Stand: 20.01.2015 11:00 Uhr

Mehr Daten auf Rädern als Menschen am Steuer

Die Hamburger Verkehrsexperten Andreas Rieckhof (links) und Martin Huber planen derzeit einige Großprojekte, beispielsweise die Hafenquerspange.

Sitzen wir in 25 Jahren noch am Steuer von Autos - oder fahren diese von ganz alleine? Haben Bahnen und Busse im Jahr 2040 noch Fahrer? Auch Andreas Rieckhof, Staatsrat der Hamburger Verkehrsbehörde, und Martin Huber, Leiter des Hamburger Verkehrsamtes, sind sich da nicht so ganz sicher: "Bei bestehenden Linien wird das schwierig, da wird es wohl weiter Fahrer geben. Das ist eine Kostenfrage - die Umrüstung wäre teuer." Aber bei neuen Strecken und Linien - wie bei der geplanten U 5 - können sich die beiden Experten fahrerlose Busse und Bahnen gut vorstellen. Das sagten sie in einem Gespräch mit NDR.de, bei dem es über die Zukunft der Mobilität in Hamburg ging.

"Die Frage bei selbstfahrenden Autos wäre natürlich: Wer trägt die rechtliche Verantwortung bei einem Unfall - etwa der Hersteller?", gibt Rieckhof zu bedenken. Huber hält es für möglich, dass 2040 Lastwagen ohne Fahrer auf der Autobahn oder im Stadtverkehr unterwegs sind: "Was jetzt gefährlich ist und uns Angst macht, ist, wenn jemand unvermittelt ausschert." Aber wenn Lastwagen dann automatisiert auf einer Extra-Spur unterwegs seien, wäre das kein Problem mehr.

"Die Freude am Fahren wird es auch in Zukunft noch geben"

Beide Verkehrsexperten sind überzeugt, dass die Schadstoffbelastung in der Hansestadt zurückgehen wird. Die Zahl der Elektroautos werde deutlich steigen. Zudem sollen im Jahr 2040 schon lange nur noch emmissionsfreie Busse auf Hamburgs Straßen unterwegs sein. Huber: "Der Busverkehr wird dann nicht mehr mit heute vergleichbar sein. Die Stadt wird schöner und sauberer - und es wird nicht mehr so viele Autos geben." Rieckhof ist davon noch nicht überzeugt: "Die Freude am Autofahren wird es auch in Zukunft noch geben." Huber: "Die Fragen werden sein: Zu welchem Zweck fahren wir Auto? Und wo dürfen wir das überhaupt noch?" Möglicherweise sei das in der Hamburger Innenstadt in Zukunft gar nicht mehr erlaubt. Es sei gut möglich, dass dann kaum noch Privatautos in der City unterwegs seien. Huber: "Je attraktiver die Leihauto-Angebote sind, desto weniger Privatautos wird es geben."

"Auch 2040 noch Autos mit Lenkrad "

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Andreas Rieckhof: "Die Freude am Autofahren wird es auch in Zukunft noch geben."

Grundsätzlich befinde sich das Mobilitätsverhalten der städtischen Bevölkerung im Wandel - das eigene Auto verliere in Metropolen immer mehr an Bedeutung. Rieckhof ergänzt: "Auf dem Land sieht das natürlich anderes aus. Deshalb wird es auch in 25 Jahren noch Autos mit Lenkrad geben."

Rieckhof und Huber sind sich einig, dass der Öffentliche Personen-Nahverkehr (ÖPNV) weiter ausgebaut werden sollte. Das habe Vorrang. Die Frequenzen der Busse und Bahnen sollen beispielsweise erhöht werden.

Hamburg wird zur "Smart City"

"Der Begriff 'Digitale Stadt' gewinnt immer mehr an Bedeutung. Dazu gehört nicht nur der Verkehr, sondern auch Themen wie Energie, Gesundheit, Bildung oder Wirtschaft", betont Rieckhof. Hamburg soll zur "Smart City" werden - also zu einer vernetzten und intelligenten Stadt. Die Lebensqualität der Bürger soll dadurch erhöht werden. "Der zukünftige Erfolg von Städten wird darin liegen, die Vorteile von Technologie für sich zu nutzen", erklärt der Staatsrat.

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Martin Huber: "Der Verkehr wird zukünftig sicherer."

Die Leute würden sich schnell an die neuen Möglichkeiten der "Smart City" gewöhnen. Für die jüngere Generation sei es ja sowieso normal, sich von Technik steuern zu lassen. "Die Kinder wachsen heute mit Smartphones auf, viele Menschen können doch gar keine Straßenkarten mehr lesen und verlassen sich auf Navigationsgeräte." Sie seien auf Technik angewiesen. Schon in wenigen Jahren, glaubt Huber, wird es so sein, dass die Autos mit Ampeln kommunizieren können. Sensoren würden dann nicht nur erkennen, wann Grün ist. Sie würden auch die Umgebung überwachen und Störungen erkennen. "Der Verkehr wird dadurch sicherer und die Zahl der Unfälle geringer", ist der Leiter des Verkehrsamtes überzeugt.

"Müssen unsere Infrastruktur intelligenter machen"

Rieckhof betont die Bedeutung des Hafens für die Entwicklung Hamburgs: "Wir müssen in der Lage sein, kurzfristig und schnell viele Waren wegzuschaffen. Wir müssen deshalb Strukturen effizienter nutzen und unsere Infrastruktur intelligenter machen, um die Warenflüsse besser zu steuern."

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Im Hamburger Hafen werden bereits jetzt die Verkehrsströme gelenkt.

Der Hafen ist deshalb Vorreiter in der Planung der Mobilitäts-Zukunft. Dort wird schon jetzt das Pilotprojekt "Smart Port" getestet und soll im Juni 2015, wenn die Hansestadt Gastgeber der Welthafenkonferenz ist, der breiten Öffentlichkeit präsentiert werden. Parkplätze für Lastwagen sind beispielsweise mit Sensoren ausgestattet, um die Parkplatzsuche zu vereinfachen. Zudem werden die Verkehrsströme gelenkt und optimiert. Staus sollen so vermieden werden. Die Straßenbeleuchtung wird intelligent geschaltet. Sie geht nur dann an, wenn ein Fahrzeug dort unterwegs ist. So soll Energie eingespart werden. Auch Emissionsdaten werden erfasst, um rechtzeitig Maßnahmen für eine bessere Luftqualität ergreifen zu können.

"Dinge werden in Zukunft wahrnehmungsfähig"

"Dinge werden in Zukunft wahrnehmungsfähig - auch ohne Menschen", betont Rieckhof. "Egal ob Autos, Maschinen, Ampeln, Kühlschränke, Gebäude, Lampen, Straßen oder Brücken." In der intelligenten Stadt seien alle Bereiche durch Sensoren miteinander vernetzt und interagieren. "Netzwerke sind in Zukunft das Maß aller Dinge. Die Vernetzung der Daten ist die wichtigste Aufgabe. Daten auf Rädern sozusagen. Wer hat Daten und wer steuert sie - das wird entscheidend."

"Strategie Digitale Stadt" beschlossen

Der Hamburger Senat hat am 13. Januar 2015 die "Strategie Digitale Stadt“ beschlossen. Ziel ist es, technische Innovationen für die optimale Entwicklung der Stadt zu nutzen. Der Senat will künftig in allen Initiativen und Projekten mit seiner Beteiligung den Aspekt der Digitalisierung verstärkt berücksichtigen. Eine Leitstelle soll das koordinieren. Ein erstes Projekt ist die hochschulübergreifende Digitalisierungsstrategie von Senat und Hochschulen. In ihrem Zentrum steht die "Open Online University". Die Bandbreite der Projekte reicht von der Digitalen Verwaltung über intelligente Verkehrssysteme und Hafenorganisation (smartPORT), digitale Geodaten sowie Bildungs- und Kulturangebote bis hin zur digitalen Infrastruktur der gesamten Energieversorgung (SmartEnergy).

Aber was passiert mit den ganzen Daten? Wie können die Persönlichkeitsrechte der Bürger trotz Vernetzung geschützt werden? Rieckhof räumt ein: "Das ist natürlich eine große Gefahr und schon jetzt ein großes politisches Thema. Das müssen wir hinbekommen."

"Radhauptstadt werden wir wohl nicht"

Um auf dem Laufenden zu bleiben, schauen sich die Hamburger Verkehrsplaner auch andere Städte an. Vorbild-Städte gebe es aber nicht. "Kopenhagen gilt als Vorzeige-Radfahrer-Stadt. Aber die Möglichkeiten sind nicht mit Hamburg vergleichbar", so Rieckhof. Die dänische Hauptstadt sei kleiner und hätte viel breitere Straßen. "Wir wollen mehr Radverkehr in Hamburg - aber die Radhauptstadt werden wir wohl nicht." Dafür könne Hamburg aber vielleicht Vorreiter bei der Busbeschleunigung werden.

Wird es in absehbarer Zeit vielleicht sogar Solarstraßen in Hamburg geben, die selber Strom erzeugen und mit LED-Lampen flexible Fahrbahnmarkierungen sowie Warnhinweise anzeigen können? Das können sich Rieckhof und Huber nicht wirklich vorstellen. "Die Frage ist, ob wir so ein teures Projekt wirklich brauchen. Oder sind viele Funktionen in Zukunft nicht sowieso in unsere Autos integriert?" fragt sich Huber.

Autobahnnetz wird ergänzt

Derzeit beschäftigt sich die Hamburger Verkehrsbehörde mit einigen Großprojekten -die A-7-Deckel zum Beispiel. Das Autobahnnetz wird zudem deutlich ergänzt - beispielsweise mit der sogenannten Hafenquerspange zwischen den Autobahnen 1 und 7. Sie soll - wie alle neuen Projekte - mit viel Sensorik ausgestattet werden, um sie fit für die digitale Zukunft zu machen.

Trotz Digitalisierung und Vernetzung wünscht sich Huber: "Jeder sollte die für ihn angemessene oder erwünschte Mobilität nutzen können - diese Freiheit müssen wir erhalten - auch im Jahr 2040."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 02.12.2016 | 06:38 Uhr

In welche Richtung fährt Hamburgs Verkehr?

Wie funktioniert Mobilität 2040? Wie bewegen sich Menschen in Zukunft in Metropolen wie Hamburg fort? NDR.de hat mit HVV-Geschäftsführer Aigner über Projekte und Visionen gesprochen. mehr

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