Stand: 03.01.2016 18:00 Uhr

Patientenberatung: Neuer Träger sorgt für Skepsis

von Elisabeth Weydt, NDR Info

Zum neuen Jahr hat die Unabhängige Patientenberatung Deutschlands (UPD) ihren Träger gewechselt. Bisher war das ein Dreigestirn aus dem Sozialverband VdK, dem Bundesverband der Verbraucherzentralen und dem Verbund unabhängige Patientenberatung. Jetzt übernahm das Unternehmen Sanvartis aus Duisburg die Trägerschaft. Sanvartis arbeitet auch für Krankenkassen und die Pharmaindustrie. Das beunruhigt eine Hörerin aus Niedersachsen. Sie hat sich an uns gewandt. Elisabeth Weydt hat mit ihr gesprochen.

Bild vergrößern
Die UPD soll unter der neuen Trägerschaft länger erreichbar sein.

Marianne Meier macht sich große Sorgen. Deshalb möchte sie weder ihren richtigen Namen noch ihre Stimme im Radio hören. Aus Angst vor ihrer Krankenkasse. "Mir hat die Unabhängige Patientenberatung einmal sehr geholfen. Nach zwei Wochen Burnout wollte die Krankenkasse schon wissen, was mit mir los ist, damit sie vielleicht das Krankengeld streichen kann. Das darf sie eigentlich gar nicht - Datenschutz. Mit der UPD hab ich dann den Verfassungsschutz eingeschaltet. Dann haben sie mich in Ruhe gelassen. Den Verfassungsschutz! Das hätte ich mich alleine nie getraut", betont Marianne Meier. Sie arbeitet seit 20 Jahren in der Altenpflege. Die Krankenkassen bestimmen also auch über ihren Arbeitsalltag. "Mittlerweile frage ich mich: Wer kontrolliert eigentlich die Krankenkassen?"

Hagemann: Politisch ein Skandal

Bild vergrößern
Kerstin Hagemann glaubt nicht, dass die UPD unter dem neuen Träger wirklich unabhängig bleibt.

Kerstin Hagemann zerreißt alte Unterlagen. Zusammen mit Kolleginnen räumt sie das Büro der Unabhängigen Patientenberatung Hamburg auf. Es ist einer der letzten Tage. Nun übernimmt das Unternehmen Sanvartis die UPD. Hagemann ist die Geschäftsführerin des Vereins Patienteninitiative, der in den vergangenen zehn Jahren die UPD in Hamburg getragen hat. "Die wichtigste Voraussetzung für die Beratung ist die Unabhängigkeit und die Neutralität und da Sanvartis ein Callcenter betreibt, was auch für Krankenkassen tätig ist, finden wir, dass die Unabhängigkeit nicht ausreichend gewährleistet ist", erklärt Hagemann. "Patienten brauchen eine Lobby, das Gesundheitswesen ist privatisiert von A bis Z und jetzt ist auch dieser Bereich in der Beratung unter der Regie eines privaten Anbieters und das ist einfach politisch ein Skandal."

Patientenbeauftragter: Werde Aufbau der neuen UPD kritisch begleiten

Diejenigen, die den Auftrag an Sanvartis erteilt haben, sehen das anders. Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) und der Patientenbeauftragte der Bundesregierung Karl-Josef Laumann. Dieser schreibt auf Anfrage von NDR Info: "Es ist gesetzlich vorgeschrieben, dass die Patientenberatung neutral und unabhängig sein muss. Der neue Träger der UPD erfüllt mit seinem Angebot diese unabdingbare Voraussetzung. Klar ist auch: Ich werde den Aufbau der neuen UPD mit besonderem Blick auf die Unabhängigkeit kritisch begleiten."

Paritätischer Wohlfahrtsverband kritisiert Entscheidung

Bild vergrößern
Für Birgit Eckhardt vom Paritätischen gehört die Patientenberatung in die Hand der Betroffenen.

Birgit Eckhardt, die Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Niedersachsen glaubt nicht daran. Sie würde die Entscheidung des Patientenbeauftragten am liebsten rückgängig machen. "Nach dem Verständnis des Paritätischen gehört eine unabhängige Patientenberatung selbstverständlich institutionell in die Hände der Betroffenen und ihrer Zusammenschlüsse. Patientenschutz und Patientenberatung sind eine Aufgabe von Staat und Zivilgesellschaft aus unserer Sicht."

Modernisierte Beratung oder unpersönliche Callcenter-Abfertigung?

Laumann hingegen sieht im neuen Vertrag für die UPD so starke Instrumente zur Wahrung der Unabhängigkeit wie noch nie zuvor. Ein Auditor, also eine Art innere Kontrollinstanz, soll zum Beispiel eingesetzt werden. Außerdem soll die Beratung modernisiert und die Erreichbarkeit verbessert werden. Unpersönliche Callcenter-Abfertigung werde das, befürchtet Kerstin Hagemann: "Patientenberatung ist nicht einfach Informationsvermittlung. Jemand der einen Behandlungsfehler erlitten hat, der ist gekränkt, fühlt sich schwach, hat finanzielle Probleme und hat Sorgen und Nöte und fühlt sich ausgeliefert. Dafür braucht es auch eine Ansprache und das geht nicht in einem Callcenter."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 04.01.2016 | 06:20 Uhr