Stand: 01.03.2017 12:06 Uhr

Langzeitarbeitslosen eine Perspektive geben

Arbeitslosigkeit gehört für viele Menschen zu den schlimmsten Vorstellungen in ihrem Leben. Denn für viele ist ihre Arbeit viel mehr als nur ein Broterwerb, sie ist ein Lebensinhalt. Arbeitslosigkeit betrifft alle Bevölkerungsschichten, alle Altersgruppen, Männer wie Frauen gleichermaßen. Etwa eine Million Menschen in Deutschland sind länger als ein Jahr arbeitslos, sie gelten als Langzeitarbeitslose. Wie empfinden sie ihre Situation?

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An manchen Tagen führen Lydia Köster und ihre Kolleginnen von der Arbeitslosen-Telefonhilfe in Hamburg bis zu 100 Gespräche.

Ein trüber Winterhimmel hängt tief vor dem Büro der Arbeitslosen-Telefonhilfe im Hamburger Stadtteil Barmbek. Lydia Köster ist eine von fünf Sozialarbeiterinnen, die heute hier Telefon-Dienst haben. Bei schlechtem Wetter würden besonders viele Anrufe reinkommen, erzählt sie. 80 oder sogar 100 am Tag.

Köster berät vor allem Menschen, die schon seit längerer Zeit arbeitslos sind. Sie hilft mit Fakten weiter, zum Beispiel rund um das Arbeitslosengeld II. Manchmal muss sie auch psychologisch erste Hilfe leisten: "Man weiß nie, was reinkommt. Es kann eine einfache Frage sein, oder es gibt einfach überforderte Menschen, denen es schon länger schlecht geht, die sich aufraffen, hier anzurufen, und dann wird erstmal viel geweint. Das kann schon eine halbe Stunde bis Stunde dauern, bis man die Menschen beruhigt hat, um sie zu stabilisieren und dann bestenfalls einen Termin auszumachen. Dann kommen sie hierher und dann bespricht man alles weitere."

Die Fähigkeiten sehen, nicht die Mankos

Köster berichtet, dass sie die Menschen dann ermuntert, an sich zu glauben. Die Fähigkeiten sehen, nicht die Mankos. Die meisten, die ihren Rat suchten, seien Frauen, erzählt die Sozialarbeiterin. Sie trauten sich eher, Hilfe zu suchen und anzunehmen. Ansonsten gebe es kein Raster. "Von jemandem, der obdachlos ist und gerade keine Unterkunft hat, bis hin zu gescheiterten Existenzen, die studiert haben - da ist alles dabei."

Vormizeele fordert einen sozialen Arbeitsmarkt

Kösters Chef bei der Beratungsstelle heißt Kai Voet van Vormizeele. Viele Jobs seien aufgrund des technologischen Fortschritts weggefallen, sagt der frühere CDU-Bürgerschaftsabgeordnete aus Hamburg. Ohne Ausbildung habe ein Arbeitsloser kaum noch Chancen auf eine Arbeitsstelle: "Ich glaube, dass wir uns langfristig darüber Gedanken machen müssen, wie wir einen sozialen Arbeitsmarkt hinbekommen für Menschen, die arbeiten können. Wir haben Tätigkeiten, die wir brauchen: Einkaufshilfen, Betreuungshilfen, Vorlesehilfen für ältere Menschen. Das sind Dinge, die wir nicht profitabel abrechnen können." Aus Vormizeeles Sicht rechnet es sich aber dennoch volkswirtschaftlich, dafür Menschen zu beschäftigen: "Menschen, die nur noch zu Hause sitzen, bekommen messbar Krankheiten. Sie belasten das Gesundheitswesen mit Kosten und bezahlen keine Rentenbeiträge mehr."

Ein neuer Job steigert das Selbstbewusstsein

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Die zuvor 20 Jahre arbeitslose Heike Kaiser hat eine Stelle als Küchenhilfe in einer Hamburger Uni-Mensa gefunden.

Heike Kaiser war 20 Jahre lang arbeitslos. Jetzt hat sie es geschafft: Sie hat einen Job als Küchenhilfe in einer Uni-Mensa gefunden. "Ich war alleinerziehend mit sechs Kindern. Da hat man immer gehört: 'Was machen sie denn, wenn die Kinder krank sind?' Da müsste ich zu Hause bleiben, das ging dann immer nicht. Und ich denke, jetzt wird's Zeit, dass ich selber den Hintern hochkriege und für mich was mache", erzählt Heike Kaiser.

Die 46-Jährige schaffte den Einstieg ins Arbeitsleben dank eines Förderprogramms des Jobcenters. Arbeitgeber bekommen dabei eine großzügige Unterstützung vom Staat, wenn sie Langzeitarbeitslose beschäftigen. Heike Kaiser erschien das wie ein Sechser im Lotto: "Das ist fürs Selbstbewusstsein sehr viel wert. Man ist für die Gesellschaft wieder da. Man ist nicht nur 'Mutter Plüsch' da für die Kinder, sondern man ist produktiv. Das ist so das Schöne."

Das erste selbst erarbeitete Geld seit Langem

Ihr neuer Job bedeute für sie auch ein neues Leben, sagt Heike Kaiser. Eigenständig, unabhängig - auch finanziell. Wenn jetzt einmal etwas Geld übrig bleibt, spart sie es für schöne Dinge auf: "Dann kann ich irgendwann in den Urlaub fahren. Oder ich kann mal schön Shoppen gehen mit meiner Tochter. Das habe ich mir dann selbst erarbeitet." Und dafür stehe sie auch gerne jeden Morgen um halb sechs Uhr auf - und zwar gerne auch für immer: "Ich kann mir vorstellen, das die nächsten 20 oder 25 Jahre noch zu machen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 01.03.2017 | 06:38 Uhr

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