Stand: 28.10.2015 12:14 Uhr

Neugraben-Fischbek und die Flüchtlinge

Noch blicken die Menschen im Neubaugebiet in Neugraben-Fischbek auf eine große Wiese. Doch das wird sich ändern: Anfang 2016 sollen hier Holzhäuser entstehen, in denen bis zu 3.000 Flüchtlinge untergebracht werden.

Der südliche Hamburger Stadtteil Neugraben-Fischbek bekommt den Flüchtlingsandrang auf ganz besondere Art und Weise zu spüren: Anfang 2016 soll dort der Bau der ersten Großunterkunft für bis zu 3.000 Menschen starten, direkt neben zwei weiteren Flüchtlingseinrichtungen. Es entsteht so etwas wie ein "Dorf im Dorf" - und das in einem ohnehin nicht einfachen Stadtteil. NDR Info und NDR 90,3 sowie NDR.de beobachten, ob und wie sich das Zusammenleben in Neugraben-Fischbek in den kommenden Wochen und Monaten verändert.

Das "Schützenheim" ist an diesem Abend gut besucht. Rund 120 Menschen sitzen in der Gaststätte auf langen Bierbänken mit roten Plastikdecken beisammen: Die Bürgerinitiative "Nein zur Politik - Ja zur Hilfe" hat zu einer Versammlung eingeladen. Ein älterer Mann fasst die Sorge der Menschen hier zusammen: "Es kommen zu wenige eingesessene Bürger auf einen Flüchtling, um eine Integration gelingen lassen zu können."

Neugraben-Fischbek - ein Stadtteil im Wandel

In Neugraben-Fischbek leben derzeit 27.000 Menschen. Setzt Hamburg seine bisherigen Planungen um, wäre schon bald jeder fünfte Einwohner ein Neuzuwanderer. Auch die Ärztin Ute, die zur Versammlung der Bürgerinitiative gekommen ist, fürchtet eine Art Ghettobildung, denn fast alle Ausländer werden dicht gedrängt an einem Ort wohnen. "Wer geht denn da hin und sagt: 'Ach, ich trink jetzt mal mit 5.000 Syrern einen Kaffee?'", fragt sie. "Und umgekehrt: Welcher Syrer geht raus und sagt: 'Ich gehe mal unter Deutsche, zum Kaffeetrinken.' Das macht auch keiner. Das heißt, wir müssen ein gesundes Mittelmaß finden."

Menschen fühlen sich allein gelassen

Viele Menschen im Stadtteil fühlen sich von den verantwortlichen Politikern allein gelassen und überrumpelt. Eine junge Mutter ärgert sich darüber, dass die Entscheidungen in Flüchtlingsfragen alle sehr spontan getroffen wurden. Gehe es jedoch um die Errichtung von Schulen oder Kindergärten, dann fehle diese Spontaneität. Die Bürgerinitiative versucht Druck auf die Politik auszuüben, veranstaltet Protestaktionen, geht an die Öffentlichkeit. Ihre Forderung: Mehr als maximal 1.500 Flüchtlinge sollen nicht nach Neugraben-Fischbek kommen.

Ein Straßenschild "Am Aschenland" Neugraben-Fischbek  Fotograf: Kathrin Otto

Die Stimmung in Neugraben-Fischbek

NDR Info -

In Hamburg Neugraben-Fischbek, nahe eines Neubaugebietes, soll auf einer Wiese eine Flüchtlingsunterkunft für bis zu 3.000 Menschen entstehen. Nicht alle Anwohner finden das gut.

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Eine Willkommensinitiative engagiert sich

Derzeit noch eher im Stillen agiert die andere Seite, die Initiative "Willkommen in Süderelbe". Ihre Helfer sammeln Spenden, es gibt eine Kleiderkammer. "Wir warten jetzt darauf, dass wir konkret erfahren, an welchen Standorten die Kinder unterrichtet werden. Wir versuchen uns möglichst gut drauf einzustellen, um das dann auch gut bewerkstelligen zu können", sagt eine Lehrerin, die der Initiative angehört. Doch einfach wird das nicht, da sind sich hier alle sicher. Eine andere Freiwillige schildert die große Herausforderung - denn schließlich werden unter den Flüchtlingen auch Menschen sein, die noch nie oder schon lange keine Schule mehr von innen gesehen haben.

Spiel- und Sportangebote für Flüchtlingskinder

Dreh- und Angelpunkt der Willkommensinitiative ist die evangelisch-lutherische Cornelius Kirchengemeinde in Fischbek. Pastor Gerhard Janke plant mit den Helfern Patenschaften für die Neuzuwanderer und ein Flüchtlingscafé, wo die Kinder auch spielen können. Außerdem arbeitet er mit den örtlichen Sportvereinen zusammen, um sportliche Aktivitäten zu organisieren. Dennoch blickt auch Janke mit einer gewissen Anspannung auf die geplante Großunterkunft in Neugraben-Fischbek. "Das fühlt sich für uns ein bisschen so an wie ein Prototyp oder wie die erste Landung auf dem Mond", sagt der Pastor. "Da wünschen wir uns einen doppelten Vorrat an Sauerstoff und Nahrungsmittel, weil unterwegs auch mal was schiefgehen kann." Er und die anderen Freiwilligen hoffen einfach, dass die Politiker sie nicht im Stich lassen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 28.10.2015 | 07:20 Uhr