Stand: 12.02.2016 15:11 Uhr

Totes Flüchtlingsbaby: Eltern erheben Vorwürfe

Nach dem Tod des syrischen Flüchtlingsbabys Rana A. erheben die Eltern schwere Vorwürfe bezüglich der medizinischen Versorgung in der Zentralen Erstaufnahmestelle Rugenbarg. Nisrin und Ibraheem A., Ranas Eltern, geben an, sie hätten mit ihrem Kind zwei Mal innerhalb von drei Tagen die ärztliche Sprechstunde in der Unterkunft aufgesucht. Die Ärzte dort hätten jedoch auch beim zweiten Termin eine Überweisung ins Krankenhaus abgelehnt und ihnen stattdessen fiebersenkende Mittel ausgehändigt. Der medizinische Dienst in der Zentralen Erstaufnahme Rugenbarg wird vom Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) betrieben.

Die Eltern von Rana, Ibraheem und Nisrin A., im Interview mit Panorama 3.

Interview mit Ranas Eltern (Ausschnitt)

Panorama 3

Panorama 3 dokumentiert Ausschnitte aus einem Interview mit Ranas Eltern. Sie erheben schwere Vorwürfe wegen der mangelnden medizinischen Versorgung in der Erstaufnahmestelle Rugenbarg. Ihre Tochter starb am 3. Februar.

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Ohne Termin keine Untersuchung

Gegenüber Panorama 3 schildern die Eltern den Ablauf: Ein erster Arztbesuch am Mittwoch, 21. Januar, mit dem Kind war nur auf Intervention eines Helfers zustande gekommen, da die Familie nicht in die Warteliste eingetragen war: "Ich habe dem Arzt erzählt, dass sie Fieber hat und dass sie die ganze Zeit erbrochen hat. Er hat mir fünf Paracetamol-Zäpfchen gegeben. Er hat nicht gesagt, dass wir nochmal zur Nachkontrolle kommen sollen", sagt der Vater Ibraheem A..

Als sich der Zustand seiner Tochter weiter verschlechterte, habe er am Donnerstag erneut den medizinischen Dienst aufgesucht: "Ich bin nicht reingekommen, weil ich keinen Termin hatte. Die Warteliste an der Tür war schon voll und die Tür war verschlossen."

Keine Überweisung ins Krankenhaus

Nach Auskunft der Eltern verschlechterte sich der Zustand von Rana A. weiter. Die Eltern trugen sich für einen Arzttermin am Freitag auf der Warteliste ein. "Wir hatten zwar einen Termin zwischen 10 und 11 Uhr, sind aber erst nachmittags um 15 Uhr drangekommen", berichtet Ibraheem A.. "Es war eine Ärztin dort, die hat nur ihre Ohren untersucht, und ich habe ihr die ganze Zeit gesagt, dass sie Fieber hat, dass sie erbrochen hat, dass sie sich übergeben hat, dass sie Durchfall hat. Ich habe die Ärztin gebeten, mir eine Überweisung fürs Krankenhaus zu schreiben, aber sie sagte, das würde sie mir nicht empfehlen, weil wird dort auch wieder drei, vier Stunden warten müssten und sie dort auch nur sagen würden, dass sie eine Virusinfektion hat."

Gesundheitskarte nicht erhalten

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Die syrische Familie ist in der Flüchtlingsunterkunft am Rugenbarg in Hamburg untergebracht.

Die Familie war nach eigenen Angaben auf eine Überweisung der Ärzte in der Zentralen Notaufnahme in ein Krankenhaus angewiesen. Normalerweise sollen Asylbewerber in Hamburg innerhalb von zwei Wochen eine Gesundheitskarte erhalten. Mit dieser hätten sie auch eigenständig in ein Krankenhaus fahren können. Eine solche Karte hatte die Familie allerdings nicht, auch kein vorläufiges Papier. Dabei lebte die Familie bereits seit Oktober in der Zentralen Erstaufnahme Rugenbarg.

Hamburger Staatsanwaltschaft leitet Verfahren ein

Der Vater bat am Freitag um 22 Uhr einen Sicherheitsmann um Hilfe. Doch erst als er sich um 23 Uhr direkt an die Sanitäter vor Ort wandte, fuhren sie das Baby ins Kinderkrankenhaus Altona. "Am nächsten Morgen kam der Arzt zu mir und sagte mir, die Situation meiner Tochter sei ziemlich kritisch. Er vermutete eine Salmonellen-Vergiftung oder eine koronare Infektion."

Einen Tag danach wird das Baby ins Universitätsklinikum Eppendorf verlegt. Dort stirbt Rana A. am 3. Februar. Die offizielle Todesursache lautet multiples Organversagen. Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Das Universitätskrankenhaus Eppendorf wollte sich auf Anfrage bisher nicht zu den Schilderungen äußern, die Hamburger Gesundheitsbehörde wies Kritik an der medizinischen Versorgung in der Zentralen Erstaufnahme-Einrichtung (ZEA) zurück. "Nach Prüfung der bisher vorliegenden Informationen sieht die Gesundheitsbehörde keine Lücken in der Organisation der medizinischen Versorgung in der ZEA am Rugenbarg", so ein Behördensprecher.

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