Stand: 07.12.2012 17:40 Uhr

Letzte "FTD"-Ausgabe "endlich schwarz"

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Die Financial Times Deutschland erscheint am 7. Dezember 2012 zum letzten Mal.

Endzeitstimmung in der Redaktion der "Financial Times Deutschland" (FTD): Am Freitag ist die letzte Ausgabe der Wirtschaftszeitung erschienen - mit schwarzem Titelblatt. Die Schlagzeile der ansonsten lachsrosafarbenen Zeitung lautet "Endlich schwarz" - eine Anspielung auf die schwarzen Zahlen, die das defizitäre Blatt nie geschieben hat. Im Schriftzug "Financial Times" wurden einige Buchstaben ausgelassen, sodass die Endausgabe auch tatsächlich "Final Times" heißt.

Im Eiltempo ausverkauft - Verlag druckt weitere 30.000 Abschiedszeitungen

Die letzte Ausgabe war an vielen Kiosken schon am Morgen ausverkauft. Am Nachmittag kündigte der Verlag an, dass 30.000 weitere Abschiedszeitungen nachgedruckt werden sollen. Die neuen Ausgaben werden jedoch vermutlich erst am Samstag am Kiosk liegen. Die letzten redaktionellen Inhalte sollten am Freitagnachmittag auf die Internetseite ftd.de gestellt werden. Der Webauftritt werde voraussichtlich noch bis zum Jahreswechsel bestehen.

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Letzte "FTD" hat Sammlerwert

Hamburg Journal - 07.12.2012 19:30 Uhr

Die letzte Ausgabe der "Financial Times Deutschland" hat Sammlerwert. "Endlich schwarz" lautet der Titel in Anspielung auf die unerreichten schwarzen Zahlen, die zum Aus geführt haben.

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Mitarbeiter demonstrieren vor Verlagsgebäude

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"Jetzt ist G+J dran": Die "FTD"-Mitarbeiter fordern eine gerechte Entschädigung vom Verlages.

Ganz in die Trauerfarbe Schwarz gekleidet waren auch viele der etwa 150 Mitarbeiter, die am Freitagnachmittag vor dem Verlagsgebäude von Gruner + Jahr am Hamburger Baumwall protestierten. "Wir haben zwölf Jahre geliefert. Jetzt ist G+J dran", forderten sie auf einem meterlangen Plakat eine gerechte Entschädigung für die insolvenzbedingte Entlassung. Jetzt sei Zahltag, sagte "FTD"-Betriebsrätin Maike Rademaker. Die meisten Demonstranten trugen Solidaritätsschleifen, die lachsrosa wie das "FTD"-Papier waren.

"Wut, wie mit uns umgegangen wird"

"Die Stimmung ist seltsam", sagte Rademaker. "Neben Trauer und Feiern ist da auch die Wut, wie mit uns umgegangen wird." Für viele ihrer Kollegen herrsche Unsicherheit, wie es mit ihnen weitergeht. Betroffen von dem Aus sind nach Angaben von Gruner + Jahr 364 Mitarbeiter. Für einige sollen andere Aufgaben im Verlag gesucht werden. Doch was mit der Mehrheit der Mitarbeiter passiert, steht noch nicht fest. "'Unklar' ist dafür noch ein zarter Ausdruck", kritisierte Rademaker: "Wenn man eine Zeitung zumacht, dann sollte man wissen, wie man sie zumacht."

Das Beste aus mehr als einem Jahrzehnt "FTD"

Auf der "FTD"-Internetseite zeigt eine Bildergalerie, wie die Journalisten die letzte Ausgabe planen und gestalten. Die letzte "FTD" ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil gibt es eine Auswahl der besten Magazinideen, Optiken und Meinungsbeiträge sowie Überschriften und Layouts, die von den Mitarbeitern geprägt wurden. Im zweiten Teil folgen "letzte Worte" - all das, was die Zeitungsmacher zum Schluss noch loswerden möchten. Im dritten Teil werden dem Leser Innenansichten der Redaktion präsentiert und der vierte und letzte Teil schließt mit einem großen Leitartikel, in dem sich die Chefredakteure Steffen Klusmann, Stefan Weigel und Sven Clausen bei Gesellschaftern, Anzeigenkunden, der Presse, Politikern und natürlich den Lesern entschuldigen:

"Entschuldigung, dass wir so kritisch berichtet haben"

"Entschuldigung, liebe Gesellschafter, dass wir so viele Millionen verbrannt haben. Entschuldigung, liebe Anzeigenkunden, dass wir so kritisch über eure Unternehmen berichtet haben. Entschuldigung, liebe Pressesprecher, dass wir so oft euren Formulierungsvorschlägen nicht gefolgt sind. Entschuldigung, liebe Politiker, dass wir euch so wenig geglaubt haben. Entschuldigung, liebe Kollegen, dass wir euch so viele Nächte und so viele Wochenenden haben durcharbeiten lassen. Entschuldigung, liebe Leser, dass dies jetzt die letzten Zeilen der FTD sind. Es tut uns leid. Wir entschuldigen uns vorbehaltlos. Aber: Wenn wir noch einmal von vorn anfangen dürften - wir würden es jederzeit wieder genauso machen."

Im Untergang noch Gutes tun

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Mit der Online-Versteigerung von Redaktionsandenken wie einer Heuschreckensammlung wurden bisher 25.000 Euro eingenommen.

Bevor die Redaktion endgültig dichtgemacht wird, muss alles raus - und wird über das Internet-Auktionshaus eBay versteigert. Nachdem bereits die Heuschreckensammlung der Chefredaktion einen neuen Besitzer gefunden hat, sind dort nun zum Beispiel noch Porträts der Konzernvorstände oder ein ferngesteuertes Auto zu haben. Eine "FTD"-Erstausgabe vom 21. Februar 2000 erzielte ein Gebot von 1.810 Euro. "Die Versteigerung der 'FTD'-Devotionalien übertrifft die Erwartungen der Redaktion um mehrere Tausend Euro", freuen sich die Journalisten.

Das eingenommene Geld - bislang insgesamt rund 25.000 Euro - geht an die Organisation "Reporter ohne Grenzen", die sich weltweit für verfolgte Journalisten einsetzt. "Wir könnten im Untergang wild um uns schlagen. Wir können aber auch dem Journalismus helfen, am Leben zu bleiben", hatte die Redaktion die ungewöhnliche Versteigerung begründet.

Großes Fest zum Abschluss

Sich selbst gönnt die Redaktion zum Abschied aber auch etwas: Für Freitagabend ist ein großes Fest geplant. Alle Mitarbeiter wollen demnach noch einmal zusammen richtig feiern. Auch die Auslandskorrespondenten werden zu der Party in einem Hamburger Saal erwartet.

DJV rät von selbständiger Tätigkeit ab

In Hamburg stellt die "FTD" ihre Produktion ein, zuvor hatten bereits die "Frankfurter Rundschau" und der Nachrichtendienst dapd Insolvenz angemeldet. Hunderte Journalisten sind derzeit auf Jobsuche. Viele von ihnen müssen sich vermutlich selbständig machen. Von der Möglichkeit als freier Journalist zu arbeiten, rät Stefan Endter vom Deutschen Journalistenverband (DJV) jedoch ab, berichtet NDR Info. Die Honorare seien massiv reduziert worden, so dass man teilweise keine tragfähige Existenzperspektive mehr habe. Laut Künstlersozialkasse, bei der viele selbständige Journalisten versichert sind, wird das Jahreseinkommen dieser Berufsgruppe für das Jahr 2010 auf knapp 17.000 Euro geschätzt. Das ist weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Bruttogehalts in Deutschland.

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Viele "FTD"-Mitarbeiter sehen schwarz

NDR Info - 07.12.2012 07:55 Uhr Autor/in: Drehkopf, Kathrin

Mit der letzten Ausgabe endet die Geschichte der "Financial Times Deutschland". Die Perspektiven für die Mitarbeiter sind alles andere als rosig, wie Kathrin Drehkopf berichtet.

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