Stand: 12.11.2016 11:21 Uhr

Deichschutzübung: Wo bleiben die Sandsäcke?

Freitagabend im Hamburger Hafen: Hamburgs Deichschützer wollen den Notfall üben. Kennen alle ihre Aufgaben, wenn die Sturmflut kommt? Wer muss mit wem reden? Bleibt Hamburg trocken? Um 18.15 Uhr ist die jährliche "Stabsübung Sturmflut" mit 500 Beteiligten in vollem Gange. Claudia Brüning steht mit dem Funkgerät in der Hand und Mütze auf dem Kopf vor Brücke 10 an den Hamburger Landungsbrücken. "Deichwart" steht auf ihrer blauen Weste. "Mitte Ort von Mitte 0 bitte kommen", spricht sie ins Funkgerät. Drei Paletten Sandsäcke und eine Gruppe brauche sie, übermittelt Brüning der Einsatzleitung des Bezirks Mitte. Das Tor im Deichabschnitt 30 habe sich nur halb geschlossen.

Hauptsache, die Tore schließen

Das Wichtigste für Hamburg bei einer Sturmflut sei, dass alle 40 Tore zur Elbe schließen, wenn das Wasser kommt, sagt Michael Schaper. Schaper ist Chef für Deichverteidigung und -aufsicht in der Hansestadt. "Wenn die zu sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu weiteren Problemen kommt, nahe Null." Aber manchmal klemmen die Tore oder ein Autofahrer will noch schnell durchfahren. Dieses Szenario wollen die Einsatzkräfte heute üben.

Um kurz nach 19 Uhr fährt das Technische Hilfswerk (THW) vor. 60 Zentimeter hoch sollen die Einsatzkräfte eine Sandbarriere bauen, erklärt ihnen Brüning. Denn 6,70 Meter soll im Szenario die Flut hoch werden. 7,10 Meter wollen sie absichern. Sicher ist sicher. 600 Sandsäcke können die zehn Männer vom THW die Stunde packen - wenn denn Sandsäcke denn da wären.

7,30 Meter über Normalnull

1962 starben bei der verheerenden Sturmflut in Hamburg 315 Menschen. 5,70 Meter über Normalnull (NN) stand das Wasser damals. 2013 waren es sogar 6,09 Meter. "Aber da haben es die Hamburger kaum gemerkt", sagt Schaper. Gut so. Ab 5,50 Meter wird sein Team in den Einsatz gerufen und der Stab besetzt. Für eine Sturmflut von 7,30 Meter über NN sind alle Deichabschnitte in Hamburg gerüstet. Wasserstandsstufe 4 ist das. Dann wird trotzdem evakuiert - vorsorglich. "Nur wenn eine Flut kommt, die noch höher ist, kann das Wasser auch übertreten. Aber nur für die kurze Zeit, bis die Ebbe einsetzt." So hohe Wasserstände halten Experten derzeit für unwahrscheinlich - in Zukunft aber durchaus für möglich. Deshalb bekommt Hamburg am Baumwall im Hafen eine neue Promenade - die eigentlich eine höhere Wasserschutzanlage ist. Wasserstände von 8,10 Meter über NN könnten im Jahr 2100 möglich sein. Dagegen will Hamburg gefeit sein.

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Warten auf die Sandsäcke

19.10 Uhr kratzt es in Brünings Funkgerät. Ob das Material angekommen sei? "Nein, kein Material", funkt sie zurück. Chef Schaper wird ans Funkgerät gebeten. Die Lkw-Fahrer mit den Sandsäcken könne man nicht erreichen. Was denn nun zu tun sei? "Ich nehme mal an, die sind auf dem Weg hierher und nicht nach Hause gefahren", antwortet Schaper. Im Depot sollte man doch deren Handynummern haben. Deichwart Brüning wartet weiter. Bei Sturmflut würde sie nun das Wasser steigen und durch das Tor laufen sehen. "Normalerweise sollte das Material innerhalb von 35 Minuten hier sein. Jetzt sind 55 Minuten rum, es dauert viel zu lange. Im Ernstfall wäre das nicht so günstig", formuliert sie vorsichtig.

Die Deichwarte kontrollieren zwei bis fünf Kilometer des 103 Kilometer langen Hamburger Deiches. Brüning und ihre Kollegen müssen Schäden finden, Bescheid geben, wenn Bäume im Wasser den Deich gefährden und die Einsatzkräfte anleiten. Viele der Freiwilligen kommen aus technischen Berufen, sind Landwirte oder Ingenieure.

"Die Deichlinie ist geschlossen"

Dann endlich: Um 19.40 Uhr biegt der Lkw um die Ecke. Sandsack um Sandsack wird das offen stehende Tor geschlossen. Viel später als geplant. Einsatzleiter Schaper sagt: "Vor Ort kriegt man immer irgendwas zusammengebastelt. Aber wenn die Kommunikation nicht funktioniert, geht nichts. Und das hier war ein klassisches Kommunikationsproblem." War es Teil der Übung? Nein, es war ein reales Problem. Die Zentrale konnte das Depot nicht erreichen. Dort wusste also niemand, dass die Lkw losfahren sollten. "Der Mann im Depot sollte natürlich bei Sturmflut nachfragen, warum noch nichts angefordert wurde." Gut, dass es nicht im Ernstfall schief gelaufen ist. Um 20.05 Uhr funkt Brüning: "Die Deichlinie ist geschlossen." Heute bleibt Hamburg trocken.

Deichschutzübung an Brücke 10

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 12.11.2016 | 06:40 Uhr

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