Stand: 13.09.2015 10:55 Uhr

Wenn Menschen einfach helfen

Seitdem die Zahl der Flüchtlinge jeden Tag zunimmt, gibt es bei uns eine Welle der Hilfsbereitschaft. Viele Menschen und Unternehmen spenden Geld, Lebensmittel, Shampoo oder Kleider. Und mehr noch: Vielerorts melden sich Freiwillige, die die vielen Spenden organisieren wollen. So auch in den Hamburger Messehallen. Für die Doku-Reihe 7 Tage waren die NDR Autoren Hendrik Buth und Martin Rieck eine Woche vor Ort und haben mit angepackt.

von Hendrik Buth

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Die Halle B7 gleicht dieser Tage einem Bienenstock: Was äußerlich nach Chaos aussieht, verwandeln die zahlreichen Helfer schnell in Ordnung.

Der erste Gedanke: Chaos. Der zweite: Was für eine Energie! Die Halle B7 auf dem Messegelände in Hamburg ist ein Bienenstock. Hier trägt eine Gruppe Männer braune Kartons durch die Gegend, dort steht eine Gruppe älterer Frauen und sortiert Damenblusen. An mir vorbei drängt sich eine Schulklasse und verschwindet sofort in den 11.000 Quadratmetern der Messehalle. Ein Stimmengewirr Hunderter Kehlen bildet den Soundtrack für die improvisierte Kleiderkammer. "Am besten machst du dir erst einmal einen Ausweis", sagt Niels. Er steht seit Wochen am Eingang und begrüßt die Menschen, die hier herkommen, um zu helfen. "Mir hat es geholfen, mich als Erstes umzusehen."

Freiwillige helfen beim Sortieren von gespendeten Schuhen. © NDR

7 Tage... helfen - die ganze Sendung

7 Tage -

Seitdem die Zahl der Flüchtlinge jeden Tag zunimmt, gibt es bei uns eine Welle der Hilfsbereitschaft. 7 Tage begleitet die Helfer in den Hamburger Messehallen.

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Von Sachspenden und persönlichem Einsatz

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Jeder schreibt seinen Namen auf ein Stück Krepppapier. Nach getaner Arbeit kleben die Helfer ihren "Ausweis" an die Wände am Ausgang.

Doch zuerst der "Ausweis". Ein Stück Klebeband mit meinem Vornamen drauf - das Erkennungszeichen jedes Helfers. Schon am Schuhstand erleichtert mir das die Kontaktaufnahme. "Hendrik, du kannst diese Schuhe der Größe nach in die Regale räumen", sagt Sven, Mitte 40, Controller bei einem Energieversorger. Er verbringt seinen Sonntag damit, Schuhe nach Geschlecht zu sortieren. Sven ist zwei Stunden länger hier als ich und ist damit der Experte. So funktioniert das also. Das Chaos lichtet sich.

Drei Stunden später: Pause. Zu meiner Überraschung gibt es Bagels, Kuchen, frisches Obst, Wasser, Kaffee, drei Frauen geben in der Mitte der Halle an einer Verpflegungsstation Suppe aus. Ich höre es knacken, drehe mich um. Da renkt ein Chiropraktiker eine junge Frau ein. Mitten zwischen Kartons und Europaletten. Auch das alles - Spenden. Hilfe der Helfer für die Helfer.

"Die heftigsten Wochen in meinem Leben"

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Ob Klamotten sortieren oder Kartons schleppen: Eine Woche lang hat NDR Autor Hendrik (r.) mit angepackt.

"Ich brauche fünf Männer, die mit draußen anpacken!" Da steht Dominik. Schlaksig, langer Vollbart, eine umgedrehte Baseballkappe auf dem Kopf, darunter blicken mich ein Paar braune Augen an. "Ich musste heute nachfragen, welcher Tag ist", sagt er mir, als wir die randvollen Kleiderkisten vor der Halle umstellen. "Ich bin der Erste, der die Tür aufmacht, der Letzte, der geht. Ich weiß nicht mehr, wie die Sonne aussieht. Das sind die heftigsten Wochen in meinem Leben. Aber das ist voll in Ordnung." Dominik, 26, DJ. Seit vier Wochen hauptehrenamtlicher Mitarbeiter im Orga-Team in den Messehallen, einer kleinen Gruppe von Helfern, die hier täglich dafür sorgt, dass die Spendenbereitschaft der Hamburger nicht ins Leere läuft.

Den Nachschub an Kleidung und Hygiene-Artikeln lenkt die Orga-Gruppe per Facebook. Zusätzlich wurde eine Internetseite erstellt, auf der Spendenwillige auf einen Blick erfassen können, welche Artikel für Frauen, Männer und Kinder benötigt werden und welche nicht. Deo-Spray, Handschuhe, Babypullis - dringend gebraucht. Stofftiere, Nagelfeilen, Wolldecken - lieber zu Hause lassen.

7 Tage zwischen Klamotten und Kartons

Im Laufe der Tage lerne ich immer mehr Helfer kennen. "Die Stimme der Helfer muss lauter sein als die der anderen in Heidenau. Das sind wir nicht. Das sind nur Randgruppen, das sind wenige", sagt Birgit, selbstständige Unternehmensberaterin. Sie hat gerade alle Projekte auf Eis gelegt, um hier zu sein. Neben ihr steht Susanne. Sie ist Grundschullehrerin und kommt jeden Nachmittag: "Bei mir kommt das aus einem Ohnmachtsgefühl heraus. Ich sehe die Bilder in den Nachrichten und fühle mich an Rostock-Lichtenhagen erinnert."

Jachten und Charterreisen statt Helfer und Spendenberge?

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Neben der Kleiderkammer-Halle sind seit Anfang August Flüchtlinge untergebracht. An einem Tresen geben hier die Helfer sogenannte Starter-Sets aus.

Ich wandere weiter, in den leeren hinteren Teil der Messehalle. Hier hat der Hallenmeister bereits abgedunkelt. Die Fläche muss frei bleiben - für die Messebauer. Von Anfang Oktober an müssen die Helfer aus dieser Halle erst einmal raus, müssen umziehen, in eine andere Halle auf dem Messegelände. Die Flüchtlinge in der Erstaufnahme-Einrichtung in der Halle daneben müssen das Gelände ganz verlassen. Grund: Die "Hanseboot" kommt. Jachten und Charterreisen statt Helfer und Spendenberge in der Halle B7. "Hier fragt sich jeder, wie es dann weitergeht", sagt Zac, Musiker und Helfer an der Ausgabe. "Heute verteilen wir nur Winterjacken. Die Menschen bleiben ja länger." Mittlerweile dient die Messehalle als Logistikdrehkreuz für die Versorgung aller Erstaufnahme-Einrichtungen in Hamburg. Kleiderspenden, Drogerie-Artikel, Spielzeug - die Helfer vor Ort ordern, die Kleiderkammer liefert. Auch die Lkw dafür werden gespendet.

Bis Ende des Jahres kann nun auf dem Gelände der Hamburger Messehallen weitergesammelt werden. Wie es danach weitergeht, ist allerdings noch ungewiss.

Dieses Thema im Programm:

7 Tage | 13.09.2015 | 15:30 Uhr

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