Stand: 23.02.2015 06:00 Uhr

Studie: Soziale Spaltung verzerrt Wahlergebnis

Bild vergrößern
Einer Studie zufolge ist das Ergebnis der Bürgerschaftswahl sozial nicht repräsentativ.

So schlecht wie bei der jüngsten Bürgerschaftswahl ist die Wahlbeteiligung in Hamburg noch nie gewesen. Gerade einmal 56,9 Prozent der Stimmberechtigten machten ihre Kreuzchen - und in einigen Stadtteilen sogar noch weitaus weniger. Mit 26,3 Prozent fiel die Wahlbeteiligung im armen Stadtteil Billbrook hamburgweit am niedrigsten aus. Wie eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, verzichteten auch in anderen sozial schwachen Gegenden überproportional viele Wähler in der Hansestadt auf ihre Stimmabgabe. Daher sei das Ergebnis der Bürgerschaftswahl sozial nicht repräsentativ.

Je prekärer soziale Lage, desto mehr Nichtwähler

So hat Billbrook gewählt

Wahlbeteiligung: 26,3 %
SPD: 49,4 %
CDU: 10,6 %
Die Linke: 8,9 %
FDP: 4,8 %
Grüne: 4,1 %
AfD: 13,3 %
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein)

Die aktuelle Analyse bestätige ein Resultat früherer Studien der Bertelsmann Stiftung: Je prekärer die soziale Lage eines Stadtviertels, desto weniger Menschen gehen wählen. Die Unterschiede zu Stadtteilen mit sehr hoher Wahlbeteiligung wie Wohldorf-Ohlstedt mit 76,7 Prozent sind deutlich: In Hamburgs Nichtwählerhochburgen gibt es fast 36 Mal so viele Haushalte aus sozial schwächeren Milieus, fünfmal so viele Arbeitslose und doppelt so viele Menschen ohne Schulabschluss.

Konservativ-Etablierte und Liberal-Intellektuelle gehen wählen

So hat Wohldorf-Ohlstedt gewählt

Wahlbeteiligung: 76,7 %
SPD: 38,5 %
CDU: 20,8 %
Die Linke: 4,1 %
FDP: 14,5 %
Grüne: 14,9 %
AfD: 4,7 %
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein)

In den Wählerhochburgen dominieren Bertelsmann zufolge ein konservativ-etabliertes und ein liberal-intellektuelles Milieu. Im Ergebnis der Bürgerschaftswahl seien diese damit deutlich überrepräsentiert. "Das soziale Umfeld bestimmt die Höhe der Wahlbeteiligung", kommentiert Robert Vehrkamp, Demokratie-Experte der Bertelsmann-Stiftung, die Studie. "Ob jemand wählt, hängt stark davon ab, wo und wie er wohnt und ob in seinem unmittelbaren sozialen Umfeld gewählt wird oder nicht."

Beteiligung der Stadtteile klafft immer stärker auseinander

Die Beteiligung an der diesjährigen Bürgerschaftswahl klaffe in den 103 Hamburger Stadtteilen dieses Mal noch stärker auseinander als bei der Bundestagswahl 2013. Damals lagen der Erhebung zufolge 30 Prozentpunkte zwischen den zehn Stadtteilen mit der höchsten und denen mit der niedrigsten Wahlbeteiligung. In diesem Jahr hingegen betrug der Abstand mehr als 35 Prozentpunkte.

Wahlrecht zu kompliziert?

Auch das seit 2011 geltende Hamburger Wahlrecht leistet laut Studie bisher keinen Beitrag zu einer höheren und sozial ausgewogeneren Wahlbeteiligung. Der Anteil ungültiger Stimmen lag demnach in den sozial prekären Nichtwählerhochburgen häufig dreimal höher als in den sozial stärkeren Stadtteilen mit hoher Wahlbeteiligung.

Weitere Informationen
Link

Das vorläufige Ergebnis der Wahl in Hamburg

Hamburg hat gewählt. Nach dem vorläufigen Ergebnis wird die SPD erneut stärkste Kraft, braucht aber einen Koalitionspartner. Die CDU fällt auf ein historisches Tief. extern

Das ist die Hamburgische Bürgerschaft

In der Hamburgischen Bürgerschaft gibt es 121 Sitze. NDR.de stellt alle Abgeordneten im Parlament der Hansestadt in Bildergalerien vor. mehr

Bürgerschaftswahl in Hamburg

Bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg ist die SPD erneut stärkste Kraft geworden, braucht aber einen Koalitionspartner. Die CDU erlebt ein Debakel, die AfD schafft den Einzug in die Bürgerschaft. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 23.02.2015 | 08:00 Uhr