Stand: 08.09.2015 12:11 Uhr

Undercover in einer Flüchtlingsunterkunft

von Alena Jabarine

Mit Jubel wurden Flüchtlinge in den vergangenen Tagen vielerorts empfangen. Aber wie geht es dann für sie weiter? Wie verlaufen die ersten Stunden, wie fühlen sich die Menschen am ersten Morgen in ihrer vorerst neuen Heimat? Fragen, die sich kaum beantworten lassen, wenn Journalisten mit Voranmeldung und oftmals mit Begleitung in Flüchtlingsunterkünfte gehen. NDR Reporterin Alena Jabarine hat sich deshalb selbst als Flüchtling ausgegeben. Sie lebte mehrere Tage in der Zentralen Erstaufnahmestelle in Hamburg-Harburg. Ihr Eindruck: Die Menschen werden in der Erstaufnahme allein gelassen. Das Fehlen von Informationen lässt sie verzweifeln, sie sind unnötig gestresst. Dazu sorgt die Planlosigkeit der Zuständigen für zusätzliches Chaos.

Alena Jabarine berichtet hier über ihre Eindrücke aus der Erstaufnahmeeinrichtung. Aussagen von Menschen, mit denen sie dort gesprochen hat, zitieren wir aus rechtlichen Gründen nach einem Gedächtnisprotokoll.

Sonnabend, 0 Uhr

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NDR Reporterin Alena Jabarine hat sich in der Erstaufnahmestelle als Zeyna Mahameed aus Gaza ausgegeben.

Vor dem Eingangsbereich der Zentralen Erstaufnahme. Überall stehen Menschen. Ich nehme allen Mut zusammen, und stelle mich an den Schalter. Hinter der Glasscheibe sitzt ein Sicherheitsmann. Er schreibt etwas, beachtet mich nicht. Ich warte. Plötzlich kommt ein anderer Sicherheitsmann von der Seite auf mich zu: "Was stehst du hier rum, was willst du hier?" Ich gebe mir Mühe, verständnislos zu blicken. "New, new? Bist du neu?" Ich nicke. Er reicht mir genervt einen Zettel, den ich ausfülle. Name, Geburtsdatum, Herkunft, Geschlecht. Ich nenne mich Zeyna Mahameed. Aus Gaza. Der Sicherheitsmann nimmt den Zettel und lässt mich stehen.

Ich betrete einen Raum. Der ehemalige Warteraum der Post ist nun voll müder Menschen. Sie schlafen auf Stühlen, liegen auf dem Tresen, schaukeln ihre kleinen Kinder. Alle warten, warten, warten. Worauf und bis wann, das weiß ich nicht. Das Sicherheitspersonal rennt aufgeregt durch die Gänge. "Wo sollen die ganzen Leute hin? Die Behörde und Schule sind voll, die Treppenhäuser belegt. Haben wir irgendwo noch Matratzen?" Sie sprechen über Walkie-Talkies, versuchen, Schlafplätze zu organisieren, denn die ganze Zeit kommen neue Menschen an. Der Raum wird immer voller. Es gibt nicht genügend Stühle. Menschen besorgen sich Kartons, um nicht auf dem nackten Steinboden zu sitzen.

Ich will mich ein bisschen umsehen. Laufe durch die Gänge, durch Glastüren. Was ich sehe, erschreckt mich: Überall provisorische Schlafplätze: Dreckige Matratzen in kahlen Räumen, vor den Postschaltern, unter Treppengeländern.

Der Betreiber der Zentralen Erstaufnahme, Fördern & Wohnen, erklärt auf NDR Anfrage, dass eine ausführliche Übergabe zwischen ihren Mitarbeitern und der Nachtschicht des Sicherheitsdienstes stattfinde, um eine schnelle und reibungslose Unterbringung der neu ankommenden Flüchtlinge zu gewährleisten.

"Mehr zu leisten, wäre dem Unterkunfts- und Sozialmanagement zu dieser Nachtzeit auch nicht möglich. Die Neuankömmlinge erhalten Lunchpakete, so dass Hunger und Durst gestillt werden können." (Zitat Fördern & Wohnen)

Sonnabend, 4 Uhr

Ich bin zurück im Empfangsbereich. Auch hier schlafen mittlerweile fast alle. Ein Sicherheitsmann rennt genervt durch die Gänge: "Aufstehen, los, nicht schlafen. Aufstehen, in eine Reihe stellen!" Die Leute gucken verschlafen. Leere Blicke. Sie sind gerade erst in Deutschland angekommen.

Für viele Flüchtlinge hier ist der Umgang mit dem Wachdienst ein Problem, erfahre ich einige Tage später, als ich mit Mikrofon zum Camp zurückkehrte. Der syrischen Zahnarzt Mahar Hourani erzählt mir: "Für mich sind das größte Problem die Sicherheitsleute. Sicher, einige sind sehr bemüht, aber sie sind eben nicht ausgebildet für den Umgang mit Flüchtlingen. Das sind Security-Leute, wir aber brauchen vor allem ausgebildete Mitarbeiter, die verstehen, was uns in unserer speziellen Situation hilft."

Der Betreiber Fördern & Wohnen erklärt auf NDR Anfrage:

"Fördern & Wohnen stellt laufend neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für das Unterkunfts- und Sozialmanagement der Erstaufnahmeeinrichtungen ein, um den stark gestiegenen Flüchtlingszahlen und dem dadurch erhöhten Bedarf an Beratung gerecht zu werden. Derzeit sind noch nicht alle erforderlichen Stellen besetzt, zumal kurzfristig neue Standorte entstehen." (Zitat Fördern & Wohnen)

Sonnabend, 6 Uhr

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Ein Schlafsaal in der Zentralen Erstaufnahmestelle in Hamburg-Harburg.

In einer Ecke sitzt eine Frau auf dem Boden. Immer wieder blickt sie zu mir, winkt mich schließlich zu sich. Ihr Name ist Elahe, sie kommt aus dem Iran. Sie reicht mir ihr Wasser. "Palästina, Zeyna Mahameed. Palästina, Zeyna, Mahameed." Ein Sicherheitsmann ruft meinen falschen Namen. Ich brauche einen Moment, um zu realisieren, dass ich gemeint bin. "You, you, you and you, come with me." Ich soll mitgehen.

Mit einer Gruppe von jungen Männern werde ich in das gegenüberliegende Gebäude geführt. Ein riesiger Saal. Drinnen steht alles voller Feldbetten, niedrig, hoch, zweistöckig, manche zusammengekracht. Einige haben sich Tücher vor die Betten gehängt für ein bisschen Privatsphäre. Es stinkt bestialisch. Mit der Taschenlampe zeigt der Sicherheitsmann auf freie Betten. Ich lege mich hin. Meine Tasche wird zum Kissen. Den Schlafsack lege ich über meine Beine. Rechts von mir schnarcht ein Mann.

Ich stehe noch einmal auf, will zum Klo. Zwei Toiletten für Hunderte Menschen, für Frauen und Männer. Auf dem Boden schwimmt Urin. Vor den Toiletteneingang eine riesige Mülltonne. Drumherum liegt ein großer Haufen Müll. Fliegen und Wespen. Daneben schläft ein Kind.

Der Betreiber Fördern & Wohnen erklärt auf NDR Anfrage, dass die Sanitäreinrichtungen regelmäßig zweimal täglich gereinigt würden:

"In diesem Zusammenhang werden bei Bedarf fehlende Artikel aufgefüllt. Zudem werden die Reinigungsintervalle bei Bedarf erhöht." (Zitat Fördern & Wohnen)

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 08.09.2015 | 06:50 Uhr