Stand: 24.09.2015 15:09 Uhr

Zum Opferfest ins Parkhaus

von Florian Wöhrle

Morgens um kurz vor sieben Uhr riecht das ganze Parkhaus nach gebratenem Fleisch. Doch der Geruch stammt nicht etwa von den Food-Tempeln der benachbarten Hamburger Rindermarkthalle, sondern aus der winzigen Küche der Mevlana-Moschee, die heute zum islamischen Opferfest Flüchtlinge aus den nahen Messehallen erwartet.

Opferfest auf St. Pauli

100 Kilo Fleisch für die Gläubigen

"500 Flüchtlinge sollen kommen, wir haben die ganze Nacht durchgebraten", sagt Imam Mehmet Yilmaz und zieht an einer Zigarette. "Ich habe 100 Kilo Lammfleisch gekauft bei einem Schlachter, dem ich vertraue." Außerdem haben die zehn Helfer Reis gekocht und süße Baklava besorgt. Zum Opferfest sollte streng genommen jeder Muslim ein Tier schlachten, doch das sei in dem Parkhaus natürlich nicht möglich, erklärt Yilmaz. Teile der neonbeleuchteten Halle sind mit Flatterband abgesperrt. Holztische und eine winzige Bühne stehen bereit, in einer Ecke warten große Rollen heller Auslegeware als Gebetsteppich auf ihren Einsatz. "3.000 Euro hat die Aktion gekostet. Ich hoffe, dass die Flüchtlinge auch kommen."

In den vergangenen Wochen war das Parkhaus jeweils für das Freitagsgebet provisorisch gesperrt worden, doch es kamen so wenige Flüchtlinge, dass die Räume der angrenzenden Moschee für die Gläubigen ausreichten. "Aber heute zum Opferfest muss jeder Muslim zum Gebet in die Moschee kommen", sagt Yilmaz. "Ich habe Hunderte Einladungen in den Messehallen verteilt."

Das islamische Opferfest

Das Opferfest Eid al-Adha gilt als die wichtigste islamische Feier. Mit dem Fest erinnern Gläubige an die Bereitschaft Ibrahims (Abrahams), einen Sohn zu opfern, um Gott seinen Glauben zu beweisen. Der Termin des viertägigen Festes im Monat der Wallfahrt nach Mekka (Hadsch) kann in verschiedenen Ländern variieren. In Deutschland fällt der Beginn 2015 auf den 24. September. An dem Tag versammeln sich die Gläubigen am frühen Morgen zum Festgebet in den Moscheen. Beliebtes Opfertier für die rituelle Schlachtung (Schächten) ist das Schaf.

In der Tat ist der mit roten Teppichen ausgelegte Gebetsraum der Moschee an diesem Morgen gut gefüllt. Etwa 400 Männer und Jungen beteiligen sich am Acht-Uhr-Gebet. Die meisten sind ordentlich gekleidet, wie es der Islam für diesen Tag verlangt. Wenige tragen Sportkleidung oder sind barfuß statt auf Socken. Verbredet ist es, den Gottesdienst kurzfristig ins Parkhaus zu verlegen, sollte es wegen teilnehmender Flüchtlinge zu eng werden beim Gebet. Doch als ein Helfer den Imam schließlich unterbricht, geht es um ein anderes Thema: "Es sind Damen gekommen." Etwa zehn Frauen, offenbar aus den Messehallen, haben sich zum Opferfest eingefunden und werden in einen Extra-Raum gebracht.

Statt 500 kommen 80 Flüchtlinge

Insgesamt sind es etwa 80 Flüchtlinge, die zum Opferfest in die Mevlana-Moschee gekommen sind - zu wenig, um die Teppiche doch noch im Parkhaus zum Gebet auszurollen. Nach dem Gottesdienst nehmen die Menschen aber Platz an den provisorischen Holztischen und essen Lammfleisch und Reis auf tiefen Plastiktellern. Die meisten kommen aus Syrien, so wie der 20-jährige Saleh. "Das Essen ist gut", sagt er auf Englisch. Er sei mit seinen Freunden zu Fuß aus den Messehallen gekommen, weil er kein Geld für eine Fahrkarte nach St. Georg habe. Andere Flüchtlinge seien zum Beten dorthin gefahren. Viele müssten sich aber auch auf ihren Umzug aus den Messehallen vorbereiten, der kurz bevorsteht.

Mustafa Yoldas © dpa Fotograf: Christian Charisius

Opferfest in Trauer

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Mustafa Yoldas, der Vorsitzende des islamischen Gemeindeverbandes spricht über das Unglück mit Hunderten Toten in Mekka und erklärt, wie Hamburger Muslime das Opferfest begehen.

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Am Ende des Festmahls sind noch drei Viertel des Fleisches übrig. Yilmaz will es für ein Kinderfest bei den Messehallen spenden. Der Imam ist ein wenig enttäuscht: "Der Glaube ist schwach geworden, sonst müsste das ganze Parkdeck voller Menschen sein." Trotzdem hilft der 66-Jährige mit schnellem Schritt bei der Verteilung des Essens. "Ein Muslim sollte hilfsbereit sein" - eine Eigenschaft, die er bei seinen Glaubensbrüdern in Hamburg zum Teil vermisse. "Ich habe in den Messehallen 1.200 Flüchtlinge gesehen und 1.000 deutsche Helfer. Ich hätte mir gewünscht, dass es viel mehr von unseren Leuten gewesen wären."

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