Stand: 29.12.2015 21:02 Uhr

Angeln in der City: Streetfisher mögen's urban

von Vivien Winzer

"Fische, Fische, Fische!" Bei Torsten Stegmann aus Hamburg-Berne geht es immer nur um Fische. Von morgens bis abends ist der 49-Jährige mit ihnen beschäftigt. Erst beruflich, dann privat. Torsten Stegmann ist Fachtrainer für Fischpersonal. Sein Hobby: Streetfishing. Nach der Arbeit schnappt er sich seine Rute und fährt los. Mit dabei ist auch sein Angelkamerad Mike Brüggen. Die Männer verbindet die Suche nach Fischen - und nach Ruhe in einem stressigen Alltag.

Geheime Spots in der Stadt

Hamburg ist paradiesisch fischig. In den städtischen Gewässern gibt es Zander, Hechte und Barsche. Manchmal sogar bis zu zwei Meter große Welse. Straßenfischer lauern ihnen an verschiedenen Orten auf: Sie angeln an Alsterfleeten, in der Speicherstadt, im Freihafen oder in der Hafencity. Viele Gewässer sind in Hamburg öffentlich. Jeder, der einen Fischereischein hat, darf Fische fangen - beste Bedingungen für die Angelfreunde. Die besten "Spots" sind geheim. "Wenn ich die verraten würde, hätte ich richtig Stress mit der Community", sagt Brüggen und lacht. Der 35-Jährige ist unter Anglern aufgewachsen: Sein Großvater entwickelte Angelprodukte, sein Vater eröffnete einen Angelshop. Zur Geburt bekam Brüggen die erste Rute geschenkt. Er hat die Streetfishing-Szene in Hamburg maßgeblich geprägt.

Raus bei jedem Wetter

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Zur Ruhe kommen und anderen einen Fisch gönnen - das macht Streetfishing für Mike Brüggen aus. Der studierte Software Engineer und Sozialökonom liebt es, an der frischen Luft zu sein.

Die Männer starten in der Hafencity. Sobald die Magellan-Terrassen in Sichtweite sind, sprinten sie los. "Ich bin so heiß", ruft Brüggen. Stegmann, der Fischexperte, ist sich sicher: "Ich fang' den ersten Zander!" Angelhaken werden ausgepackt, Schnure zischen durch die Luft, Köder sinken ins trübe Elbwasser. Plötzlich sind Brüggen und Stegmann still, ihre Augen richten sich auf das Wasser, die Hände kurbeln an der Rolle. Bei fünf Grad stehen sie ohne Handschuhe am Ufer. Der Wind pfeift durch die Hafencity. "Streetfishing geht bei jedem Wetter", sagt Stegmann. Wenn in Hamburg ab Januar für einige Fischarten Schonzeit ist, weicht das Duo nach Schleswig-Holstein aus. Auch Dunkelheit kann sie nicht stoppen: "Wir angeln auch nachts oder morgens vor der Arbeit", sagt Brüggen. "Wie's gerade passt."

Mikrokosmos im Großstadt-Gewusel

Bislang ignorieren die Fische die bunten Gummiköder. Das macht aber nichts. "Wenn keiner beißt, erzählen Angler gerne, sie hätten einen 'Anfasser' gehabt. Bevor man zugibt, dass es gar keinen Kontakt gab, sagt man lieber, dass man drei Fische verloren hat", erzählt Brüggen. Jetzt muss er grinsen. "Und die Fische sind immer größer als in Wirklichkeit, immer!"

Streetfishing heißt für den studierten Sozialökonom vor allem runterkommen: "Hier hab' ich Zeit zum Nachdenken. Mitten in der Stadt kannst du ganz alleine sein." Der Kern der Szene denke ähnlich, sagt er. Brüggen kennt viele aus seinem Angelshop. "Es gibt aber auch Leute, die sich mit Marken identifizieren und in erster Linie 'nen dicken Fisch fotografieren wollen", sagt Brüggen. Das findet er schade.

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Für Torsten Stegmann steht fest: "Ich will hier nie weg." Hamburg ist der perfekte Ort für Streetfisher.

Plötzlich ertönt ein lautes: "Fiiisch!" Bei Stegmann hat einer angebissen. Ein Zander zappelt am Haken. "Der will noch 'n bisschen wachsen", sagt Stegmann und wirft den Fisch zurück ins Wasser. Das ist erlaubt, solange der Fisch das vorgeschriebene Mindestmaß noch nicht erreicht hat.

Elbfisch auf dem Teller

Klaus Hommel vom Angelsport-Verband Hamburg hat Magenschmerzen, wenn er an Streetfishing denkt: "Einige Kollegen verstoßen gegen das Tierschutzgesetz", sagt er, "indem sie Fische wieder zurücksetzen, die das Mindestmaß erreicht haben." Die müssten betäubt und anschließend getötet werden. Fischliebhaber Stegmann nimmt große Fische gerne mit zum Verzehr. Schließlich ist er gelernter Koch. Das Hamburger Institut für Hygiene und Umwelt empfiehlt aufgrund von Schadstoffbelastungen in der Elbe, nicht mehr als ein bis zwei Kilogramm Elbfisch im Monat zu essen. Brüggen gibt zu: "Wenn ich mehr Fische fange, als ich essen kann, setze ich die wieder zurück ins Wasser." Fische umbringen, die nicht verzehrt werden, will er nicht.

"Hamburg ist Streetfishing"

Nachdem noch zwei weitere Fische angebissen haben, ziehen Stegmann und Brüggen weiter. Sie kennen einen Spot ganz in der Nähe der HafenCity Universität. Hier spendet ihnen eine Brücke Schutz vor dem Regen, der mittlerweile eingesetzt hat. An der Wand prangen Graffiti. Die Köder sind schon wieder unter Wasser. "Urlaub in den Bergen wäre doch das nackte Grauen, oder Mike?", fragt Stegmann. Brüggen stimmt zu. Für die beiden Angler steht fest: Hamburg ist Streetfishing.

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Dieses Thema im Programm:

DAS! | 30.12.2015 | 19:30 Uhr