Stand: 11.07.2017 13:42 Uhr

Nach G20: 51 Personen in U-Haft

Bild vergrößern
Verkohlte Schuttberge, herausgerissene Straßenschilder und Pflastersteine: die Krawalle in der Schanze.

Im Zusammenhang mit den Ausschreitungen am Rande des G20-Gipfels sitzen nach Angaben der Hamburger Staatsanwaltschaft 51 Personen in Untersuchungshaft. Die Vorwürfe gegen die Verhafteten lauteten unter anderem: schwerer Landfriedensbruch, gefährliche Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Sachbeschädigung. Einem 27-jährigen Deutschen werde versuchter Mord vorgeworfen. Er soll von einer Dachwohnung aus mit einem Lasergerät den Piloten eines Polizeihubschraubers gezielt geblendet haben. Dabei soll er sogar den möglichen Absturz des Helikopters in Kauf genommen haben. Wie die Hamburger Staatsanwaltschaft am Dienstag bestätigte, kommt der Mann aus Greifswald.

Bei den Beschuldigten handele es sich überwiegend um junge Männer unter 30 Jahren. Neben zahlreichen Deutschen säßen auch Staatsbürger aus Frankreich, Italien, Spanien, Russland, den Niederlanden, der Schweiz und Österreich in Haft. Die Staatsanwaltschaft hat nach eigenen Angaben insgesamt 85 Haftbefehle beantragt. In den Fällen, in denen keine Haft angeordnet worden sei, prüfe die Behörde die Einlegung von Rechtsmitteln, hieß es.

Sonderkommission ermittelt

Unterdessen läuft nach den heftigen Krawallen die Fahndung nach weiteren Tätern. Bislang gab es 186 Festnahmen. Auf einem von der Polizei eingerichteten Hinweisportal seien bislang 4.000 Hinweise von Bürgern eingegangen. Laut Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) wird man sehr genau schauen, wer die Verantwortung für die konkrete Gewalt trägt. Zum einen gehe es dabei um die Gewalttäter selbst, aber auch um diejenigen, die diese Gewaltbereiten in die Stadt eingeladen hätten.

Wie auch Grote hatte Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) die Arbeit der Polizei zum Gipfeltreffen als "heldenhaft" gelobt. "Wir haben schlimme Bilder gesehen. Und diesen schlimmen Bildern liegen schlimme Taten zugrunde", sagte Scholz. Kritik an den Beamten wies er mit großer Entschiedenheit zurück. "Ich will ausdrücklich sagen, dass ich nicht verstehen kann, wenn jetzt oder in den nächsten Tagen die wirklich heldenhafte Tätigkeit der Polizei kritisiert wird." Mit starker Kritik sieht auch Scholz selbst sich konfrontiert, die Opposition fordert, die Vorfälle zum Gipfel müssten ein Nachspiel haben, die CDU fordert seinen Rücktritt. Hamburgs Bürgermeister lehnt dies ab, er kündigte für die nächste Bürgerschaftssitzung am Mittwoch eine Regierungserklärung zu den Vorgängen an.

Polizei richtete Infomobile ein

Die Hamburger Polizei hatte am Montag in zwei Stadtteilen Infomobile für geschädigte Anwohner aufgestellt. Am Neuen Pferdemarkt im Schanzenviertel und in der Großen Bergstraße in Hamburg-Altona konnten sich Bürger bis 18 Uhr an Stadtteilbeamte und Kommunikations-Teams der Polizei wenden. Die Polizisten beantworteten Fragen zu ihrem Einsatz während des Gipfels und halfen Geschädigten, Anzeige zu erstatten. "Wir möchten Betroffene nicht allein mit ihren Schäden lassen und allen die Gelegenheit geben, mit uns über die Ereignisse zu sprechen", teilte die Polizei am Montag über Twitter mit.

Bürgertelefon ist eingerichtet

Polizeipräsident Ralf Martin Meyer sagte, die Polizei hätte vieles verhindern können, aber leider nicht alles. "Jedem Polizisten schmerzt das Herz, die Gewalttäter nicht in jeder Situation sofort gestoppt zu haben", so Meyer. Zusätzlich erreichbar ist die Polizei über ein Bürgertelefon. Unter der Nummer 08000 - 428650 erhalten Anwohner dort von 10 bis 18 Uhr Hilfe.

Rote-Flora-Anwalt Beuth rudert zurück

Der Anwalt des linksautonomen Zentrums Rote Flora, Andreas Beuth, ruderte am Montag bei der Bewertung der schweren Krawalle zurück. "Solche Aktionen sind sinnentleerte Gewalt und haben eine Linie überschritten", sagte Beuth dem Online-Auftritt des "Hamburger Abendblatts". Er distanzierte sich aufs Schärfste von dem, was dort am Freitagabend passiert sei. "Auch wir sind fassungslos über die Geschehnisse". Die "Flora" werde den Opfern der Krawalle helfen. "Wir sind sicher nicht reich, aber werden auch finanzielle Hilfe für die stark betroffenen Geschäfte leisten. Denkbar ist etwa ein Solidaritätskonzert."

Noch am Sonnabend hatte Beuth im einem NDR aktuell extra gesagt: "Wir als Autonome und ich als Sprecher der Autonomen haben gewisse Sympathien für solche Aktionen, aber bitte doch nicht im eigenen Viertel, wo wir wohnen. Also warum nicht irgendwie in Pöseldorf oder Blankenese?". Er habe sich missverständlich ausgedrückt, sagte er nun. "Ich meinte damit, dass ich Sympathien für friedliche Aktionen in solchen Vierteln hege." Auch geringe Sachbeschädigungen könnten Ausdruck zivilen Ungehorsams sein. "Aber die Randale hat jeden legitimen Rahmen überschritten."

Beuth räumte ein, dass das Gewaltpotenzial unterschätzt worden sei. "Wir haben insbesondere am Freitag eine neue, abscheuliche Dimension der Gewalt dieser Menschen gesehen." Dafür trage er eine politische Mitverantwortung. Forderungen nach einer Schließung der Roten Flora trat Beuth entgegen: "Es darf nicht sein, dass die Rote Flora zum alleinigen Sündenbock erklärt wird." Die Realität sei deutlich komplizierter, als jetzt in Politik und Medien getan werde. Allerdings sei ihm bewusst, dass es diesmal mit einer Pressemitteilung nicht getan sei.

Protest-Camps weisen Mitschuld zurück

Die Organisatoren der Protest-Camps gegen den G20-Gipfel haben am Montag eine Mitverantwortung an den gewaltsamen Ausschreitungen zurückgewiesen. Die Camps seien kein Rückzugsort für Gewalttäter gewesen, sie seien von der Polizei überwacht worden, sagte Joao Maia vom Camp in Altona. Jeder der dort ein- und ausgegangen sei, habe damit rechnen müssen, von der Polizei überprüft zu werden. Außerdem sei das Camp nicht nur ein Schlafort, sondern auch ein politischer Ort, der sehr kollektiv geführt werde, so Maia. "Das heißt, es werden hier sehr viele Debatten geführt, es wird sehr viel gemeinsam entschieden, was hier passiert und was hier nicht passiert, was hier passieren soll." Diese Personen, die die Randale machen, seien sehr kleine Gruppen, die nur auf sich selbst achten.

Die Polizei hatte die Protest-Camps verboten und Anfang vergangener Woche das erste Camp auf Entenwerder geräumt. Anschließend hatten die Gerichte entschieden, dass zum Beispiel das Zeltlager in Altona unter Auflagen errichtet werden darf.

Weitere Informationen

Scholz lobt "heldenhafte" Arbeit der Polizei

Nach dem G20-Gipfel haben Bürgermeister Scholz, Innensenator Grote und die Polizei Bilanz gezogen. Scholz lobte die "heldenhafte" Arbeit der Polizei und kündigte eine Regierungserklärung an. (09.07.2017) mehr

G20: Heftige Krawalle - Polizei räumt Viertel

Rund um den G20-Gipfel ist es in Hamburg erneut zu heftigen Krawallen gekommen. Die Polizei setzte Spezialkräfte gegen Randalierer ein. Mittlerweile scheint die Lage unter Kontrolle. (08.07.2017) mehr

Nach G20: Scholz will nicht zurücktreten

Hamburgs CDU und FDP fordern nach den G20-Ausschreitungen den Rücktritt von Bürgermeister Scholz. Kanzleramtschef Altmaier nimmt ihn hingegen in Schutz. Scholz sagte, er trete nicht zurück. (10.07.2017) mehr

Kommentar: Scholz ist jetzt gefordert

Bürgermeister Scholz muss viele Fragen rund um den G20-Gipfel beantworten. Mit einer Regierungserklärung ist es nicht getan, meint Hendrik Lünenborg, Programmchef von NDR 90,3. (09.07.2017) mehr

Weitere Informationen

Sonderurlaub für Polizisten nach G20-Einsatz

Das waren heftige Tage in Hamburg für knapp 20.000 Polizisten. Auch 1.800 Polizisten aus Schleswig-Holstein waren dabei. Sie bekommen nun bis zu drei Tage Sonderurlaub - und Grillwurst. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 10.07.2017 | 19:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

04:38

So hat Hamburg gewählt

25.09.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal
01:39

Schlechtes SPD-Ergebnis: Quittung für G20

25.09.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal
03:21

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz im Gespräch

25.09.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal