechtsanwalt © NDR
 
Video

NDR Fernsehen: ZAPP

Das Interview mit Ernst Medecke, Rechtsanwalt

Video starten (12:29 min)
NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/regional/hamburg/jenfeld113.html
Logo der Sendung Zapp © NDR
Aktuell

SPD-Leitlinien zur Sicherungsverwahrung

Hamburgs Sozialdemokraten setzen unter anderem auf eine Kooperation der norddeutschen Bundesländer. mehr

Zapp
Tür in einem Gefängnis © dpa Fotograf: Marcus Führer
 

Die Hetzjagd auf den Sexualstraftäter W.

04.08.2010 | 23:05 Uhr
NDR Fernsehen: ZAPP

Die Nachbarn protestieren gegen W. – allerdings nur, wenn die Medien dabei sind. mehr