Stand: 31.08.2015 12:21 Uhr

Rätselhafter Narwal-Schädel wird untersucht

Mithilfe eines DNA-Tests wollen Wissenschaftler das Geschlecht eines über 300 Jahre alten Narwal-Schädels im Centrum für Naturkunde (CeNak) der Universität Hamburg bestimmen. Die Genproben wurden am Montagvormittag aus den beiden etwa 2,50 Meter langen Stoßzähnen entnommen, wie das Museum mitteilte. Ein Potsdamer Institut will die Erbsubstanz mit Proben von einem eindeutig männlichen Narwal-Stoßzahn vergleichen.

Der rätselhafte Schädel ist weltweit einzigartig. Er soll nach einem zeitgenössischen Bericht des Schriftstellers Philipp von Zesen von einem "Walfisch" stammen, den der Hamburger Dirk Petersen 1684 zwischen Spitzbergen und Grönland fing. Im Leib des Wales befand sich dem Bericht zufolge ein Embryo. Es handelte sich demnach also um eine Walkuh. Doch einen Stoßzahn haben normalerweise nur Männchen, ein weiterer weiblicher Narwalschädel mit gar zwei Stoßzähnen ist nicht bekannt. Intern sprechen die Mitarbeiter der Zoologischen Sammlung von "unserer Mona Lisa".

Weibchen oder Männchen?

Die Frage nach dem Geschlecht des Wals scheint banal. Doch sie verweist nach den Worten des Historikers und Leiters der Museumspädagogik, Daniel Bein, auf Grundprobleme naturwissenschaftlicher Erkenntnis. Der Stoßzahn des Narwals sei bislang wie das Geweih beim Hirsch gedeutet worden. Die Männchen behaken sich damit ein wenig, um die Weibchen zu beeindrucken. "Doch was macht eine Frau mit zwei Geweihen?", fragt der Museumspädagoge. "Lisa" dürfte also wohl doch ein Männchen gewesen sein. Von Zesen, der ein angesehener Autor war, habe sich vielleicht alles getreulich von Kapitän Petersen berichten lassen. Aber Wale wurden nach dem Erlegen an Bord aufgeschlitzt. Der Embryo könnte falsch zugeordnet worden sein.

Doch so einfach ist es nicht, meint Bein. Bislang galt: "Mädels keine Stoßzähne, Jungs mit Stoßzahn." Doch wie viele Narwale kennen wir überhaupt? Weltweit seien nur etwa ein Dutzend Schädel mit zwei Stoßzähnen bekannt, "Lisa" der einzige weibliche davon. Im Mittelalter galt der Narwal als "Einhorn", auch von Zesen bezeichnet ihn noch so. Wurden andere Exemplare, die nicht in das Schema passten, vielleicht gar nicht erst in Sammlungen aufgenommen?

Exponat in einem neuen Naturkundemuseum?

Das CeNak will "Lisa" zu einem zentralen Exponat in einer Museumsneugründung machen. Gespräche mit der Stadt und den Eigentümern über die Nutzung eines ehemaligen Postgebäudes im Stadtteil Rotherbaum laufen. "Dieser Narwal-Schädel ist ein hervorragendes Beispiel für das Potenzial wissenschaftlicher Sammlungen", sagt Direktor Matthias Glaubrecht. Lisa könnte nebenbei auch auf die in Vergessenheit geratene Walfängertradition der Hansestadt hinweisen.

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Hamburg Journal | 31.08.2015 | 19:30 Uhr