Stand: 08.06.2015 19:00 Uhr

"Meine Fahrkarte hat mein Hund gefressen"

von Heiko Block, NDR.de
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Mit "Herz und Seele" Hochbahn-Kontrolleurin: Nicole Müller.

"Ich habe schon viele kuriose Ausreden gehört. Manchmal muss man echt schmunzeln, was sich Fahrgäste so alles ausdenken." Seit fünfeinhalb Jahren ist Nicole Müller als Kontrolleurin der Hamburger Hochbahn unterwegs und kann so manche Geschichte erzählen. "Eine Frau hat mal zu mir gesagt: 'Meine Fahrkarte hat mein Hund gefressen.' Da habe ich spontan ein Auge zugedrückt", erzählt die 42-Jährige. Auch am Montag war sie im Einsatz - ein spezieller Tag. Denn Nicole Müller war eine von gleich 150 Kontrolleuren von acht Verkehrsunternehmen, die beim ersten Prüfmarathon im gesamten Streckennetz des Hamburger Verkehrsverbunds (HVV) unterwegs waren.

346 Schwarzfahrer bei Prüfmarathon erwischt

Vor allem wurden die Zu- und Ausgänge in zwölf Bahnhöfen kontrolliert. Insgesamt 15.715 Fahrgäste wurden laut HVV überprüft, davon hatten 346 keine gültige Fahrkarte bei sich. Das entspricht einer Quote von 2,2 Prozent. Die meisten Schwarzfahrer wurden am Eppendorfer Baum (6,5 Prozent) ertappt, in Buchholz und Uetersen gab es dagegen gar keine Sünder.

Nach dem Erfolg mit der Einführung des Vorne-Einsteigens bei Bussen will der HVV weitere Schwarzfahrer vertreiben. "Wir haben die Quote von 5 auf 2,5 bis 3 Prozent gesenkt. Aber wir schätzen, dass wir dennoch etwa 20 Millionen Euro pro Jahr Verlust machen durch Schwarzfahrer", sagt HVV-Chef Lutz Aigner. Die angekündigte Großkontrolle sei keine Schikane gewesen, sondern im Interesse der ehrlichen Fahrgäste.

Die Schwarzfahrer-Quoten beim HVV-Prüfmarathon

U Lohmühlenstraße: 2,2 Prozent
S Stadthausbrücke: 1,5 Prozent
U/S Jungfernstieg: 2,2 Prozent
S/ZOB Bergedorf: 3,1 Prozent
ZOB Harburg: 0,8 Prozent
A/ZOB Elmshorn: 0,7 Prozent
U Eppendorfer Baum: 6,5 Prozent
S Othmarschen: 4,8 Prozent
Uetersen Ostbahnhof: 0,0 Prozent
Treffpunkt Buchholz: 0,0 Prozent
Buslinien 3, 12, 15, 8810: 2,3 Prozent

Neue Tickets und härtere Strafen

Auch neue Fahrkarten sollen im Kampf gegen Schwarzfahrer helfen. Seit Juni sind die Tickets mit Hologrammen versehen und können dadurch schwerer gefälscht werden. Zudem wird die Strafe erhöht: Ertappte Sünder kommen bisher mit einer 40-Euro-Strafe davon, ab August kostet Schwarzfahren 60 Euro.

Kontrolleure psychologisch geschult

Zurück zu Nicole Müller. Sie ist bei der Hochbahn auch im Sicherheitsdienst im Einsatz. In der sechsmonatigen Ausbildung lernte sie alles über Tickets, Tarife und Rechtskunde. Zudem wurde sie auch psychologisch geschult, denn der Umgang mit Fahrgästen will schließlich gelernt sein. "Es gibt so viele verschiedene Kunden. Bei aggressiven Menschen sollen wir beispielsweise deeskalierend reagieren", erklärt Müller. Grundsätzlich sind Kontrolleure aus Sicherheitsgründen mindestens in Zweier-Teams unterwegs. Immer wieder, so berichtet die Hochbahn-Mitarbeiterin, würden Kontrolleure beschimpft. Sie selbst sei einmal so massiv beleidigt worden, dass sie Anzeige erstattete. "Leider wurde das als Bagatelle bezeichnet und nicht weiterverfolgt."

"Viele Schwarzfahrer sind ehrlich"

Die meisten Fahrgäste seien aber nett - auch die Schwarzfahrer. "Viele sind ehrlich und geben einfach zu, dass sie kein Ticket haben. Oder sie fragen mich: 'Haben Sie etwa auch keins?' Aber es gibt auch Typen, die uns provozieren und uns draußen zurufen, dass wir sie schon wieder nicht erwischt haben." Häufig würde sie hören, dass Fahrgäste ihr Ticket vergessen, verloren, verlegt oder weggeschmissen hätten. "Ich begleite dann die Leute gerne zum Mülleimer und sie können mir ihre weggeschmissene Karte zeigen - aber in 99 von 100 Fällen gibt es dann natürlich gar kein Ticket."

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Nicole Müller war am Montag mit ihrem Kollegen Marc Zint auf der Jagd nach Schwarzfahrern.

Zwei Schwarzfahrer seien ihr bisher weggelaufen, verfolgen dürfen sie die Sünder aber außerhalb der Bahnstationen nicht - zu gefährlich. Müller erlebt aber auch immer wieder, dass sich HVV-Kunden mit Fahrkarten darüber freuen, dass "sie endlich mal kontrolliert werden".

Kollege fast vor Bahn gestürzt

Ihre schlimmste Erfahrung sammelte Nicole Müller, als sie zusammen mit zwei Kollegen einen Schwarzfahrer in der Station Hammer Kirche erwischte. Der Flüchtende sei zwar von einem Kollegen nach wenigen Metern eingeholt worden, aber der junge Mann sei sehr aggressiv gewesen. "Mein Kollege wäre beim Versuch, den Mann festzuhalten, fast vor eine Bahn gestürzt", erinnert sich die 42-Jährige.

Romantisches Ständchen am Bahnsteig

Ihr schönster und witzigster Moment als Kontrolleurin war, als eine Frau am Jungfernstieg nach einer Christopher-Street-Day-Party vor ihr niederkniete und anfing zu singen. "Die fand mich wohl symphatisch", schmunzelt Müller. "Kurios war, dass ich vor Schreck aus Versehen auf den Notrufknopf am Funkgerät gekommen bin." Alle Kollegen - auch die in der Leitstelle - konnten so das romantische Ständchen mithören.

"Im Schnitt erwische ich pro Tag fünf bis sieben Schwarzfahrer", sagt Müller, die am Tag der Großkontrolle keinen großen Unterschied gemerkt hat. Sie musste schon um 5 Uhr zum Dienst antreten - was ihr nicht so liegt. "Ich mag lieber die Nächte am Wochenende - da ist immer Action."

Auf der Jagd nach Schwarzfahrern

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 08.06.2015 | 19:00 Uhr