Stand: 10.08.2015 10:25 Uhr

Total lokal: Die Zukunft des Journalismus?

von Kathrin Drehkopf, NDR Info

Die Zeitungsverlage stecken seit Jahren in der Krise. Auch viele Redaktionen im Norden mussten hart sparen, zahlreiche Mitarbeiter entlassen. Doch es gibt Lichtblicke - zum Beispiel journalistische Angebote auf kleinster lokaler Ebene. Im Fachjargon heißt das "Hyperlokaljournalismus". In der Praxis zeigen zum Beispiel die "Eimsbütteler Nachrichten" im gleichnamigen Hamburger Stadtteil, wie das funktioniert.

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In der Wochenkonferenz der "Eimsbütteler Nachrichten" teilen die Journalisten ihre Themen untereinander auf.

Wochenkonferenz bei den "Eimsbütteler Nachrichten": Chefredakteurin Annika Demgen steht im Redaktionsbüro und zeigt auf einen Terminkalender, der per Beamer riesengroß an der Wand erscheint: "In den nächsten Tagen steht das Schröderstiftfest an. Und hast Du das hier gesehen, Anja? Mit diesen historischen Rundgängen?". Drei Redaktionsmitglieder nehmen die Aufträge von Demgen entgegen. Insgesamt schreiben mehr als 30 Autoren für das Portal "Eimsbütteler Nachrichten", das seit mittlerweile zwei Jahren regelmäßig über den Hamburger Bezirk berichtet.

"Wir zeigen, was in der Nachbarschaft passiert"

Demgen sagt, man wolle damit eine journalistische Lücke füllen: "Wir zeigen, was wirklich in meiner Nachbarschaft passiert, in meiner Straße, auf dem Marktplatz um die Ecke." Die "Eimsbütteler Nachrichten" bilden zum Beispiel ab, welche Geschäfte schließen und warum, oder weshalb sich die Marktzeiten ändern. "All das erfährt man nicht unbedingt aus den großen Medien, weil einfach niemand darüber berichtet. Es ist uns wichtig, ein Informationsangebot zu schaffen, auch fernab vom Kaninchenverein, was ja der Klassiker im Lokalen ist." Stattdessen gibt es Artikel über Umweltprobleme, die eine geplante Autobahnbaustelle mit sich bringt oder über die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft im Stadtteil.

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Annika Demgen, die Chefredakteurin der "Eimsbütteler Nachrichten", macht ihren Job ehrenamtlich.

Bis zu 50.000 Leser zählt das Online-Portal pro Monat. Ihr Geld verdient Demgen eigentlich für eine andere Redaktion in Teilzeit, den Job bei den "Eimsbütteler Nachrichten" macht sie ehrenamtlich - genauso wie die anderen Mitarbeiter, darunter Studenten, Rentner oder professionelle Fotografen. "Es hängt natürlich sehr viel mit der Leidenschaft zusammen, denn wir können noch keine Honorare für redaktionelle Texte zahlen", sagt die Journalistin.

Das können nur die wenigsten der sogenannten hyperlokalen Onlineseiten. Allein in Hamburg gibt es vier journalistische Stadtteil-Portale, in Mecklenburg bietet die Seite "Das ist Rostock" eine Alternative zur Lokalzeitung. Weil sie für die Finanzierung einen langen Atem brauchen, haben andere wieder dicht gemacht.

"Lokalblogs haben Zukunft"

Der Medienwissenschaftler Stephan Weichert sieht trotzdem eine Zukunft für Lokalblogs. "Ich glaube, wir werden in den nächsten Jahren noch einen Trend erleben, dass das auch bei mittelgroßen und kleinen Städten sehr gut funktioniert", sagt er. Gerade dort werde sehr stark gespart an Regionaljournalismus und dessen Ressourcen. "Es werden weiter Zeitungen dicht machen."

Durch Anzeigen finanziert

Das Informationsbedürfnis bleibe aber bestehen, genauso wie das Interesse der Händler vor Ort, Werbung zu machen. Mit Anzeigen und Workshops finanzieren die "Eimsbütteler Nachrichten" monatliche Fixkosten von gut 5.000 Euro - neuerdings auch Druckkosten. Denn sie probieren den klassischen Weg und haben Anfang des Jahres die erste Printausgabe veröffentlicht. "In unserer ersten Printausgabe zum Thema Straßenverkehr haben wir auch Videos eingebaut, die mit der App Layer gestartet werden kann. Wenn man sein Smartphone oder Tablet über die Printausgabe hält, fängt das Video an", erklärt Demgen.

Print oder digital? Beides!

Die "Eimsbütteler Nachrichten" wollen zeigen, dass Print und Digitales sich toll ergänzen können, so die Chefredakteurin. Die zweite Printausgabe zum Thema Wohnen erscheint im September. Die erste ist bereits ausverkauft. Das große Ziel sei, so Demgen, dass sich die "Eimsbütteler Nachrichten" einmal komplett finanzieren können "und dass wir auch in Zukunft guten, unabhängigen Journalismus machen können".

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 10.08.2015 | 06:00 Uhr