Stand: 23.11.2012 19:06 Uhr

Kreuzfahrten, die begeistern und verschmutzen

von Daniel Sprenger, NDR.de
Bild vergrößern
Immer häufiger wird Hamburg von Kreuzfahrern wie der "AIDAbella" angelaufen.

"Hamburg ist ein begeisternder Kreuzfahrthafen", sagt Wirtschaftssenator Frank Horch (parteilos). Bilder der Luxusliner seien eine perfekte Werbung für die Hansestadt. "Überall, wo wir hinfahren, hinterlassen wir Spuren", hält Nadja Ziebarth vom Umweltschutzverband BUND Bremen dagegen. Was Kreuzfahrtschiffe produzieren, wäre an Land Sondermüll.

Horch nimmt Bezuf auf Highlights wie die Ankunft der Olympioniken auf der MS "Deutschland", die Cruise Days oder die Einläufe der "Queen Mary 2". Ziebarth verweist auf die vier Schadstoffgruppen, die von Kreuzfahrtschiffen hauptsächlich ausgestoßen werden: Schwefeloxide, Stickoxide, Kohlendioxid (CO2) sowie Ruß und Feinstaub.

Kreuzfahrt trägt als ein Teil zur Gesamtverschmutzung bei

Einer Untersuchung des Senats zufolge sondern Kreuzfahrtschiffe im Hamburger Hafen pro Jahr 10.500 Tonnen CO2, 177 Tonnen Stickoxide, 6,7 Tonnen Schwefeloxide und 3,5 Tonnen Ruß und Feinstaub ab: "Gefährlich und ärgerlich sind alle vier Emissionsarten", sagt Ziebarth. Allerdings wirkten sie unterschiedlich: Der Feinstaub beeinträchtige die Gesundheit der Menschen. Schwefel und Stickoxide belasteten das Wasser. In der Ostsee führten die Schadstoffe zu Eutrophierung, einer Überversorgung mit Nährstoffen. Eine dadurch verstärkte Algenbildung und Lichtundurchlässigkeit sorgten für tote Zonen. Die Kreuzschifffahrt sorge zwar nur für einen kleinen Teil aller Emissionen, allerdings trage jedes Puzzleteil zum Gesamtbild der Verschmutzung bei.

Kreuzfahrt hat noch großes ökologisches Potenzial

Bild vergrößern
AIDA-Chef Michael Ungerer hält Kreuzfahrten für die ökologischste Reiseform. Seine Flotte brauche nur drei Liter Treibstoff pro Gast und 100 Kilometer.

Die Branche selbst gibt sich gerne umweltfreundlich. "Bereits heute gehört Kreuzfahrt zu den ökologischsten Reiseformen", sagt Michael Ungerer, Präsident des deutschen Marktführers AIDA Cruises. Nachhaltigkeit werde immer wichtiger, schon aus Eigeninteresse der Reeder: "Das ist ein Buchungskriterium", ist sich Ungerer sicher. Umweltschützerin Ziebarth sagt: "Auf das Argument, das Schiff ist das ökologischste Transportmittel, antworte ich immer: Ja, und es hat noch das größte Potenzial nach oben. Selbst wenn man den besten Schiffsdiesel nimmt, hat man immer noch 100 Prozent mehr Schwefel darin als im Straßenverkehr."

Auf ihrer Homepage wirbt die Rostocker AIDA-Reederei mit dem Slogan: "Wir haben das 3-Liter-Schiff!" Die acht Schiffe starke Flotte verbraucht nach Unternehmensangaben drei Liter Treibstoff pro Passagier und 100 Kilometer, was "deutlich weniger als ein Pkw" sei. Ein reibungsarmer Unterwasseranstrich, Treibstoff sparendes Design von Schiffsrumpf, Ruder und Propeller sowie eine sparsame Fahrweise durch Optimierung von Geschwindigkeit, Routen und Liegezeiten trage dazu bei. "2015 und 2016 stellen wir zwei Schiffe einer neuen Generation in Dienst, die ausschließlich mit umweltschonendem Dieselöl betrieben werden", heißt es dort weiter. Das bedeutet aber auch, dass zurzeit zumindest zum Teil noch schädliches Schweröl im Tank ist.

Horch: "Wir werden alles tun, um Kreuzfahrt zu befördern"

Die AIDA-Flotte kommt immer häufiger nach Hamburg. Der Kreuzfahrttourismus boomt an der Elbe: 29 Anläufe mit 18.000 Passagieren gab es im Jahr 2000, 2011 waren es 120 Anläufe mit mehr als 300.000 Passagieren. Laut Horch "eine beeindruckende Entwicklung für den Tourismus-Standort Hamburg". Kein Wunder also, dass er auf dem Kreuzfahrt Kongress, einem Spitzentreffen der Branche, eine positive Losung ausgegeben hat: "Wir werden alles tun, um die Kreuzfahrt in Hamburg zu befördern. Das Engagement der Stadt ist unbegrenzt groß, hier zu investieren."

Kreuzfahrtterminals mitten in der Stadt bedeuteten aber auch eine besondere Verantwortung für den Lebensraum Hamburg mit knapp zwei Millionen Einwohnern und zahlreichen Touristen. Die gesellschaftliche Akzeptanz könne nur durch ökologische Verantwortung erreicht werden. "Die deutsche Gesellschaft ist eine kritische Gesellschaft."

Landstrom durch Pilotprojekt in Altona und "Power Barge"

Bild vergrößern
AIDA hat eine Power Barge für die Stromversorgung von Schiffen im Hafen entwickelt. Ab 2013 soll sie in Hamburg getestet werden.

Ein Ansatzpunkt für Schadstoffsenkungen ergibt sich bei den Liegezeiten. Derzeit laufen die Motoren auch im Hafen weiter. Die Schiffe erzeugen so den benötigten Strom selbst. Damit die Motoren ausgeschaltet werden können, soll in Hamburg Landstrom zur Verfügung gestellt werden. "Das Ziel ist hier nicht nur der Blick auf die Kreuzfahrtschiffe, sondern der Blick auf insgesamt 12.000 Schiffe im Hafen." Das Pilotprojekt findet gleichwohl zunächst am Kreuzfahrtterminal Altona statt. Derzeit liefen letzte technische Auslegungen sowie eine "Finalisierung der Wirtschaftlichkeit". Die Stadt investiert neun Millionen Euro in die Maßnahme, die von BUND-Frau Ziebarth positiv gesehen wird.

Auch die vom AIDA-Konzern geplante "Power Barge", eine Art schwimmendes Gaskraftwerk, soll ab 2013 Schiffe mit Strom versorgen. Wirtschaftssenator Horch will Barge-Systeme genehmigungsfähig machen, "es geht nur noch um das wie, nicht mehr darum, ob wir das tun."

Klima-Kompensation oder Ablasshandel?

Neben diesen technischen Möglichkeiten gibt es bereits Konzepte, von den Passagieren einen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz zu verlangen. Als Kompensation für eine siebentägige Karibikkreuzfahrt würden einem Modell der Climate Concept Foundation zufolge 13 Euro Klimaschutzbeitrag fällig. "Im Vergleich zum Preis der Reise ist das nicht viel", findet Stiftungsvorstand Christopher Brandt.

Richard Vogel, Geschäftsführer von TUI Cruises, nennt die Klima-Kompensation durch Geld "Ablasshandel". Auch einem kompletten Verzicht auf Schweröl steht Vogel kritisch gegenüber. Für sein Unternehmen würde das bedeuten, dass die Reise pro Person zwischen 120 und 150 Euro mehr kostet. Die Kunden seien jedoch nicht bereit, diesen Aufpreis zu zahlen.