Stand: 11.07.2015 11:20 Uhr

Zeltstadt für Flüchtlinge in Jenfeld steht

Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) haben am Freitagabend im Hamburger Stadtteil Jenfeld den Aufbau von Zelten für Flüchtlinge ohne weitere Zwischenfälle beenden können. Den ersten Versuch mussten die DRK-Helfer am Donnerstag noch abbrechen, weil etwa 40 Anwohner die Zufahrt zu der Grünfläche an der Jenfelder Allee blockierten. Beim zweiten Versuch "sind sogar noch freiwillige Aufbauhelfer unerwartet dazugekommen", sagte DRK-Sprecher Rainer Barthel am Sonnabend. Nach Polizeiangaben waren am Freitagabend etwa 150 Demonstranten aus dem politisch linken Lager aufgetaucht, hatten mit Anwohnern diskutiert und dann teilweise beim Aufbau geholfen.

Rund 50 Zelte im Jenfelder Moorpark

Im Jenfelder Moorpark, einer kleinen Grünanlage zwischen Mehrfamilienhäusern, stehen nun rund 50 Zelte, in denen ab Ende nächster Woche etwa 800 Flüchtlinge unterkommen sollen. Später sollen noch 30 Dusch- und WC-Container, 20 Container für Verwaltung, Sozialarbeiter und Vorratslager, zwei Waschmaschinen-Container und je ein Container für den Wachdienst und für ein Kühllager aufgebaut werden.

"Die Anfeindungen am Donnerstag kamen für uns als Katastrophenschutz-Organisation völlig überraschend", sagte Barthel. Deshalb habe man sich zunächst zurückgezogen. Am Freitag sicherte dann die Polizei den Aufbau ab, und in der Nacht zum Sonnabend passte eine Wachdienst auf die Zelte auf. Rund 60 Anwohner beobachteten den zweiten Aufbauversuch am Freitag und diskutierten mit dem Staatsrat der Innenbehörde, Bernd Krösser. Der war gekommen, um die Gemüter zu beruhigen, wie NDR 90,3 berichtete. "Wir haben im Moment so viele Flüchtlinge, dass wir das nicht anders gestemmt bekommen", sagte Krösser. Er könne nicht sagen, wie lange die Zelte bleiben werden.

Anwohner fühlen sich übergangen

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Zelte für Flüchtlinge in Jenfeld

Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes haben in Hamburg-Jenfeld Zelte für rund 800 Flüchtlinge aufgestellt. Den ersten Versuch hatten Anwohner noch verhindert. Bildergalerie

Erst am vergangenen Dienstag hatten Vertreter der Innenbehörde den Jenfelder Moorpark besichtigt - noch am selben Tag fiel die Entscheidung, dort kurzfristig Flüchtlinge unterzubringen. Das Bezirksamt Wandsbek und auch das DRK wurden laut Behörde informiert. Die Anwohner in Kenntnis zu setzen, sei in der Kürze der Zeit nicht möglich gewesen, sagte der Sprecher der Innenbehörde, Frank Reschreiter, NDR 90,3. "Wir müssen bei der Schaffung neuer Unterkünfte einen Zahn zulegen. Das bedeutet auch, dass Informationen an die Bevölkerung kurzfristiger gegeben werden."

Genau das ärgerte die Anwohner. Sie fühlten sich übergangen, weil sie nicht über die Zelte informiert wurden. Nach Angaben des Bezirks Wandsbek soll das jetzt am 16. Juli geschehen. Einen Tag später sollen die ersten Flüchtlinge kommen. Das Vorgehen in Jenfeld sei eine reine Notmaßnahme gewesen, weil die Kapazitäten der Erstaufnahme ausgeschöpft seien, sagte Reschreiter. Im ersten Halbjahr 2015 sind mehr als 12.500 Flüchtlinge nach Hamburg gekommen - mehr als im gesamten Vorjahr. 38 neue Unterkünfte sind in Planung, noch fehlen aber 3.000 Plätze für die Unterbringung.

Behörde setzen im Sommer auf Zelte

Die Behörden wollen im Sommer die meisten Flüchtlinge zunächst in Zelten unterbringen. Nach Angaben der Innenbehörde haben in der vergangenen Woche bereits mehr als 800 Asylbewerber an vier Standorten in Hamburg in Zelten gelebt. Weil auch in anderen Bundesländern die Kapazitäten erschöpft seien, könne Hamburg weit weniger als die Hälfte der Neuankömmlinge weiterschicken. "Wir werden weitere Zeltunterkünfte aufstellen müssen", sagte Reschreiter.

Die städtische Wohnungsbaugesellschaft SAGA GWG hat unterdessen Erwartungen zurückgewiesen, allen Flüchtlingen, die nach Hamburg kommen, Wohnraum verschaffen zu können. Der rot-grüne Koalitionsvertrag sieht vor, dass die SAGA jedes Jahr 1.900 Menschen mit vordringlichem Wohnungsbedarf aufnehmen soll. Damit geht bald jede vierte freiwerdende SAGA-Wohnung an Flüchtlinge oder Obdachlose. "Das schaffen wir noch", sagte SAGA-Vorstand Wilfried Wendel NDR 90,3. Aber die Zahl der Bedürftigen wachse so sprunghaft, dass alle Wohnungsbauunternehmen helfen müssten. "Das kommunale Wohnungsunternehmen allein kann das nicht schaffen", sagte Wendel.

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Die Standorte der Hamburger Flüchtlingsunterkünfte

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 10.07.2015 | 20:00 Uhr