Stand: 28.08.2013 15:03 Uhr

Blome-Berufung: "Spiegel" ringt um Kompromiss

von Steffen Grimberg
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Nikolaus Blome soll stellvertretender "Spiegel"-Chef werden.

Kurz vor Beginn einer Sitzung der mächtigen "Spiegel"-Mitarbeiter KG hat der designierte Chefredakteur Wolfgang Büchner heute versucht, den Machtkampf beim großen deutschen Nachrichtenmagazin mit einem Kompromiss zu entschärfen. In einer Runde mit Ressortleitern kündigte Büchner an, der umstrittene bisherig stellvertretende Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, Nikolaus Blome, werde zum "Spiegel" kommen. Allerdings nicht mehr, wie bisher geplant, in der gleichen Funktion, sondern nur noch als Mitglied der Chefredaktion.

Entspannungsversuch in letzter Minute

Am Montag hatten sich die Ressortleiter des "Spiegel" einstimmig gegen Blome ausgesprochen. Noch vor zwei Tagen war diese bei der mittäglichen Blattkonferenz von Stefan Willeke, einem der Leiter des Gesellschaftsressorts, vorgetragene Forderung prompt zurückgewiesen worden. Sowohl der designierte "Spiegel"-Chefredakteur Wolfgang Büchner als auch "Spiegel"-Verlagsleiter Ove Saffe hatten nach Berichten von Teilnehmern, an Blome, der ab 1. Dezember auch das Hauptstadtbüro des "Spiegel" in Berlin leiten soll - festhalten wollen.

Massive Kritik an Büchner und Blome

Ob der Kompromissvorschlag tatsächlich zur Befriedung taugt, ist dabei völlig offen. Für viele "Spiegel"-Redakteure ist Büchners Schritt ein "taktisches Manöver". Die grundsätzlichen Bedenken bleiben. Sie kommen heute Nachmittag erneut zur Sprache. Die "Spiegel"-Mitarbeiter KG, die mit 50,5 Prozenten die Mehrheit am "Spiegel"-Verlag hält, hat zu einer "Informationsveranstaltung" eingeladen. Die Mitarbeiter KG lehnt die Berufung von Blome ebenfalls ab, hat dies allerdings bisher nicht wie die Ressortleitungen offen erklärt. Büchner wie Saffe hatten vor den Redakteuren gesagt, die Berufung von Blome sei nach den "Spielregeln des Hauses" getroffen worden. Dies sieht die Mitarbeiter KG anders. Strittig ist, ob das in der "Spiegel"-Satzung verankerte Recht der Mitarbeiter, bei der Berufung des Chefredakteurs mit zu entscheiden, auch für die Berufung von stellvertretenden Chefredakteuren gilt. Zu den Mitgliedern der KG gehören auch alle "Spiegel"-Redakteure , die länger als drei Jahre beim Magazin angestellt sind. In den nächsten Wochen soll auf Antrag der Mitarbeiter außerdem eine Versammlung der über 700 stillen Gesellschafter des Magazins stattfinden, auf der über die Personalie Blome abgestimmt werden soll.

"Pleite-Griechen"-Kampagne

Blome stößt bei vielen "Spiegel"-Redakteuren auf teilweise massiven Widerstand, weil er in den letzten Jahren das Gesicht der "Bild"-Zeitung nach außen war und die Kampagnen des Boulevardblattes wortmächtig in TV-Talks und Mediendebatten verteidigt hat. Blome gilt auch als Initiator der "Pleite-Griechen"-Kampagne, mit der das Blatt 2011 auf die Euro-Krise reagierte. Worauf die gewerkschaftsnahe Otto-Brenner-Stiftung in einer Studie folgerte, "Bild" habe damit endgültig den Bereich des Journalismus verlassen und sei nur noch "Papier gewordener Populismus". Blome soll nach den bisherigen Plänen am 1. Dezember seinen neuen Job im Berliner "Spiegel"-Büro antreten.

"Spiegel"-Titel über die "Brandstifter" von "Bild"

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Nicht alle "Spiegel"-Mitarbeiter freuen sich auf Bild-Mann Blome.

Büchner selbst wird dabei sein bislang "stilloser" und "überheblicher" Umgang mit seiner künftigen Redaktion vorgeworfen, so "Spiegel"-Mitarbeiter. Der neue Chefredakteur habe in der vergangenen Woche Fragen hochrangiger Redakteure, wie Blome zur bisherigen Philosophie des Nachrichtenmagazins passe, "schlicht nicht beantwortet". Büchner betonte hingegen, er verstehe die Frage nicht. Dabei hatte der "Spiegel" noch vor rund zwei Jahren unter Büchners Vorgängern Georg Mascolo und Matthias Müller von Blumencron "Bild" in einer Titelgeschichte als "Brandstifter" bezeichnet. Jetzt sprach Büchner von "Missverständnissen", so Teilnehmer an der Redaktionskonferenz. Es werde sich nichts an der Haltung des "Spiegel" ändern. Büchner, der vor seinem Wechsel zur dpa 2009 einer der Chefredakteure von "Spiegel-Online" war, hatte zu Beginn seiner Laufbahn selbst für Boulevardblätter, darunter auch Bild", gearbeitet.

Keine Stellungnahme der KG

In "Spiegel"-Kreisen ist allerdings umstritten, ob die Mitarbeiter KG offiziell die Bestellung eines stellvertretenden Chefredakteurs verhindern kann. Laut "Spiegel"-Satzung hat sie de facto ein Vetorecht bei der Berufung des Chefredakteurs. Eine Protokollnotiz von "Spiegel"-Verlagschef Ove Saffe soll ihr dieses Recht auch bei den Stellvertretern einräumen, heißt es bei einem Teil der Mitarbeiter. Die Sprecher der Mitarbeiter KG lehnen derzeit Stellungnahmen zur "Causa Blome" ab. Saffe sagte laut Teilnehmern in der Redaktionskonferenz, es gebe in dieser Angelegenheit keinen "Machtkampf" zwischen Verlagsleitung und Mitarbeitern.

Augstein-Kinder uneins

Dafür haben sich die Kinder des "Spiegel"-Gründers Rudolf Augstein zu Wort gemeldet. Sie halten selbst noch 24 Prozent Anteile am "Spiegel" - die restlichen 25,5 Prozent hält das Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr. Jakob Augstein, Verleger und Chefredakteur der Wochenzeitung "Freitag" und “Spiegel-Online“-Kolumnist, hat sich wie zu erwarten für Nikolaus Blome stark gemacht. Augstein bestreitet mit dem noch "Bild"-Mann den wöchentlichen Polittalk "Augstein und Blome" bei Phoenix. Seine Schwester Franziska, Redakteurin der "Süddeutschen Zeitung", sagte dagegen der "taz", sie halte "einen Mann von der 'Bild'-Zeitung, die die NSA-Affäre heruntergespielt hat" zum stellvertretenden Chefredakteur des "Spiegels" zu machen, "für indiskutabel".

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