Stand: 01.12.2016 11:00 Uhr

Nachgefragt: Riccardo Minasi

Riccardo Minasi leitet das Kammerorchester Basel bei dessen Gastspiel in der Reihe NDR Das Alte Werk.

Weihnachten ohne Weihnachtsoratorium? Für viele Musikliebhaber undenkbar. Das Kammerorchester Basel bietet am 5. Dezember eine echte Neuentdeckung als Alternative zu Bachs Weihnachtsoratorium an: Nicola Porporas "Il Verbo in carne". Violinist Riccardo Minasi wird das Konzert leiten. Im Interview erzählt er, was Porporas Musik für ihn so besonders macht.

Herr Minasi, Nicola Porpora war einer der großen Gesangslehrer des 18. Jahrhunderts. Er hat Starkastraten wie Farinelli und Caffarelli ausgebildet. Das Oratorium "Il Verbo in carne" ist ja eigentlich geistliche Musik. Setzt Porpora hier ebenso auf sängerische Virtuosität wie in seinen Opern?

Riccardo Minasi: Die Arien dieses Oratoriums sind stilistisch ziemlich "opernhaft". Natürlich kennen wir sehr virtuose Musik von Porpora, aber darüber hinaus sollten wir nicht vergessen, dass er vor allem als großer Erneuerer bekannt war, stets auf der Suche nach neuen Wegen für den melodischen Stil, für das "Cantabile" - was später einen enormen Einfluss auf die Entstehung der sogenannten Galanten Musik und des Wiener Klassizismus hatte. Porpora war sogar Haydns Lehrer.

Das Konzert

Weihnachtsoratorium einmal anders

05.12.2016 20:00 Uhr
Laeiszhalle

"Il Verbo in carne" von Händels Erzrivale Nicola Porpora verblüffte mit viel Poesie, fulminanten Arien und pastoraler Klangidylle. Für die kurzfristig erkrankte Nuria Rial sang Miriam Feuersinger. mehr

Ich glaube, es wäre sehr eng gefasst, wenn wir aufgrund der Tatsache, dass er Caffarelli und den jungen Farinelli unterrichtete, ihm allein die exklusive Rolle als Ikone der Virtuosität zuweisen. Porporas Werke aufzuführen ist immer sehr schwierig. Martinelli, der damalige Geigenlehrer des "Ospedaletto" in Venedig, hatte damals sogar um eine Gehaltserhöhung, gebeten, da es ungleich komplexer war, Werke von Porpora vorzubereiten als Werke anderer Komponisten. Die besondere Virtuosität in Porporas Werken kann manchmal durchaus frustrierend für die Musiker sein, da sie technisch sehr anspruchsvoll ist, aber längst nicht immer als virtuoses Showstück daherkommt, sodass sogar manches unbeholfen klingen kann, was nach außen als ganz lineare und einfache Musik erscheint.

In London war Porpora Händels großer Konkurrent, in Dresden maß er sich mit Johann Adolph Hasse. Warum, glauben Sie, ist Porporas Musik so lange in Vergessenheit geraten, während Händel und Hasse immer schon ihren festen Platz in den Musikgeschichtsbüchern hatten?

Minasi: Meiner Meinung nach lag das daran, dass er ein weniger geradliniges Werk hinterließ als die anderen, sich niemals in der Komfortzone eines verschlüsselten und unzweideutigen Stils zu Ruhe setzte, immer auf der Suche nach etwas radikal anderem war. Selbstverständlich können wir seinen Stil dank seiner Charakterisik genau wiedererkennen, aber gleichzeitig ist seine Musik grundsätzlich auf eine Art geschrieben, die weniger dem Geschmack eines modernen Publikums entgegen kommt: zu viele Verzierungen, zu viel Entwicklung aus einem Gedanken im Vergleich zu den anscheinend nüchterneren Komponisten der gleichen Generation. Vielleicht galt Gleiches auch schon damals für Kaiser Karl VI., der Porporas Musik aufgrund dessen Tendenz zu ausschweifenden Mikroverzierungen nicht hören mochte.

Die Erstfassung von "Il Verbo in carne", die wir im Konzert hören, wurde 1747 in Neapel uraufgeführt. Die bislang bekannte Fassung erklang erstmals 1748 entweder in Dresden oder Rom. Wo liegen die Unterschiede? Was hat Porpora für Dresden (oder Rom) anders gemacht als für Neapel?

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Das Kammerorchester Basel spielt unter Leitung seines Konzertmeisters Riccardo Minasi.

Minasi: Dass "Il verbo in carne" ursprünglich für Neapel komponiert wurde, ist eine Theorie von Giovanni Secchi, der uns auch das Material für unsere Aufführung zukommen ließ. Secchi fand in einem Katalog, der auch online zugänglich ist, ein in Neapel gedrucktes Libretto des Oratoriums ohne irgendein Datum, das einer Kopie der Partitur aus dem 19. Jahrhundert aus Deutschland entspricht. Dieses Manuskript unterscheidet sich von Porporas Autograf aus dem Jahr 1748 nur durch ein paar Arien und die Abwesenheit einiger Striche in den Rezitativen. Das könnte ein Hinweis sein, dass die deutsche Kopie eventuell von einer Version abgeschrieben sein könnte, die noch vor dem 1748er Autografen erdacht worden war.

Das in Neapel gedruckte Libretto trägt wie bereits erwähnt kein Datum, aber der Katalog schlägt ohne wirklich überzeugende Erklärungen das Jahr 1747 vor - offen gesagt, ein eher schwaches Argument für eine Rückdatierung. Wir können nur eine plausible Hypothese hierüber anstellen - ohne einen sicheren wissenschaflichen Beweis. Wir können also nicht von einer "Neukonstruktion" oder gar von einem "Original" sprechen, sondern nur von der Abschrift einer zweiten Quelle einer hypothetischen ersten Version des Oratoriums, über deren Glaubwürdigkeit wir bedauerlicherweise nichts sagen können.

Beim Stichwort "Weihnachtsoratorium" denkt jeder (deutsche) Musikliebhaber sofort an Johann Sebastian Bach. Zeitlich liegen nur 12 Jahre zwischen Porporas (1747) und Bachs (1735) Oratorium. Wie verschieden oder wie ähnlich sind diese Werke in ihrer Behandlung desselben Themas?

Minasi: Gemeinsam haben die beiden Werke nur ihr Thema. Der Stil, die Form, die musikalische Sprache, die Tatsache, dass Bach biblische Referenzen benutzt und Porpora nicht, all dies platziert diese beiden Beispiele auf zwei vollkommen andersartige Planeten. Porporas Librettist Giron war ein "Pastore" der "Accademia dell'Arcadia" in Rom (einem 1690 gegründetem Zusammenschluss von Literaten und Musiker, deren Mitglieder sich "Schäfer", also "Pastori" nannten, Anm. der Redaktion) und der ästhetische Einfluss dieses Hintergrunds spiegelt sich auch in der Musik wieder, zum Beispiel in dem Überfluss, in dem er das typisch "pastorale" Versmaß, den Daktylus, verwendet.

Seit Gérard Corbiaus Film "Farinelli" von 1994 ist der Name Nicola Porpora zumindest einigen Film- und Opernfans wieder ein Begriff. Glauben Sie an eine Renaissance der Musik von Nicola Porpora?

Minasi: Ja, ganz ohne jeden Zweifel. Und nach unserer Aufführung von "Il verbo in carne" ganz gewiss!

Die Fragen stellte Dr. Ilja Stephan

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