Stand: 17.07.2014 07:10 Uhr

Merkels Wurzeln: Auf Spurensuche in Hamburg

von Judith Pape, Judith Pape, NDR.de
Kaum jemand kennt das Haus, in dem Angela Merkel in Hamburg ihr erstes Zuhause fand.

Angela Merkel wird gerne als die ostdeutsche Kanzlerin bezeichnet. Dabei wurde die Regierungschefin vor 60 Jahren in Hamburg geboren. Wo genau ihr Geburtshaus steht - das wissen aber selbst die meisten Hamburger nicht.

Unterkunft bei der Großmutter

Bild vergrößern
Die Kanzlerin und der Hamburger Hafen - am 17. Juli 1954 wurde sie in der Hansestadt geboren.

Dabei steht das Haus mitten im Herzen Hamburgs. Angela Merkel - damals noch Kasner - verbrachte in der Isestraße 95 in Harvestehude die ersten Wochen ihres Lebens. Das Haus ist nicht weit entfernt von der Elim Frauenklinik an der Hohen Weide, wo sie am 17. Juli 1954 gegen 18.15 Uhr geboren wurde. Ihr Vater Horst war Vikar an der Epiphanienkirche in Winterhude. Am Vorabend der Geburt war er zu einer neuen Stelle nach Quitzow bei Perleberg in Brandenburg aufgebrochen. Er sympathisierte mit dem SED-Staat und ging in die DDR, weil er helfen wollte, den Pfarrermangel dort zu bekämpfen. Später gehörte er zur Bewegung "Kirche im Sozialismus". Bis seine Ehefrau Herlind mit der kleinen Tochter nachfolgen konnte, kamen sie bei der Großmutter, Gertrud Jentsch, in der Isestraße unter. Die bisherige Wohnung an der Hudtwalckerstraße hatte die Familie bereits aufgelöst.

Keine Spur von der berühmten Ex-Bewohnerin

Heute erinnert an dem großzügigen Mehrfamilienhaus mit vier Stockwerken nichts mehr an diese Zeit. Keine Tafel, kein Hinweisschild weit und breit. Nur die Namen der aktuellen Bewohner stehen auf poliertem Messing. Und auch diese Anwohner können nicht verraten, wie Angela als Baby war: "Hier leben nur noch junge Familien", sagt Familie Sebastian aus dem Erdgeschoss. Eine ältere Nachbarin, die letzte Generation im Haus, die Großmutter Jentsch und den Säugling Angela noch erlebt hat, sei vor zwei Jahren verstorben.

Karte: Angela Merkels erstes Wohnhaus in Hamburg

Gute Erinnerung an Säugling Angela

Was die Sebastians erst jetzt erfahren: Die Familie wohnt heute in genau den hohen Räumen im Erdgeschoss, in denen die Wiege der heutigen Bundeskanzlerin stand. Das bestätigt Willibald Piesch vom Landesverband der vertriebenen Deutschen in Hamburg. Der Verband hat sich intensiv mit der Geschichte von Angela Merkels Familie beschäftigt und bringt ihr alljährlich ein Geburtstagsständchen in der Isestraße 95. "2005 konnten wir noch mit der älteren Dame aus dem Haus 95 sprechen und sie erinnerte sich noch gut an Gertrud Jentsch und auch an den Säugling Angela in der Erdgeschosswohnung rechts", sagt Piesch.

Bild vergrößern
In diesem Wohnhaus in der Hamburger Isestraße lebte Angela Merkel kurz nach ihrer Geburt.

Die Isestraße ist inzwischen schick geworden, bekannt durch den Wochenmarkt, der nicht weit von der Nummer 95 auf der anderen Seite des Eppendorfer Baums beginnt. Teure Einrichtungsläden und Restaurants sind in die Ladenlokale der Wohnhäuser gezogen - auch das erinnert wenig an Merkel.

Antrag auf Erinnerungstafel scheitert

Im Jahr 2006 gab es daher in der CDU-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft einen Vorstoß einiger Abgeordneter, die das ändern wollten. Sie stellten einen Antrag auf dem CDU-Landesparteitag, ein Hinweisschild an der Hauswand der Isestraße 95 anzubringen, um auf den "geschichtsträchtigen Ort" aufmerksam zu machen. Doch daraus wurde nichts. Einige Delegierte wehrten sich gegen den Antrag. Eine Hinweistafel sei nicht notwendig und viel zu teuer. Sie hätte zu 100 Prozent aus Spenden finanziert werden müssen und die derzeitigen Bewohner der Isestraße 95 hätten ihr Einverständnis geben müssen.

Hanseatisches Understatement

Vielleicht wäre eine Gedenktafel auch ein bisschen übertrieben. Am Geburtshaus von Gerhard Schröder in Mossenberg/Lippe prangt ebenso wenig eine Plakette wie an der Lübecker Meierstraße, wo 1913 Willy Brandt zur Welt kam. Und auch für Alt-Kanzler Helmut Schmidt haben die Hamburger keine Tafel an seinem Elternhaus in Barmbek aufgehängt.

Noch ein Grund für die fehlende Erinnerung an Merkel ist aber sicher auch, dass sie nur sechs Wochen in der Isestraße 95 gelebt hat. Dann zog sie mit ihrer Mutter dem Vater hinterher nach Quitzow und später weiter nach Templin. Dort begann ihr Weg von der Hamburger Deern zur ostdeutschen Kanzlerin.

Von der Camping-Köchin zur "Mutti" der Nation

Weitere Informationen

Merkel: Mädchen, Mutti, Machthaberin

Helmut Kohl ist ihr politischer Ziehvater. Doch Angela Merkel geht längst ihren eigenen Weg. Die Kanzlerin gilt als pragmatisch, uneitel - und machtbewusst. Ein Porträt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 17.07.2014 | 10:50 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

02:09

65-Jährige erschlagen: Vier Personen in U-Haft

17.10.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal
01:57

Baustellen-Plage: Auf den Straßen ist es eng

17.10.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal
03:06

Zwei Schiffswracks und ihre Geschichte

17.10.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal