Stand: 30.12.2012 10:40 Uhr  | Archiv

Die REH - ein Boizenburger Unikum

von Axel Seitz, NDR 1 Radio MV

Es ist gewissermaßen das geniale Familien-Haus: Zunächst braucht ein Paar nur drei Teile, später mit Kindern können weitere Teile hinzu geschoben werden und dann im Alter werden diese wieder zusammengeschoben. So jedenfalls beschreibt Stefan Jonscher die Raumerweiterungshalle, kurz REH. Zwischen 1959 und 1989 wurde diese Halle in Boizenburg produziert und in die gesamte damalige DDR geliefert. Den Fachbegriff REH kannte kaum jemand, im allgemeinen Sprachgebrauch nannte eigentlich jeder dieses besondere Metall-Gebäude - ob als Gaststätte, Ferienhaus oder Kaufhalle - Ziehharmonika-Halle, weil sie wie das Instrument auseinandergezogen wurde.

REH - Ein Raumwunder aus Boizenburg

Nur noch wenige Exemplare existieren heute

Stefan Jonscher betreibt heute in Stralsund zusammen mit seiner Frau ein Hostel und auf ihrem Gelände steht eine Raumerweiterungshalle von 1971 mit acht Tunnelelementen. Das Ehepaar hat diese Halle in den vergangenen Jahren restauriert und will sie spätestens zum Sommer 2013 auch für Hostel-Gäste nutzen. Die Halle der Jonschers ist nur eine von ganz wenigen, die heute noch existieren. Insgesamt entstanden rund 3.400 solcher Raumerweiterungshallen in Boizenburg, zunächst in der Firma Helmuth Both & Co, Maschinen- und Apparatebau. Der Sohn des Firmengründers, Klaus Both, erinnert sich im Gespräch mit NDR 1 Radio MV: "Das Prinzip war, es sollte mit einem Transportfahrzeug viel Hallenfläche transportiert werden. Das ging mit dieser Art des Zusammenbaus, wo Seitenwände und Dächer in der Firma vorgefertigt werden, am günstigsten zu lösen."

Mehr als 100 Quadratmeter

1959 begann die Entwicklung, die Firma Both präsentierte eine erste Halle auf der Leipziger Messe, diese besaß noch ein komplett rundes, bis zum Boden gebogenes Dach. Ein Tunnelelement war ungefähr sieben Meter breit bei einer Tiefe von gut zwei und einer Höhe von rund drei Metern. Somit konnte die Halle auf einen Lkw-Anhänger verladen und auf der Straße transportiert werden. Am jeweiligen Standort wurden dann aus dem größten Tunnelelement bis zu sieben weitere immer kleiner werdende Tunnel herausgeschoben - so hatte die Halle dann eine Gesamtlänge von rund 16 Metern bei einer Fläche von mehr als 100 Quadratmetern.

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Klaus Both war maßgeblich an der Entwicklung der REH beteiligt.

Zunächst war die Raumerweiterungshalle vor allem als Aufenthaltsraum gedacht, der beispielsweise im Braunkohletagebau auch jederzeit von einem Standort zum anderen einfach umgesetzt werden konnte. "Die Grundidee war ja, die Halle immer wieder auf- und abzubauen", erzählt Klaus Both, "und da haben wir Gehwegplatten und darauf die Laufschienen sowie Fußbodenplatten verlegt. Darauf stand dann die Halle und wenn wir den achten Tunnel anschoben, dann wurden die anderen Tunnel mit rausgeschoben."

Durchbruch in den 1970er-Jahren

Bis 1966 produzierte die Firma Both nur 50 größere Hallen, hinzu kamen weitere 50 Ferienhäuser. Diese Bungalows hatten nicht mehr das komplett runde Dach, sondern zur besseren Raumnutzung schräge Wände und ein fast flaches Dach. Klaus Both entwickelte dann aus diesem, nur aus zwei Tunnelelementen bestehenden Bungalow einen neuen Typ der Raumerweiterungshalle. Mit diesem kam der Durchbruch, bis 1979 verließen mehr als 800 Hallen den Boizenburger Betrieb. Aus dem Provisorium wurde nun ein Dauerzustand, denn die Halle bekam neue Nutzungsmöglichkeiten: Vor allem als Kaufhalle und als Gaststätte.

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