Stand: 11.06.2015 15:31 Uhr

Verfassungsschutz: Mehr Salafisten in Hamburg

Hamburgs Verfassungsschutz hat einen massiven Anstieg der Zahl der Salafisten in der Hansestadt beobachtet. Das zeigt der am Donnerstag vorgestellte Verfassungsschutzbericht 2014. Zum einen sei die Zahl der Unterstützer des bewaffneten Dschihad im vergangenen Jahr von 70 auf 240 gestiegen. Zum anderen habe sich die Zahl der Personen, die allgemein zur salafistischen Szene gerechnet werden, von 240 auf 400 erhöht, sagte Verfassungsschutzchef Torsten Voß. Nicht alle Salafisten gelten als gewaltbereit.

Stärkere Radikalisierung junger Menschen

Wer sind die Salafisten?

Salafisten sehen sich als Verfechter eines - aus ihrer Sicht - ursprünglichen und unverfälschten Islam. Sie sehen ausschließlich die Bestimmungen des Koran und der Hadithe, d.h. der Übertragungen aus Zeit des Propheten Mohammed, als verbindlich an. Der Begriff bezieht sich auf die "As-Salaf as-salih", die "rechtschaffenen Altvorderen". Islamwissenschaftler unterscheiden im Salafismus verschiedene Strömungen: Während sich einige ganz auf eine orthodoxe Ausübung der Religion beschränken, betätigen sich andere auch politisch, wieder andere versuchen, ihre Auffassung des Islam auch mit Waffengewalt durchzusetzen. Nur ein verschwindend geringer Anteil der Muslime in Deutschland folgt der salafistischen Auslegung des Koran. 

Ein Grund für den verzeichneten Anstieg sei, dass der Verfassungsschutz die Szene im Sommer 2014 deutlich intensiver in den Blick genommen habe - auch im Internet. "Die Profile in den Sozialen Netzwerken haben schon vorher bestanden, sodass wir hier von einem Dunkelfeld sprechen, das wir aufgehellt haben", sagte Voß. Auf der anderen Seite sei aber auch eine stärkere Radikalisierung vor allem junger Erwachsener festzustellen gewesen. Insgesamt seien 50 Menschen aus Hamburg Richtung Syrien und Irak aufgebrochen, um die IS-Miliz zu unterstützen. Etwa ein Dutzend der Kämpfer sei dort ums Leben gekommen, etwa ein Drittel sei zurückgekehrt und stehe nun unter besonderer Beobachtung. In 16 Fällen habe eine Ausreise verhindert werden können, sagte Voß.

Innensenator Michael Neumann (SPD) sprach von einer deutlich höheren Gefährdungslage in Deutschland und Hamburg. "Durch die furchtbaren Anschlägen in Paris, aber auch in Kopenhagen, ist die Bedrohung erheblich näher gekommen." Die Absagen von Veranstaltungen in Dresden, Braunschweig und Frankfurt machten deutlich, "dass das Gefährdungspotenzial stetig zunimmt".

Kaum Veränderungen bei Anzahl der Links- und Rechtsextremisten

Im Bereich des Linksextremismus gab es 2014 kaum Veränderungen. Allerdings seien zwei besonders schwere Straftaten gegenüber der Polizei zu verzeichnen gewesen - einmal ein versuchter Mordanschlag am 1. Mai mit einem Molotow-Cocktail sowie ein versuchter Totschlag, als während der Räumung eines besetzten Hauses ein Nachtspeicherofen auf einen Beamten geworfen worden sei. Insgesamt sei die Zahl der Linksextremisten mit 1.110 annähernd gleichgeblieben. Ein ähnliches Bild zeigte sich beim Rechtsextremismus. Deren Anhängerzahl stieg leicht von 330 auf 340, wobei 150 von ihnen als gewaltbereit einstuft werden.

Auch Burschenschaft Germania wird beobachtet

Außerdem hat Verfassungsschutz entschieden, nicht nur die Burschenschaft Chattia Friedberg, sondern auch die Burschenschaft Germania wegen rechtsextremistischer Bestrebungen zu beobachten. Der Kampf gegen Rechts bleibe ein Schwerpunkt, betonte Voß. "Eine Körperverletzung zum Nachteil eines Menschen mit Migrationshintergrund entfaltet eine derartige Strahlkraft, dass das subjektive Sicherheitsgefühl von vielen Menschen stark beeinträchtigt wird."

Weitere Informationen

Verfassungsschutzberichte norddeutscher Länder

Die Landesämter für Verfassungsschutz haben Rechts- und Linksextremisten im Blick. Auch religiöser Extremismus wird beobachtet. Alle norddeutschen Verfassungsschutzberichte auf einen Blick: mehr

Download

Verfassungsschutzbericht 2014

Veröffentlichung des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz. (pdf-Datei) Download (3 MB)

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 Aktuell | 11.06.2015 | 14:00 Uhr