Stand: 16.09.2017 07:52 Uhr

Linke sieht wachsende Armut in Hamburg

Die soziale Spaltung in Hamburg wächst nach Überzeugung der Linken trotz Rekordbeschäftigung und Rückgang der Arbeitslosigkeit weiter. "Trotz guter wirtschaftlicher Rahmenbedingungen und sprudelnder Steuereinnahmen sind mehr als 285.000 Menschen in Hamburg von Armut betroffen", sagte die Fraktionsvorsitzende der Linken, Cansu Özdemir. Das sind 15,7 Prozent der Hamburger. Sie berief sich auf die von den Linken in Auftrag gegebene Studie "Soziale Ungleichheit im Wohlstand". Unter anderem sei demnach die Altersarmut in Hamburg seit 2003 von drei auf inzwischen sieben Prozent gestiegen.

Alte und Kinder betroffen

Auffällig ist laut der Studie die soziale Spaltung: Während im Hamburger Stadtteil Nienstedten beispielsweise nur 0,5 Prozent der Kinder arm sind, sind es in Steilshoop 50 Prozent. Auch an den Einkommen werden die Unterschiede deutlich. In Nienstedten, Othmarschen und Blankenese verdienen die Menschen im Schnitt das Fünf- bis Achtfache der Billstedter und Wilhelmsburger.

Arm seien vor allem Kinder, Alleinerziehende und alte Menschen, sagte Co-Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus. Die Linke warnte auch: Das Rentenniveau dürfe nicht sinken und der Mindestlohn müsse in Hamburg auf 13 Euro steigen. Gewerkschaften müssten zudem deutliche Einkommenssteigerungen durchsetzen.

Arme gehen seltener zu Wahl

Boeddinghaus warnte gut eine Woche vor der Bundestagswahl auch davor, dass gerade arme Menschen sich immer seltener an Wahlen beteiligen und diese damit zu einer immer exklusiveren Veranstaltung einkommensstarker Menschen werden. "Wer arm ist, glaubt seltener daran, dass die eigene Stimme noch etwas zählt", so Boeddinghaus.

Studie zum Download
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Studie: Soziale Ungleichheit im Wohlstand

Die Linke hat die Studie "Soziale Ungleichheit im Wohlstand – Reichtum und Armut in Hamburg" vorgelegt. Trotz Rekordbeschäftigung habe das Armutsrisiko zugenommen, schreiben die Autoren. extern

Als armutsgefährdet gilt in Deutschland, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte zur Verfügung hat - das waren laut einer im Juli vorgelegten Studie zur Armutsgefährdung von Erwerbstätigen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zuletzt weniger als 869 Euro pro Monat für Alleinstehende. Unter Experten ist diese Methode allerdings nicht unumstritten, weil sie eher Einkommensunterschiede als Armut misst.

Sozialbehörde weist Kritik zurück

Die Sozialbehörde wies die Kritik an der sozialen Spaltung in Hamburg zurück. Zwar zweifele niemand in der Sozialbehörde die vorgelegten Zahlen an, aber man bekämpfe die Kinderarmut in den Kitas mit frühkindlicher Bildung und verstärkter Beratung der Eltern, sagte der Sprecher der Sozialbehörde, Marcel Schweitzer, zu NDR 90,3. Und bei Altersarmut helfe die Stadt mit einer Grundsicherung plus Wohngeld. Schweitzer räumt allerdings ein, dass die Zahl armer Rentner weiter zunehmen werde. Die Linke fordert eine gemeinsame Armutsstrategie von Senat und Wohlfahrtsverbänden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 16.09.2017 | 06:30 Uhr

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