Stand: 05.10.2016 18:38 Uhr

Postzustellung per Roboter: "6D9" liefert ab

von Wolf-Hendrik Müllenberg, NDR.de

Rosi wird den Klönschnack mit ihren Kunden vermissen. "Leute, die etwas weiter weg wohnen, werden sich jetzt bestimmt ihre Pakete vom Roboter bringen lassen", sagt Roswitha Bruhn, die hier in Hamburg-Ottensen alle nur Rosi nennen. Sie betreibt eine Reinigung samt Paket-Shop: Jeden Tag kommen die Menschen zu Rosi, holen ihr Paket ab und bleiben auch mal für ein kurzes Gespräch. Das könnte sich zumindest für manche bald erledigt haben: Statt mit Rosi zu schnacken, warten sie einfach zu Hause, bis der Postroboter kommt und ihnen eine SMS schickt, wenn er vor ihrer Türschwelle steht: Der Roboter auf sechs Rädern hat noch keinen offiziellen Namen. Seine Erfinder vom estnischen Unternehmen Starship Technologies nennen ihn nur "6D9". Rosi meint:"Robbi wäre doch super. Rosi und Robbi: das passt doch!"

Die Paketezustellung via Roboter läuft in Hamburg momentan testweise. Der Logistikdienstleister Hermes will ausprobieren, wie die Kunden und die Menschen auf der Straße auf "6D9" reagieren. In Ottensen ist laut Hermes der erste Pilottest erfolgreich gestartet, in Volksdorf finden aktuell letzte Erprobungsfahrten statt. Nächste Woche sollen dort erste reguläre Sendungen transportiert werden. Im Grindelviertel beginnen die Tests voraussichtlich Mitte Oktober. Die drei von Hermes eingesetzten Roboter verkehren auf Kundenbestellung zwischen Paket-Shop und Haustür - beliefert werden ausschließlich registrierte Testkunden. Die Roboter werden auf der letzten Meile eingesetzt. "Sie ersetzen nicht die menschlichen Auslieferer, sondern ergänzen sie", sagt ein Hermes-Sprecher im Gespräch mit NDR.de. Arbeitsplätze sollen nicht abgebaut werden, versichert er.

"6D9" rollt los

Die Reise von "6D9" beginnt heute in Rosis Reinigung am Hohenzollernring. Dort hat ein Bote zuvor ein Päckchen hinterlegt, das im Normalfall persönlich abgeholt werden müsste. Rosi öffnet die Klappe von ihrem "Robbi" und legt das Paket hinein. Knapp anderthalb Kilometer weiter nördlich hat Kundin Bianca Togaschus per Smartphone-App den Roboter beauftragt die Sendung an die Haustür ihres Arbeitsplatzes zu bringen.

Geschwindigkeit bis sechs Kilometer pro Stunde

"6D9" rollt mit einem leisen Surren die Rampe von Rosis Reinigung hinunter und macht sich auf den Weg. Mithilfe des Satellitennavigationssystems GPS steuert er sein Ziel an. Er kann bis zu sechs Kilometer pro Stunde fahren - das ist etwas schneller als Schrittgeschwindigkeit. Nahende Hindernisse erkennt der Roboter dank Sensoren und eingebauter Kameras, die während der Fahrt Daten zu den verschiedenen Routen sammeln. "Der Roboter erfüllt die EU-Datenschutzrichtlinien", sagt ein Hermes-Sprecher. Immerhin habe der Hersteller seinen Sitz in Estland, einem Mitglied der EU.

Wie Lieferroboter "6D9" die Pakete bringt

Ständiger Kontakt zur Leitzentrale

Kurz nachdem "6D9" Rosis Reinigung verlassen hat, muss er eine Straße überqueren. Langsam rollt der weiße Kasten Richtung Kreuzung, stoppt an der Ampel brav bei Rot und fährt wieder los, als es grün wird - ein Vorgang, den Jan Werum streng überwacht. In der Testphase begleitet er als sogenannter Handler den Roboter, um bei Bedarf sofort eingreifen zu können und Fragen von Passanten zu beantworten - seine Präsenz ist eine Auflage der Stadt Hamburg während der Testphase, die bis Ende des Jahres andauern soll. Frühestens im nächsten Jahr soll sein Job aber überflüssig sein, heiß es bei Hermes. Denn der Roboter ist während des Betriebs zu jeder Zeit live mit einem Operator in der Leitzentrale von Starship in Estland verbunden - von hier aus kann der Roboter bei Bedarf gesteuert werden. "6D9" wird also niemals 100-prozentig autonom fahren.

"Gute Idee, aber etwas lahm ist der ja schon"

Als "6D9" um die Ecke biegt, hält Maren Gerdes ihren Roller an und kneift die Augen zusammen. Sie kann nicht glauben, was ihr da entgegensurrt. Ein Roboter, der Päckchen ausliefern soll? "Das hat schon etwas Gruseliges, finde ich. Paketboten aus Fleisch und Blut sind mir lieber." Der kleine Roboter, der aussieht wie eine Requisite aus einem Science-Fiction-Film, setzt seinen Weg fort. Unweit eines Supermarktes fährt er an einem Jungen vorbei, der von seiner Mutter an der Hand gehalten wird. Er ist weniger skeptisch: "Guck mal Mama, den hab ich schon auf YouTube gesehen. Ist der witzig!" Und dann ist da noch der Mann, der vor einem Café eine Zigarette raucht. Seine Einschätzung: "Gute Idee, aber etwas lahm ist der ja schon."

Ähnlich sieht das der Hamburger Logistik-Experte Horst Manner-Romberg: "Die Geräte sind in dem jetzigen Zustand viel zu langsam." Sind sie deswegen eine leichte Beute für Diebe? Nein, sagt der Hersteller: Ein Diebstahl des Roboters würde sich kaum lohnen. Denn das Gerät sei mit einem Alarmsystem ausgestattet. Darüber hinaus könnten Diebe den Roboter ohne Zugangscode nicht öffnen und ihn ohne die dazugehörige Software ohnehin nicht nutzen. Manner-Romberg kritisiert neben der geringen Geschwindigkeit noch die geringe Reichweite von etwa fünf Kilometer. Zudem könnten die Roboter nur sehr kleine Pakete befördern. "Das durchschnittliche Paket ist zwar klein, es gibt aber auch viele große Sendungen."

Roboter wird via Zugangscode geöffnet

Die heutige Sendung von "6D9" ist eher klein. Kundin Bianca Togaschus erwartet Klamotten. Eine gute halbe Stunde hat der Roboter vom anderthalb Kilometer entfernten Paket-Shop bis zur Arbeitsstelle von Togaschus gebraucht. Die 27-Jährige hat einen Zugangscode via SMS bekommen. Damit öffnet sie die Klappe von "6D9". Von dem Roboter ist begeistert: "Ich arbeite viel und habe keine Zeit zur Filiale zu gehen. Da ist der Kleine doch sehr praktisch." Trotz des Lobes: Ein Dankeschön für seinen Dienst bekommt "6D9" von Togaschus heute nicht.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 05.10.2016 | 19:30 Uhr

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