Stand: 03.08.2017 10:48 Uhr

Wenn die Kirche zum Zuhause wird

von Serena Bilanceri

Demsas* wohnt seit neun Monaten in einer Kirche. Als er seine Heimat Eritrea verließ und sich auf die Flucht begab, konnte er noch nicht wissen, dass eine Kirche irgendwann sein Zuhause sein würde. Eritrea: ein Land in Ostafrika mit fast sechs Millionen Menschen, in dem das Militär mit Willkür regiert. "Es gibt keine Zukunft dort, keine Freiheit, keinen richtigen Frieden", sagt er.

Eine andere Zukunft hat Demsas in Europa gesucht. Über Italien kam er nach Deutschland. Er versuchte, sich ein neues Leben aufzubauen. Bis ein Schreiben der Behörde kam, in dem ihm die drohende Abschiebung mitgeteilt wurde. "Ich wusste nicht, an wen ich mich wenden sollte. Ich wollte nicht zurück nach Italien, hatte Kopfschmerzen und konnte kaum schlafen", erklärt er. Dann hat er mit einem Pastor gesprochen, der sich seiner Lage angenommen hat. Seitdem lebt der 28-Jährige im Kirchenasyl.

Am schwierigsten ist das Abwarten

Ganz alleine ist Demsas jetzt nicht, aber das Leben im Kirchenasyl sei hart, sagt er. Es sei ein einsames Leben, man müsse einen Weg finden, die Zeit zu überbrücken. Denn arbeiten darf Demsas nicht. Wenn er das Gelände der Kirche verlässt, könnte die Polizei ihn in Abschiebehaft nehmen. "Rechtlich gesehen, wird der Schutz nur innerhalb des Kirchengeländes gewährleistet", erklärt Diakon Nils Baudisch, Koordinator der Flüchtlingshilfe in der Luthergemeinde Bahrenfeld.

Was ist Kirchenasyl?

Das Kirchenasyl wird Asylbewerbern gewährt, wenn sie von Abschiebung bedroht sind und diese in einer gefährlichen Situation enden kann. Beispielsweise, wenn ihnen Folter, Tod oder unzumutbare Härte drohen. Die Schutzsuchenden werden nur vorübergehend in die Kirchengemeinde aufgenommen. Während dieser Zeit wird ihnen Unterstützung durch Anwälte, Ärzte und Migrationsexperten angeboten. Jeder Asylsuchende wird den Behörden gemeldet. Oft wird das Kirchenasyl auch in "Dublin-Fällen" - wenn die Rückführung des Asylbewerbers in ein anderes europäisches Land erfolgen soll - angewendet. Die meisten Fälle endeten 2016 mit einer Aufnahme ins deutsche Asylverfahren oder einer Duldung.

Demsas muss warten. Der junge Mann mit kurzen, dunklen Haaren sitzt auf einem Stuhl im Flüchtlingsbüro der Gemeinde, eingewickelt in einer dicken dunkelgelben Jacke, und schaut leicht misstrauisch, wenn man ihm viele Fragen stellt. Fotografiert werden will er nicht. "Am stressigsten ist es, dass man nicht weiß, wann die Entscheidung kommt. Wie lange noch - diese Unsicherheit. Man wartet und wartet", sagt er. Doch die Chancen stehen gut für ihn, wie Baudisch erklärt. Der Anwalt, der seinen Fall betreut, ist zuversichtlich. Er hat schon ein Härtefall-Dossier zur Überprüfung an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) geschickt. Wenn es zustimmt, darf Demsas seinen Asylantrag in Deutschland neu stellen.

Oft Dublin-Fälle im Kirchenasyl

Wie viele andere Asylbewerber im Kirchenasyl ist auch Demsas ein "Dublin-Fall". Ihm droht die Abschiebung in ein anderes europäisches Land: Nach der Dublin-Verordnung ist für ein Asylverfahren das Land zuständig, in dem der Bewerber den EU-Raum zuerst betreten hat. In Demsas' Fall ist es Italien. Doch dahin will er nicht. "Ich war schon fast drei Wochen dort. Sie haben meine Fingerabdrücke abgenommen und mich gehen lassen. Ich musste auf der Straße schlafen." Privatleute hätten ihm Brot und kleine Spenden gegeben. Er habe nicht gewusst, an wen er sich wenden sollte.

Demsas hat eine Krankheit, mit der er ganz gut leben kann, wenn er entsprechend betreut wird, erklärt Baudisch. Doch in Italien könnte er medizinisch nicht versorgt werden. Die Lage im Fall einer Abschiebung wäre für ihn gefährlich. Deshalb sei er in eine Kirchengemeinde aufgenommen worden. "Wir bekommen ganz viele Anfragen. Aber wir versuchen, Rücksicht auf vulnerable Personen zu nehmen - wenn sie aus medizinischen oder psychischen Gründen besonders vorbelastet sind, oder wenn Familien auseinander gerissen werden." Nur den Härtefällen kann der Kirchengemeinderat Schutz gewähren.

Aufenthaltsort wird den Behörden gemeldet

"Wenn ein Kirchenasyl erlassen wird, wird es dem Bamf und der Ausländerbehörde gemeldet - Kirchenasyl ist kein Verstecken", betont der Diakon. Bei der Entscheidung spielen mehrere Faktoren eine Rolle, zusätzlich zu der Härte des Falls. "Wir machen das, wenn wir glauben, dass noch nicht alle Rechtswege ausgeschöpft sind." Die einzelnen Fälle werden vor der Aufnahme von Anwälten überprüft, den aufgenommenen Bewerbern werde rechtliche Hilfe angeboten, so Baudisch. Im Kirchenasyl dürfen Menschen theoretisch auch mehrere Jahre bleiben; in der Praxis sind es jedoch meistens einige Monate.

In Bayern Pfarrer strafrechtlich belangt

In den vergangenen Tagen ist Kirchenasyl erneut in die Schlagzeilen geraten - Pfarrer und Pfarrerinnen in Bayern wurden laut Informationen der Süddeutschen Zeitung verstärkt strafrechtlich belangt. Und das obwohl das Bamf 2015 mit den evangelischen und katholischen Kirchen vereinbarte, die Tradition des Kirchenasyls zu akzeptieren. Die Strafverfahren würden meistens nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Ein Geistlicher sprach von Einschüchterung. Auch in Mecklenburg-Vorpommern hatte es kürzlich eine politische Diskussion über das Kirchenasyl gegeben. Innenminister Lorenz Caffier (CDU) hatte den Kirchen vorgeworfen, das europäische Asylrecht durch das Kirchenasyl auszuhebeln. Im Fokus stand die hohe Anzahl von Dublin-Fällen unter den Kirchenasylen. Die Nordkirche verteidigte sich: In einigen anderen EU-Ländern würden regelmäßig Menschenrechte missachtet, so ein Sprecher.

Baudisch sieht die Ereignisse in Bayern kritisch. Dieses Vorgehen sei für ihn sehr fraglich. "Ich sehe das Kirchenasyl als christliche Pflicht an. Ich finde es momentan zeitgemäßer denn je", sagt er. Denn die Zahl der Härtefälle steige.

Gemeinden mit Anfragen überrannt

Die Daten der Bundesarbeitsgemeinschaft "Asyl in der Kirche" zeigen, dass es Menschen unterschiedlicher Herkunft sind, die das Kirchenasyl in Anspruch nehmen - Syrer, Kurden, Afghanen, Eritreer, Ukrainer. Menschen unterschiedlicher Konfessionen. Und in den vergangenen Jahren, immer mehr Familien.

Im Juni 2017 befanden sich in Hamburg 97 Personen im Kirchenasyl. 60 waren es in Schleswig-Holstein und 47 in Mecklenburg-Vorpommern. Aus Niedersachsen sind die Zahlen nicht bekannt. "Es liegt daran, dass es zu wenige Unterstützerkreise in Niedersachsen gibt", erklärt Genia Schenke Plisch, Geschäftsführerin von "Asyl in der Kirche". Das erkläre auch die sinkenden Zahlen der Kirchenasylbewerber in dem Bundesland. In den anderen norddeutschen Ländern sind die Zahlen in den vergangenen Jahren hingegen gestiegen. "Die Gemeinden werden überrannt mit Anfragen."

Kirchenasyl lebt von freiwilligem Engagement

Das Kirchenasyl wird durch Spenden und Kollekten finanziert. "Wenn die Menschen ins Kirchenasyl kommen, fällt die gesamte staatliche Versorgung weg. Man hat keinen Anspruch mehr auf eine Wohnung oder Sozialleistungen und die Gemeinden müssen das durch Geld- oder Sachspenden auffangen", erklärt Diakon Baudisch.

Demsas sagt, er sei dankbar. "Den deutschen Menschen, die ich kennengelernt habe, der Kirche - sie haben mein Leben verändert." Er hoffe nun, eine Perspektive zu haben. Manchmal bekommt Demsas Besuch oder einen Anruf von Bekannten, die er vor der Zeit im Kirchenasyl kennengelernt hat; an manchen Tagen besucht er Sprach- oder Integrationskurse von freiwilligen Helfern. Doch dann gilt es, erstmal auf den Beschluss des Bundesamtes zu warten.

*Name von der Redaktion geändert.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 17.07.2017 | 18:30 Uhr

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