Stand: 18.07.2014 16:44 Uhr

Zeugen Jehovas: Gotteskrieg im Fußballtempel

von Judith Pape, NDR.de
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Zehntausende Zeugen Jehovas feiern in Hamburg ihren Regionalkongress als Höhepunkt im Jahr.

Es gleicht einer Pilgerwanderung, die da am Freitagmorgen auf das Fußballstadion am Hamburger Volkspark zuströmt. Zehntausende norddeutsche Zeugen Jehovas sind zum Regionalkongress in die Hansestadt gekommen. Emsig tragen Familien Verpflegungskörbe und Aktentaschen hinein. Alle sind festlich zurechtgemacht: Die Frauen und Mädchen tragen Rock oder Kleid, die Männer Hemd und Krawatte. Kleine Jungs flitzen mit Fliege und weißem Hemd durch die Reihen. Auf den Sitzen, auf denen sonst die Fans des HSV für den Sieg beten, werden sie bis Sonntag gemeinsam Bibelstunde feiern und für Jehova singen.

"Das ist wie ein Klassentreffen"

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Angélique Richter (r.) ist bereits in die Glaubensgemeinschaft hineingeboren.

"Suchet zuerst Gottes Königreich" - die Losung des Kongresses ist nicht zu übersehen. Auf großen Bannern prangt sie neben dem Rednerpult und jeder Teilnehmer trägt ein kleines Namensschild mit dem Spruch an der Brust. Es liegt eine freudig erregte Stimmung in der Luft, während die Teilnehmer ihre Plätze in der Arena suchen. Immer wieder bleiben sie stehen, um bekannte Gesichter zu begrüßen. "Das ist wie ein Klassentreffen - ein Höhepunkt im Jahr", sagt Angélique Richter. Die junge Frau aus Hamburg ist eine sogenannte Hineingeborene, auch ihre Eltern sind Zeugen Jehovas. Um mehr Zeit für die Missionsarbeit zu haben, ist sie in ihrem Job auf eine halbe Stelle gegangen. Mit kritischen Gegenstimmen könne sie gut umgehen, "das kommt ja nicht unerwartet".

Margit Rolf ist ausgestiegen

So friedlich und harmonisch die Gemeinschaft bei dem Kongress wirkt, Margit Ricarda Rolf hat die andere Seite kennengelernt. 16 Jahre lang war die Hamburgerin bekennende Zeugin Jehovas. Täglich las sie in der Bibel. Zweimal die Woche besuchte sie mit ihrer Familie die Zusammenkunft, den Gottesdienst der Zeugen. Als diskussionsfreudige Frau liebte sie die Haus-zu-Haus-Besuche. Sie verteilte die Zeitschrift "Wachturm", um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen - immer darum bemüht, Jehovas Wort weiter zu verbreiten.

Die Zeugen Jehovas

Die Zeugen Jehovas sind eine im späten 19. Jahrhundert in den USA von Charles Taze Russell gegründete christliche Glaubensgemeinschaft. Weltweit gibt es nach eigenen Angaben etwa 7,9 Millionen aktive Mitglieder (2013), davon ca. 165.000 in Deutschland, 21.000 in Österreich und knapp 18.600 in der Schweiz. Jehovas Zeugen beten zum "allmächtigen und ewigen Gott" Jehova. Jehovas Zeugen sind für ihre stark ausgeprägte Missionstätigkeit, ihre Zeitschriften "Der Wachtturm" und "Erwachet!", ihre Ablehnung von Bluttransfusionen und ihre Verweigerung des Militärdienstes bekannt. Sie wurden unter den Nationalsozialisten und in der DDR verfolgt.

Gewissenskonflikte sind permanente Begleiter

Ihre vier Kinder seien von Beginn an in die Strukturen der Sekte eingebunden gewesen, erzählt Margit Rolf. Mit Beginn der Pubertät gab es Probleme bei ihrer ältesten Tochter. "Mama, ich empfinde keine Freude", sagte das Mädchen nach einer Versammlung. Noch heute ist die Mutter sichtlich gerührt, wenn sie an den Moment denkt. Die Regeln in der Gemeinschaft sind strikt. Insbesondere Kinder geraten immer wieder in Gewissenskonflikte. Christliche Feste wie Weihnachten oder Ostern gelten als heidnisch, Geburtsagsfeiern gibt es nicht. In der Schule geraten die Kinder dadurch schnell ins Abseits. Jegliche Sexualität außerhalb der Ehe ist verboten. Jugendliche, die gerade beginnen, ihren Körper zu entdecken, stehen unter enormem Druck. Mit 17 verlässt die Tochter von Margit Rolf die Familie. Da Sektenmitgliedern der Kontakt zu Ehemaligen untersagt ist, wendet sich die Mutter von ihrem Kind ab. Der Anfang vom Ende.

Glaube an "Harmagedon"

2001 schafft Margit Rolf den Ausstieg. Heute berät sie Betroffene. Dabei habe sie viele weitere Beispiele kennengelernt, wie die Zeugen Jehovas Familien zerstören. Das Weltbild der umstrittenen Glaubensgemeinschaft ist vom bevorstehenden Weltuntergang geprägt und kennt nur zwei Pole: Da gibt es zum einen den "wahren Weg", den Jehova, der allmächtige Schöpfer, aufgezeigt hat. Dem steht Rest der Welt gegenüber, der von Satan durchdrungen und von "Streben nach weltlicher Bildung" geprägt ist.

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Die ehemalige Zeugin Jehovas, Margit Ricarda Rolf, warnt vor zerstörerischen Strukturen.

Das wichtigste Druckmittel dabei ist ein Gotteskrieg, von den Zeugen Jehovas "Harmagedon" genannt. Nach der Idee der Sekte überleben diesen Krieg nur diejenigen, die sich ihren strengen Regeln unterwerfen. Weltmenschen, wie Nicht-Zeugen genannt werden, kommen darin um - sie sind dem Untergang geweiht. Schon Kinderschriften sind bespickt mit den schaurigen Illustrationen von Feuersbrünsten und Urgewittern. "Diese Bilder werden Kinder ihr Leben lang nicht mehr los", sagt Margit Rolf.

Weltuntergangsrethorik auch in Hamburg

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Sobald Kinder der Zeugen Jehovas in der Schule sind, müssen sie für die Sekte Bibelstellen interpretieren. Die Schriften sind ständige Begleiter.

Auch bei dem Kongress in Hamburg kommt der Vortragende nach einem gemeinsamen Lied schnell auf die "Propaganda der Welt, die zu verführen sucht" und "Harmagedon" zu sprechen. Einzig Jehova schütze sein Volk. Er selbst sei der Strom und Kanal, zu dem Unbefugte keinen Zutritt hätten. Eine deutliche Warnung an Andersdenkende. Anders als in den weltlich heruntergebrochenen Predigten der christlichen Gottesdienste wird bei den Zeugen Jehovas Bibelzeile für Bibelzeile studiert. Eifrig machen sich Angélique Richter und die anderen Teilnehmer Notizen in ihren mitgebrachten Blöcken.

Neuanfang im Nichts

Zu ihrer ehemaligen Gruppe hat Margit Rolf heute keinen Kontakt mehr. Das alte Leben existiert nicht mehr. In ihrer Ausstiegsarbeit hat sie erlebt, dass gerade die Angst vor der Ausgrenzung aus der Gemeinschaft viele Diener bei den Zeugen Jehovas hält. "Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen - meine Kinder wurden indoktriniert", sagt Margit Rolf. "Das Einzige, was ich tun kann, ist Schicksale zu verhindern und Jugendlichen zu helfen, die nicht den Weg der Zeugen Jehovas gehen wollen."

Dieses Thema im Programm:

Panorama - die Reporter | 10.01.2017 | 21:15 Uhr

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