Stand: 30.08.2017 06:00 Uhr

Warum ist Pendeln zur Arbeit so beschwerlich?

von Katrin Kampling, Katharina Schiele

In Deutschland gibt es inzwischen 18,4 Millionen Pendler - so viele wie nie zuvor. Und egal, ob im Auto oder mit dem Fahrrad: Jeder hat beim Pendeln seine ganz eigenen Probleme. Wie die genau aussehen oder sich auswirken, hat NDR Info miterlebt.

Es ist 6.30 Uhr. Ronny Herz dreht den Zündschlüssel um und wartet kurz, bis Lüftung und Scheibenwischer die völlig beschlagene Frontscheibe frei machen. Wie jeden Morgen muss der Orthopädie-Techniker von einer Einfamilienhaussiedlung bei Hamburg-Harburg nach Farmsen fahren.

40 Minuten braucht er für die 30 Kilometer - wenn alles glatt geht. Sobald er später loskommt, dauert es länger. Manchmal sitzt er bis zu eineinhalb Stunden im Auto. Für seinen Weg zur Arbeit kennt er verschiedene Routen, er weiß, wie er Baustellen und Staus vermeiden kann: "Ich fahre gleich hintenrum auf die Autobahn. So muss ich nicht durch die Harburger Stadt, das tue ich mir nicht an."

Auf dem Rad durch den Hindernisparcours

Am anderen Ende Hamburgs packt Til Lawrence gerade seine Fahrradtasche. Seit sieben Jahren pendelt der Sprechtrainer mit dem Fahrrad aus dem Stadtteil Osdorf in die Nähe des Zentrums nach Rotherbaum. Er schließt die Schnalle seines schwarzen Fahrradhelms, steigt auf und macht sich auf den zwölf Kilometer langen Weg.

An Staus kann er einfach vorbeifahren. Ihm stehen andere Hindernisse im Weg. Zum Beispiel der blaue Laster, der vom Parkplatz auf den gepflasterten Radweg ragt. Es bleibt nur eine schmale Stelle zum Passieren. Was dahinter kommt, kann der Radfahrer nicht sehen. Zügig fährt er durch die Lücke. Nicht umsonst trägt er einen Helm. Bei der nächsten Kreuzung biegt Lawrence vom Fahrradweg ab, er fährt auf der viel befahrenen Straße weiter: "Der Weg ist hier so absolut hoppelig. Da kriegt man bei jeder Wurzel einen Schlag von unten."

Videos
02:02

Pendlerwahnsinn

27.04.2017 22:45 Uhr
Das Erste: extra 3

Nach aktuellen Zahlen pendeln 60 Prozent aller Deutschen zur Arbeit. Das hat zur Folge, dass Menschen beispielsweise in Hamburg 41 Stunden im Jahr im Stau stehen. In München 49 Stunden. Was für ein Stress. Video (02:02 min)

Herz hat keine Alternative zum Auto

Stop and go bei der Auffahrt auf die Autobahn A 1. "Komisch, dass es hier schon staut. Eigentlich geht das immer ganz gut", murmelt Herz. Der Familienvater würde eigentlich auch lieber mit dem Rad zur Arbeit fahren: "Wenn die Mietpreise und der Lebensunterhalt im Zentrum etwas günstiger wären. Aber so ist es einfach zu weit."

Auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist er nicht besonders gut angeschlossen. Erst muss er mit dem Bus zur Bahn, dann mit zwei Bahnen zur Arbeitsstelle. 75 Minuten bräuchte er dafür. Sein Dienstwagen ist für ihn trotz allem die schnellste und günstigste Möglichkeit, zur Arbeit zu kommen.

Fahrradfreundliche Verkehrsplanung? Fehlanzeige!

Radfahrer Lawrence ist mit 35 km/h unterwegs. Er bremst langsam runter und kommt an einer großen Kreuzung mit zwei Ampeln zum Stehen. Nach wenigen Minuten schaltet die erste Ampel auf Grün. Als er über die erste Spur gefahren ist, also die Kreuzung zur Hälfte überquert hat, schaltet die zweite Ampel von Grün auf Rot. Also wartet er wieder.

Lawrence wünscht sich, dass Verkehrsplanung und Ampelschaltung öfter mal aus der Sicht der Fahrradfahrer umgesetzt würden. Hier sei es einfach nur nervig, an anderen Stellen aber wirklich gefährlich. Zum Beispiel, wenn der Fahrradweg auf der Straße ist, den Autofahrern auf der Rechtsabbieger-Spur dies aber nicht bewusst sei. Eine orange Warnlampe, die die Autofahrer auf die Radfahrer hinweist, würde oft schon helfen. Fahrradfahrer seien die schwächsten Teilnehmer im Straßenverkehr - im Gegensatz zum Auto habe das Rad einfach keine "Knautschzone". Lawrence ist überzeugt: "Man könnte so eine Kreuzung mit relativ wenig Aufwand entschärfen. Aber dafür muss das mal jemand mit dem Fahrrad abfahren."

Vom Schlagloch bis zur Großbaustelle

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Wenn es gut läuft, braucht Ronny Herz 40 Minuten für seinen 30 Kilometer langen Arbeitsweg.

Auch Autopendler Herz wünscht sich eine bessere Planung. Er zeigt über sein Lenkrad hinweg auf die Straße vor sich: Schlaglöcher und Risse. "Spätestens im nächsten Winter ist die Straße wieder komplett offen, dann haben wir hier die nächste Großbaustelle." Er versteht nicht, warum man kleinere Straßenschäden nicht einfach sofort und schnell behebt, sondern es immer zu Großbaustellen und letztlich dann auch Staus kommen lässt.

Gesundheitsrisiko Fahrradfahren?

Lawrence fährt mit seinem Rad auf eine Brücke über die A 7. Links vier Spuren, unter ihm acht. Es stinkt nach Abgasen, der Auto-Lärm kommt von allen Seiten. Er habe einfach einen Bewegungsdrang, deswegen mache ihm das Fahrradfahren solchen Spaß. Mit fast schon stoischer Gelassenheit freut er sich über die wenigen grünen Flecken auf seinem Weg zur Arbeit. Die Abgase und was sie möglicherweise mit seiner Gesundheit machen, das versucht er zu ignorieren. "Nachdem ich neulich gesehen habe, dass das Dieselfahrverbot für die Gegend auch rund um die Holstenstraße gelten soll, habe ich lieber nicht weitergelesen", gibt er zu. Trotzdem: Dass Autofahrer gesünder leben, glaubt er auch nicht.

Mehrere Radfahrer fahren über den eRadschnellweg in Göttingen. © dpa Fotograf: Swen Pförtner

Sind Rad-Schnellwege für Pendler die Lösung?

NDR Info - NDR Info Perspektiven -

Wie schafft man es, mehr Pendler zum Umstieg aufs Rad zu bewegen? Rad-Schnellwege wie in Kopenhagen könnten dazu beitragen. Die "NDR Info Perspektiven" stellen das Konzept vor.

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Aggressionen im Straßenverkehr

Ausfahrt Jenfeld. Das letzte Nadelöhr auf Herz' Weg zur Arbeit. Hier steht er noch mal kurz, dann geht es noch einige Kilometer durch Wohngebiete. Langsam, aber stetig kommt er an einer Ampel zum Stehen. "Vor ein paar Tagen bin ich auch hier auf die rote Ampel zugefahren. Dann habe ich noch jemanden aus der Seitenstraße rausgelassen. Der Typ hinter mir hat mich angehupt, mir die 'Scheibenwischer' und den Mittelfinger gezeigt." Er lacht immer noch ungläubig. "Weil ich ihn rausgelassen habe. Da habe ich mich schon gefragt, was mit dem kaputt ist."

Warum so viele Menschen im Straßenverkehr so aggressiv sind, versteht er nicht. "Man muss das entspannt sehen. Wenn man im Auto sitzt und sich nur aufregt, das ist ja auch nicht gut für einen selber." Herz setzt den Blinker, biegt auf den Geschäftsparkplatz ein. Er hat genau 40 Minuten gebraucht. Bis jetzt ist es ein guter Pendeltag für ihn.

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18.04.2017 19:30 Uhr
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Immer mehr Menschen in Niedersachsen pendeln zur Arbeit und legen dabei weite Strecken zurück. Derzeit sind es etwa eine Million Pendler - einer von ihnen: Buchautor Claas Tatje. Video (03:47 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 30.08.2017 | 07:08 Uhr

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