Stand: 30.07.2017 08:23 Uhr

Messerattacke: Haftbefehl gegen 26-Jährigen

Nach der tödlichen Messerattacke in einem Supermarkt in Hamburg-Barmbek ist gegen den mutmaßlichen Angreifer Haftbefehl erlassen worden. Der 26-Jährige sitzt nun wegen des Verdachts auf vollendeten Mord sowie fünffachen versuchten Mord in Untersuchungshaft. Das sagte die Sprecherin der Hamburger Staatsanwaltschaft, Nana Frombach, am Samstagabend. Zum Tathergang oder seinem Motiv habe der Mann keine Angaben gemacht, wohl aber zu seiner Person. Für eine verminderte Schuldfähigkeit hätten sich demnach "keine belastbaren Hinweise" ergeben. Anfang der Woche werde darüber beraten, ob die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen an sich zieht. Sie verfolgt Straftaten gegen die innere und äußere Sicherheit, also etwa Landesverrat oder Terrorismus.

Angreifer als Islamist bekannt

Am Nachmittag hatten sich Innensenator Andy Grote (SPD) und Vertreter der Polizei, der Staatsanwaltschaft und des Verfassungsschutzes bei einer Pressekonferenz zu dem Fall geäußert. Der mutmaßliche Täter sei den Sicherheitsbehörden als Islamist bekannt gewesen, nicht aber als Dschihadist, sagte Grote am Sonnabend. Man sei nicht zu der "Einschätzung einer unmittelbaren Gefährlichkeit" gelangt. Zur Motivlage des Mannes sagte der Innensenator: Es gebe einerseits islamistische Motive, andererseits aber auch Hinweise auf eine labile Psyche. Welches der "vorherrschende Antrieb" war, sei derzeit nicht klar. Grote sagte, es müsse nun geprüft werden, ob die Behörden allen Hinweisen immer angemessen nachgegangen seien.

Ein Toter, mehrere Verletzte

Ein 50-Jähriger war bei der Messerattacke ums Leben gekommen. Eine 50-jährige Frau und vier Männer im Alter von 19, 56, 57 und 64 19 Jahren erlitten teils schwere Messerstichverletzungen. Ein 35-Jähriger wurde nach derzeitigem Stand bei der Überwältigung des Tatverdächtigen verletzt. Eine 29-jährige stürzte im Rahmen der Auseinandersetzung und zog sich Schürfwunden und einen Schock zu. Die Verletzten befinden sich außer Lebensgefahr, sagte Grote.

Asylbescheid wurde abgelehnt

Bei dem Festgenommenen handelt es um einen 26-Jährigen Palästinenser, der in den Vereinigten Arabischen Emiraten geboren wurde, und 2015 als Flüchtling nach Deutschland kam. Er ist ein abgelehnter palästinensischer Asylbewerber und hätte demnächst ausreisen sollen. Er habe sich im Ausreiseverfahren befunden, berichtete Grote. Der Mann habe gegen seinen negativen Asylbescheid keine Rechtsmittel eingelegt und auch bei der Organisation von Passersatzpapieren mitgewirkt.

Flüchtlingsheim durchsucht

In der Nacht zum Sonnabend hatte die Polizei ein Flüchtlingsheim im Stadtteil Langenhorn durchsucht. Der mutmaßliche Täter soll zuletzt dort gelebt haben. LKA-Vizechefin Kathrin Hennings schilderte, was bislang über den Tathergang bekannt ist. Demnach kaufte der 26-Jährige am Freitagnachmittag zunächst ganz normal in dem Supermarkt ein und bezahlte. Dann stieg er kurzzeitig in einen Bus, kehrte aber dann doch in den Edeka zurück. Dort nahm er ein Küchenmesser aus dem Regal, riss es aus der Verpackung und fing unvermittelt an, auf Kunden einzustechen. Kurz darauf, um 15.11 Uhr, erreichte die Polizei Hennings zufolge der erste Notruf. Die ersten Beamten am Tatort waren Zivilfahnder, sie trafen eine Minute später ein. Dort habe sich auf der Straße bereits ein Pulk von Menschen um den 26-Jährigen gebildet, die mit Stühlen nach ihm warfen.

Gedenken mit Blumen und Kerzen

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Auch Bürgermeister Scholz und Innensenator Grote legten am Tatort Blumen nieder.

Einen Tag nach der Attacke legten Passanten Blumen und Kerzen vor dem Supermarkt ab. Der Markt selber war am Morgen geschlossen, ein großes Rolltor versperrte den Blick ins Innere. In dem Viertel werden die Männer, die den Angreifer verfolgten, als Helden gefeiert. "Wer weiß, was passiert wäre, wenn sie ihn nicht aufgehalten hätten", sagte ein Anwohner. Ein Tunesier betonte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa, er sei froh, dass er sich mit Landsleuten an der Verfolgung beteiligt hätte: "Damit die Leute sehen, es gibt auch andere, die nicht so sind." Innensenator Grote dankte den "mutigen und entschlossenen Hamburgern", die dazu beigetragen hatten, dass der Angreifer kurz nach der Tat festgenommen werden konnte.

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Stolz auf Hamburgs mutige Helden

Nach der Messerattacke in einem Hamburger Supermarkt legen Menschen Blumen vor dem Tatort nieder. Auch Jamel Chraiet ist in der Nähe - er und andere hatten den Angreifer verfolgt. mehr

Merkel spricht Mitgefühl aus

Auch Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) legte gemeinsam mit Grote Blumen am Tatort nieder und sprach mit Augenzeugen und Verletzten. "Das ist ein ganz schmerzhafter Moment für uns alle." Er sei sehr stolz auf die Hamburger, die sofort geholfen hätten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach den Angehörigen des Todesopfers ihr tiefes Mitgefühl aus. "Die Gewalttat muss und wird aufgeklärt werden", sagte sie. Den Verletzten wünsche sie "vollständige Genesung der körperlichen und seelischen Wunden".

Mann soll "Allahu Akbar" gerufen haben

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Zeugen hatten den Mann, der aus dem Supermarkt geflüchtet war, verfolgt und aufgehalten. Schließlich wurde er überwältigt und in der Nähe des Tatorts von Zivilfahndern der Polizei festgenommen. Mehrere Zeugen gaben an, dass der Angreifer auf Arabisch "Allahu Akbar" ("Gott ist groß") gerufen habe. Mitbewohner des Mannes berichteten, dass der 26-Jährige auch Drogen genommen haben soll. Er wurde leicht verletzt.

Zuvor offenbar nur Ladendiebstahl

Hamburgs Generalstaatsanwalt Jörg Fröhlich erklärte am Sonnabend auf der Pressekonferenz, der Beschuldigte sei bislang nur wegen Ladendiebstahls polizeilich bekannt. Das Verfahren wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt. Er habe keine Vorstrafen und darauf gebe es momentan auch keine Hinweise aus europäischen Nachbarstaaten.

Verfassungsschutz hatte Hinweise auf Radikalisierung

Laut Torsten Voß, Leiter des Hamburger Landesamts für Verfassungsschutz, gab es Hinweise auf eine Radikalisierung des 26-Jährigen. Ende August 2016 habe die Polizei dem Verfassungsschutz mitgeteilt, dass ein Hinweisgeber Veränderungen am Verhalten des Mannes festgestellt habe, etwa, dass er keinen Alkohol mehr trinke oder viel über den Koran spreche. Daraufhin habe ein Gespräch mit ihm stattgefunden. Dabei sei aber eher der Eindruck entstanden, dass es sich hierbei um eine "destabilisierte Persönlichkeit handelt", so Voß.

Der Mann sei einer von 800 gespeicherten Islamisten in Hamburg und als sogenannter "Verdachtsfall" registriert worden. Es gebe keine Einbindung in die islamistische Szene und keine Hinweise auf ein Netzwerk, erklärte Voß. Der Wille des Beschuldigten, in Deutschland zu bleiben, sei sehr wechselhaft gewesen. Zuletzt habe man davon ausgehen müssen, dass er unbedingt ausreisen wollte.

Mutmaßlicher Täter sollte abgeschoben werden

Bürgermeister Scholz hatte zuvor von einem "bösartigen Anschlag" gesprochen. Der Verdächtige habe aber nicht abgeschoben werden können, weil er keine Papiere hatte, teilte Scholz am späten Freitagabend mit. "Zusätzlich wütend macht mich, dass es sich bei dem Täter offenbar um jemanden handelt, der Schutz bei uns in Deutschland beansprucht und dann seinen Hass gegen uns gerichtet hat", so Scholz weiter.

Der Hamburger Innenstaatsrat Bernd Krösser erklärte, der Angreifer sei 2015 nach Deutschland eingereist. Zuvor sei er in Norwegen, Schweden und Spanien gewesen. Über Norwegen sei er im März 2015 nach Deutschland gekommen, zunächst nach Dortmund. Von dort aus sei er nach Hamburg weitergeleitet worden. Hier habe er schließlich im Mai 2015 einen Asylantrag gestellt.

Zeugen gesucht

Die Polizei hat eine Sonderkommission unter Beteiligung der Mordkommission und des Staatsschutz gebildet. Der Staatsschutz ist für politisch motivierte Delikte zuständig. "Weiterhin wird in alle Richtungen ermittelt", teilte die Polizei mit.

Die Ermittler bitten um Mithilfe bei der Aufklärung der Tat: Auf Twitter wiesen sie auf ein entsprechendes Portal hin, auf dem Zeugen selbst erstellte Videos und Fotos des Tatgeschehens hochladen können. "Bitte nur eigenproduzierte Bild- und Videodateien heraufladen", bat die Polizei. Für telefonische Hinweise sollten Zeugen unter 040-4272727 anrufen.

Messerattacke im Supermarkt

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 30.07.2017 | 08:00 Uhr

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