Stand: 03.11.2016 16:01 Uhr

Physikerinnen: "Whisky-Kenntnis ist ein Vorteil"

Große Forschung mit kleinen Teilen: Physikerin Henrike Müller-Werkmeister zeigt einen von ihr entwickelten "Kristallographie-Chip" an ihrem Arbeitsplatz im Hamburger Forschungszentrum DESY.

Erst neulich ist ihr bei einer Seminarveranstaltung der Kragen geplatzt. "Eine Referentin hatte Probleme damit, ihre Präsentation im Computer aufzurufen", berichtet Physikerin Henrike Müller-Werkmeister. Sie sitzt in der Cafeteria des Hamburger Forschungszentrums DESY und schüttelt den Kopf. "Und da bringt so ein junger Doktorand tatsächlich diese dämliche Bemerkung von 'Frauen und Technik'. Was für eine Frechheit - vor allem gegenüber einer Naturwissenschaftlerin!" Sie selbst habe sich daraufhin an den Sprücheklopfer gewandt und gesagt: "Klappe halten oder helfen", erzählt sie und ist sicher: "Hätte ein Mann den Vortrag gehalten, hätte dieser Junge nichts gesagt."

Von der Arbeit in einer Männerdomäne

Die gebürtige Niedersächsin Müller-Werkmeister kann einiges davon berichten, wie es ist, sich als Frau in einem immer noch hauptsächlich von Männern besetzten Arbeitsfeld zu behaupten. "Deshalb ist auch die Physikerinnentagung so wichtig", sagt sie. Die bis Sonntag in Hamburg laufende Veranstaltung unter Schirmherrschaft von Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) dient Frauen in der Physik als Forum, um sich fachlich auszutauschen und zu netzwerken.

Ausflug zum DESY als Schlüsselerlebnis

Müller-Werkmeister ist 32 Jahre jung und von Physik ebenso begeistert wie auf ihrem Gebiet erfolgreich. "Ein Schlüsselerlebnis war ein Ausflug, den wir in der zehnten Klasse hierher, zum DESY, gemacht haben", berichtet sie. Während sich die meisten Mitschüler vor allem auf einen für später geplanten Musical-Besuch gefreut hätten, sei sie selbst aus dem Staunen über die Experimente am DESY nicht herausgekommen. "Dass die Leute hier an den allerkleinsten Teilchen und schnellsten Reaktionen forschen und so versuchen, die Welt zu erklären, hat mich unglaublich erstaunt."

Die Faszination ist bis heute ungebrochen. Mittlerweile hat Müller-Werkmeister für ihre herausragende Dissertation "Untersuchung biomolekularer Dynamik mit zeitaufgelöster 2D-Infrarotspektroskopie" den Wilhelm Ostwald Nachwuchspreis erhalten. Derzeit wird sie mit einem "Marie Curie Stipendium" von der EU gefördert und forscht heute selbst für das Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie am DESY in Hamburg. "So schließt sich der Kreis", sagt sie. Für Experimente und Vorträge reist Müller-Werkmeister rund um die Welt - von Kalifornien bis Japan.

DESY, PETRA, FLASH - was ist das eigentlich?

"Frauen neigen zu Unsicherheit"

Die regelmäßige Teilnahme an der jährlichen Physikerinnentagung hat ihr bei mancher beruflichen Entscheidung geholfen. "Geprägt haben mich zum Beispiel die Karriere-Tipps einer sehr erfolgreichen Wissenschaftlerin", sagt sie. Etwa der, nach der Promotion unbedingt ins Ausland zu gehen. "Viele talentierte Frauen verzichten darauf aus familiären Gründen." Sie hat es gemacht und zwei Jahre lang in Kanada geforscht. "Es war nicht leicht - aber meine Beziehung hat trotzdem gehalten." Ganz wichtig sei für sie auch der Rat gewesen, in Vortrags- oder Prüfungssituationen aufkeimende Unsicherheit herunterzuschlucken. "Frauen neigen ja immer noch dazu, sich kleiner zu machen, während die meisten Männer kein Problem damit haben, das Ego heraushängen zu lassen oder die Ellenbogen auszufahren."

Physiker lieben Whisky und Outdoor-Sport

Müller-Werkmeister setzt sich für Gleichberechtigung in der Physik ein, ist aber weit davon entfernt, einen Geschlechterkrieg auszurufen. "Mit den meisten Kollegen verstehe ich mich bestens", betont sie. Mit älteren Professoren sei es indes manchmal etwas schwieriger, ins Gespräch zu kommen. "Hier hilft es, wenn Sie sich ein bisschen mit Whisky auskennen", erzählt sie und lacht. Das sei ein sehr beliebtes Thema. Ein weiterer Tipp: "Legen Sie sich ein Outdoor-Hobby zu, das haben fast alle Physiker." Bei Tagungen in Wintersportorten würden physikalische Erkenntnisse gern mal im Skilift erörtert. Müller-Werkmeister selbst segelt seit ihrer Kindheit und glaubt, dass ihr die Sportart "dabei geholfen hat, Entscheidungen fällen zu können und Kommandos zu geben".

Dank guter Förderprogramme stehen viele Türen offen

Insgesamt stehen Frauen in der Physik dank guter Förderprogramme heute viele Türen offen, findet die Wissenschaftlerin. Das spröde Image, das der Naturwissenschaft oft anhafte, versteht sie nicht. "Der Beruf ist so unglaublich kreativ - und auch kommunikativ. Das sind doch Dinge, die Frauen angeblich besonders gut können", sagt sie mit einem Augenzwinkern. Viele wüssten nicht um die Vielfalt der Arbeitsfelder innerhalb der Physik. "Nach dem Studium können Sie fast alles machen - sogar Bundeskanzlerin werden."

Weitere Informationen

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Im Februar 1964 kreisten in der Hamburger Forschungsanlage erstmals Elektronen. Seither erkunden Forscher bei DESY den Nanokosmos und erzeugen die hellsten Lichtblitze der Welt. (06.10.2016) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 Aktuell | 14.09.2016 | 18:00 Uhr

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