Stand: 29.07.2017 22:44 Uhr

Ohne Wohnung - aber nicht ohne Stimme

von Serena Bilanceri

Es ist 10 Uhr morgens. Horst, ein großer Mann mit weißem Bart und Kapitänsmütze, wartet vor dem Eingang eines Restaurants in der Hamburger Schanze - mit einem Einkaufstrolley voller leerer Plastikflaschen. Horst, "der Waldmensch", wie seine Freunde ihn nennen, will ein Interview geben über die Bedeutung, zur Wahl zu gehen. Eigentlich könnte man denken, dass Horst als Obdachloser größere Sorgen hätte, als sich um das Wahlrecht zu kümmern. Doch er sagt: "Jetzt will ich was erreichen."

Horst beteiligt sich am Projekt "StrassenWAHL", das vom Verein "Strassenblues" in Hamburg organisiert wird. Der Verein, der sich mit kreativen Ideen für die Belange von Obdachlosen einsetzt, will vor der Bundestagswahl am 24. September freiwillige Helfer auf die Straßen schicken, um auch Menschen, die auf der Straße leben, zum Wählen zu bewegen. Mit Infomaterial und Tablets für den Wahl-O-Mat ausgestattet, sollen sie Menschen ansprechen und zum Gang zur Wahlurne motivieren. Horst wird sein Gesicht der Kampagne leihen - für Plakate, die in Hamburg und vielleicht sogar in anderen deutschen Städten hängen werden. Was Horst erreichen will, ist Bürgerbeteiligung: "Dass man die Leute mobilisiert, dass sie darüber nachdenken, wen sie wählen und was man damit ändern kann - das möchte ich."

"Ich war ein Spießer"

Horst, "der Waldmensch", wie ihn seine Freunde auch wegen seines einst langen Barts nennen, hat nach der Trennung von seiner Ehefrau seine Wohnung verloren. Davor hatte er als Zimmermann gearbeitet, hatte ein Leben in geregelten Bahnen. Er sei "mehr oder weniger ein Spießer" gewesen. Ursprünglich kommt der 61-Jährige aus der Nähe von Stuttgart. Nach der Trennung sei er "einfach losgezogen" und landete schließlich in Hamburg.

Verein will Demokratie fördern

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Der Videoreporter Nikolas Migut hat im November 2016 den Verein "Strassenblues" gegründet.

Seitdem er keine feste Bleibe mehr hat, hat Horst nicht mehr gewählt. "Aber das wird sich ändern, jetzt, wo ich Nikolas kennengelernt habe", sagt er. Nikolas Migut ist Videojournalist und Vorsitzender des Vereins "Strassenblues". Er hatte die Idee für das neue Projekt. "Ich saß eines Abends mit meiner Frau zusammen und wir haben uns gefragt, was wir tun können, um die Demokratie zu fördern." Ihm gehe es darum, dass Obdachlose den Wert ihrer Stimme begreifen.

Viele Obdachlose wissen gar nicht, dass sie wählen dürfen

Sich auf eine Wahl vorzubereiten, wenn man auf der Straße lebt und kaum Zugang zu Medien hat - wie geht das? Horst hat mittlerweile mehrere Bekannte, die ihm immer wieder mal Unterkunft für eine Nacht bieten. Fernsehen schauen kann er gelegentlich und bei Hilfseinrichtungen für Obdachlose bekommt er auch die nötigen Informationen. "Ich habe sämtliche Medien zur Verfügung", erzählt er.

Links

Hinweise über die Wahlteilnahme von Obdachlosen

Die Stadt Hamburg informiert über die Teilnahme an der Wahl für Menschen ohne festen Wohnsitz. extern

Menschen, die nicht über einen Fernseher verfügen, könnten Infomaterial bei ihren Sozialarbeitern bekommen, erklärt "StrassenWAHL"-Organisator Migut. "Die meisten Obdachlosen wissen gar nicht, dass sie wahlberechtigt sind. Sind sie aber." Wohnungslose könnten sich einige Wochen vor der Bundestagswahl bei einer Wahldienstelle in das Wählerverzeichnis eintragen lassen und per Briefwahl abstimmen. "Auch ihre Stimme zählt", betont Migut. Oft fehle jedoch unter Obdachlosen das Vertrauen, dass von der Politik etwas für sie umgesetzt werden könnte.

Zahl der Obdachlosen unklar

Wie viele Menschen in Deutschland wohnungslos sind, ist unklar. Nur Nordrhein-Westfalen führe eine offizielle Statistik, teilt die Bundesarbeitsgemeinschaft "Wohnungslosenhilfe" mit. Eine gesetzliche Pflicht zur Datenerhebung besteht nicht. Schätzungen zufolge gab es im Jahr 2014 etwa 335.000 Menschen ohne Wohnung in Deutschland. Rund 39.000 lebten demnach ohne jegliche Unterkunftsmöglichkeit auf der Straße.

Auch in Hamburg ist es schwer, verlässliche Zahlen zu diesem Thema zu finden. Von 2.000 bis 2.500 obdachlosen Menschen geht die Caritas aus - doppelt so viel wie vor zehn Jahren. "Es ist sehr schwierig, festzustellen, wie viele Obdachlose es in Deutschland tatsächlich gibt, weil die Verantwortlichen diese Zahlen nicht erheben wollen", sagt Migut. Denn sonst, sagt er, müssten sie auch darauf reagieren.

Hauptsache etwas bewegen

Horst hat schon eine Idee, wen er wählen wird: "Mir ist es wichtig, dass die Schere zwischen Reichen und Armen nicht immer größer wird." Das motiviert ihn, wählen zu gehen.

Er achte heute mehr auf sich, erzählt Horst. Ein Bier habe er am Morgen zwar getrunken - aber erst nach dem Frühstück, fügt er lachend hinzu. Er will sich auch um andere kümmern. Ihm tue es leid, wenn er junge Menschen sehe, die Drogen nehmen und keine Perspektive hätten. Einige seien so weit unten, dass es schwierig sei, sie wieder aufzubauen. Für die wolle er etwas tun. Auch Migut ist es wichtig, dass das Projekt sich nicht nur an Obdachlose, sondern generell an junge Menschen und Nicht-Wähler richtet, damit sie die Wichtigkeit der Wahlen für die Demokratie verstehen. "Wenn man das Wählerpotenzial dieser Millionen Menschen entfaltet", sagt Horst, "dann kann man was erreichen."

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 28.07.2017 | 14:00 Uhr

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