Stand: 12.02.2016 17:40 Uhr

Totes Flüchtlingsbaby: Wer trägt die Schuld?

Nach dem Tod des syrischen Flüchtlingsbabys Rana erheben die Eltern schwere Vorwürfe bezüglich der medizinischen Versorgung in der Zentralen Erstaufnahmeeinrichtung am Rugenbarg im Hamburger Stadtteil Osdorf. Nisrin und Ibraheem A. gaben in einem Interview mit Panorama 3 an, sie hätten mit ihrem Kind zwei Mal innerhalb von drei Tagen die ärztliche Sprechstunde in der Unterkunft aufgesucht. Die Ärzte dort hätten jedoch auch beim zweiten Termin eine Überweisung in ein Krankenhaus abgelehnt und ihnen stattdessen fiebersenkende Mittel ausgehändigt. Das zehn Monate alte Mädchen war nach vorläufigem Obduktionsergebnis am 3. Februar im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) an multiplem Organversagen gestorben. Das UKE betreibt auch den medizinischen Dienst in der Erstaufnahme am Rugenbarg.

Die Eltern von Rana, Ibraheem und Nisrin A., im Interview mit Panorama 3.

Interview mit Ranas Eltern (Ausschnitt)

Panorama 3

Panorama 3 dokumentiert Ausschnitte aus einem Interview mit Ranas Eltern. Sie erheben schwere Vorwürfe wegen der mangelnden medizinischen Versorgung in der Erstaufnahmestelle Rugenbarg.

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Staatsanwaltschaft ermittelt

Rana soll tagelang an Fieber, Erbrechen und Durchfall gelitten haben. Der Vater erklärte am Freitag dem NDR Fernsehen, er habe die Ärztin in der Unterkunft um eine Überweisung in ein Krankenhaus gebeten, dies sei abgelehnt worden. Ohne Überweisung hätten sich die Eltern, die noch zwei weitere Kinder haben, nach eigenen Angaben nicht in die Klinik getraut. Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, das sich gegen keine bestimmte Person richtet. Im Laufe der nächsten Woche sollen detaillierte Obduktionsergebnisse vorliegen.

Gesundheitsbehörde weist Vorwürfe zurück

"Nach Prüfung der bisher vorliegenden Informationen sieht die Gesundheitsbehörde keine Lücken in der Organisation der medizinischen Versorgung in der ZEA am Rugenbarg", teilte ein Behördensprecher am Freitag mit. Das Kind sei seit November "engmaschig sowohl allgemein- und kinderärztlich als auch mehrmals im Krankenhaus versorgt" worden. In der Unterkunft gebe es eine sehr gute Versorgung der Flüchtlinge durch das UKE auf medizinischem Hochschulniveau. Wegen der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wollte die Behörde keine weiteren Einzelheiten zu dem Fall nennen. Auch das UKE äußerte sich nicht näher. "Wir fühlen mit der Familie. Aufgrund der laufenden Ermittlungen können wir keine weiteren Auskünfte geben", sagte eine Sprecherin.

"Zunächst nicht dramatisch"

Der Fall des Kindes habe sich zunächst nicht dramatisch angehört, hatte DRK-Kreisgeschäftsführer Jörg Theel zuvor NDR 90,3 gesagt. Als sich der Zustand des Mädchens verschlechterte, wurde es von einem Notarzt ins Krankenhaus überwiesen. Am 22. Januar wurde es mit hohem Fieber von einem Rettungswagen ins UKE gebracht, "so wie wir das mit ganz vielen Menschen machen", sagte Theel. Dort starb Rana am 3. Februar.

CDU und Linke fordern Aufklärung

CDU und Linke forderten Aufklärung vom Senat. "Eine Überweisung zu einem Kinderarzt wurde anscheinend abgelehnt", erklärte die CDU-Abgeordnete Karin Prien. Die Linken-Politikerin Christiane Schneider forderte, mögliche Mängel in der ärztlichen Versorgung und bei hygienischen Bedingungen so schnell wie möglich zu beheben.

Auf einem Schild in Herzform steht "Refugees are welcome here". © imago/Florian Schuh Fotograf: Florian Schuh

Helfer fordern Ombudsstelle für Flüchtlinge

NDR 90,3 - NDR 90,3 Aktuell -

Nach dem Tod des syrischen Mädchens Rana fordern Ehrenamtliche eine unabhängige Ombudsstelle. Dorthin sollen sich Helfer und Flüchtlinge wenden können, wenn sie Probleme haben.

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Auch ehrenamtliche Helfer bemängelten die gesundheitliche Versorgung. "Es gibt keine Standards und die Qualität schwankt von Einrichtung zu Einrichtung", sagte Simone Will von der Initiative Refugees Welcome Karoviertel, im Gespräch mit NDR 90,3. Wills Initiative betreut Flüchtlingskinder in mehreren Erstaufnahmeeinrichtungen und sie fordert eine unabhängige Beschwerdestelle, an die sich Helfer und Flüchtlinge wenden können, wenn sie Probleme haben oder sich beschweren möchten. "Bisher gibt es dafür in der Stadt keinen Ansprechpartner", sagte Will.

Beerdigung am Montag

Das Mädchen wird am Montag beerdigt. Flüchtlingskordinator Anselm Sprandel zeigte sich betroffen über den Tod des Kindes und sprach den Eltern sein Mitgefühl aus. In der Zentralen Erstaufnahmeeinrichtung am Rugenbarg leben nach Angaben einer Sprecherin des Hamburger Flüchtlingskoordinators zurzeit rund 1.300 Menschen. Sie sind in einem ehemaligen Baumarkt untergebracht. Die Familie des Mädchens lebt inzwischen in einer kleinen Wohung und wird psychologisch betreut.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 Aktuell | 12.02.2016 | 16:00 Uhr