Stand: 11.06.2015 17:45 Uhr

Obdachlos in Hamburg

von Henning Cordes, NDR.de
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Rund die Hälfte der 260 Obdachlosen im Pik As haben zwar Anspruch auf eine Sozialwohnung, müssen allerdings auf eine feste Unterkunft warten.

Ganz egal, ob es draußen heiß ist oder schneit: Wer nicht mehr weiß wohin, der kann zumindest noch ins Pik As. Die Unterkunft in der Hamburger Neustadt bietet seit über 100 Jahren Schlafplätze für obdachlose Männer an. Seit April 2015 muss das Pik As allerdings vermehrt Menschen abweisen. Die Lage dort ist symptomatisch für die Gesamtsituation der Obdachlosen in Hamburg. Ihre Zahl steigt wieder, die Zahl der Unterkünfte nicht.

Keine offiziellen Obdachlosenzahlen

Maximal 260 Obdachlose bekommen im Pik As einen Platz für die Nacht. Vorher schliefen dort rund 500 Menschen, auch auf Stühlen und Treppen. Die Brandschutzvorschrift untersagt das inzwischen. Insgesamt gibt es in Hamburg etwas mehr als 300 Schlafplätze, im Winter bis zu 900. Knapp über 1.000 Menschen leben laut Sozialbehörde auf Hamburgs Straßen. Die Daten stammen aus dem Jahr 2009. Nach Angaben des "Hamburger Aktionsbündnisses gegen Wohnungsnot" hat sich die Zahl der Obdachlosen inzwischen verdoppelt. Genaue Zahlen gibt es nicht. Laut Marcel Schweitzer, dem Sprecher der Sozialbehörde, sind die Schlafplätze in den Notunterkünften potenziell ausreichend - für Menschen mit Wohnberechtigungen.

"Die Situation ist katastrophal"

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Am 28. Mai 2015 zogen 150 Menschen vom Hauptbahnhof zum Jungfernstieg, um gegen den Mangel an Obdachlosenunterkünften zu demonstrieren.

Das Aktionsbündnis aus unter anderen Diakonie, Caritas und Heilsarmee organisierte in den vergangenen zwei Monaten zwei Demonstrationen. Unter dem Slogan "Eine Brücke ist kein Zuhause" gingen 50 beziehungsweise 150 Menschen auf die Straße. Sprecherin Bettina Reuter: "Die Situation ist katastrophal. Die Obdachlosen werden vom Hamburger Senat vergessen. Wir müssen uns schwer dafür einsetzen, dass da mehr passiert." Der Hamburger Senat hat aber noch andere Probleme: Er muss Unterkünfte für Flüchtlinge bereitstellen, die auch in den Containern der ausgelaufenen Winternothilfe für Obdachlose unterkommen.

Zahl der Sozialwohnungen nicht ausreichend

16 Prozent der rund 900 Nutzer der Winternothilfe haben eine Wohnberechtigung. Theoretisch kann sich jeder deutsche Staatsbürger beim zuständigen Bezirk melden und einen Wohnberechtigungsschein für eine Sozialwohnung beantragen. "Diese Sozialwohnungen gibt es aber nicht," beklagt Bettina Reuter: "Leute kriegen einen Dringlichkeitsschein und daraufhin gibt es keine Wohnung. Die kriegen teilweise ein Jahr lang kein einziges Wohnungsangebot. Es fehlt der Abfluss aus den Notunterkünften in Wohnungen."

Ohne Wohnung oder ohne Obdach?

Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit sind keine Synonyme. Als wohnungslos gelten Menschen, die keinen Mietvertrag besitzen und in eine öffentliche Unterkunft oder in ein Heim der Wohnungslosenhilfe eingewiesen werden. Dazu zählen ebenfalls Menschen, die in niederschwelligen Herbergen leben. Udo Lindenberg im Hotel Atlantik ist demzufolge nicht von Wohnungslosigkeit betroffen. Obdachlos sind lediglich diejenigen Menschen, die auf der Straße oder in Notunterkünften leben.

Der Senat müht sich

In Hamburg leben rund 2.500 Menschen in einer öffentlichen Unterkunft, 400 weitere temporär in Hotels und Pensionen. Der Senat versucht, neue Sozialwohnungen zu schaffen. Gemeinsam mit der Wohnungswirtschaft hat er bereits 2011 das "Bündnis für das Wohnen in Hamburg" angestoßen, das explizit auch günstige Bauten fördern soll. Außerdem planen SPD und Grüne ein Sofortprogramm gegen Wohnungslosigkeit. Noch in diesem Sommer sollen Bauträger, Fachbehörden und Sozialverbände an einem runden Tisch Maßnahmen diskutieren.

Hamburg liegt im bundesdeutschen Trend

Prinzipiell sind sich alle Beteiligten darüber einig, dass niemand in Hamburg auf der Straße leben soll. Fakt ist: Derzeit gibt es in der Hansestadt Tausende Menschen ohne feste Bleibe. Es muss also irgendetwas falsch laufen oder nicht schnell genug. Die Probleme an Elbe und Alster sind keineswegs exklusiv. Überall in Deutschland findet sich eine Melange aus zu wenigen Wohnungen, einer stetig wachsenden Zahl von Obdachlosen aus dem europäischen Ausland und Flüchtlingen, die alle grundlegend versorgt werden müssen.

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