Stand: 23.06.2015 19:00 Uhr

Ist Behörde mitverantwortlich für Baby-Tod?

Eine junge Frau verliert nach einem Flüchtlingstransport von Hamburg nach Dortmund ihr ungeborenes Kind. Recherchen von WDR und NDR Info zeigen: Die Frau hätte niemals nach Dortmund reisen dürfen, da bei ihr eine Risikoschwangerschaft vorlag. Jetzt gerät die Hamburger Innenbehörde in die Kritik.

Von Benedikt Strunz, NDR Info, und Anke Bösenberg, WDR

Suleyman Sow und seine Frau Mariatou haben viel durchgemacht. Im Februar dieses Jahres kamen die beiden gemeinsam mit ihrem eineinhalbjährigen Sohn in Hamburg an. Hinter ihnen lag eine monatelange Flucht aus ihrer Heimat Guinea. Obwohl die 20-jährige Mariatou Sow erneut schwanger war, nahm sie die Strapazen der Flucht auf sich, denn ihre Kinder sollten einmal besser leben als sie.

Umso erschrockener reagierte die junge Frau, als sie in Hamburg feststellte, dass bei ihr Unterleibsblutungen aufgetreten waren. Gemeinsam suchten sie ein Krankenhaus auf, erzählt ihr Mann Suleyman: "Die Ärzte haben uns dann gesagt, dass sie nichts mehr machen darf, keine einzige Bewegung. Noch nicht einmal die Windeln von unserem Kind wechseln. Also habe ich gesagt: 'O.k., dann lerne ich das jetzt alles'", so Sow. Obwohl die junge Frau zwei Tage im Krankenhaus behandelte wurde, ließen sich die Gründe für die Blutung nicht zweifelsfrei klären. Für Mediziner ist das ein Warnsignal. Sie gehen dann von einer Risikoschwangerschaft aus. Statt einer neuen Zukunft, die sie sich in Hamburg erträumt hatte, begann für die junge Familie eine Zeit des bangen Hoffens, dass ihr Baby gesund zur Welt kommt.

"Im Zug müssen sie sich ja nicht bewegen"

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Seit ihr Baby am 2. März dieses Jahres in ihrem Bauch starb, redet Mariatou Sow kaum noch.

Die dreiköpfige Familie Sow hatte in der Zentralen Erstaufnahmeeinrichtung in Hamburg-Harburg Unterkunft gefunden. Suleyman Sow kümmerte sich fortan so gut es ging um seine schwangere Frau, die Angst hatte, ihr ungeborenes Baby zu verlieren, und um seinen kleinen Sohn. Doch am 27. Februar teilten die Mitarbeiter der Flüchtlingsunterkunft der Familie mit, dass sie nicht in Hamburg bleiben könne, sondern unverzüglich - noch am selben Tag - nach Dortmund und von dort weiter in ein Flüchtlingslager in Burbach in Nordrhein-Westfalen reisen solle. Für das Herkunftsland Guinea sei nun mal Burbach zuständig, hieß es.

Als man ihm in der Erstaufnahmeeinrichtung in Harburg den etwa 400 Kilometer entfernten Ort auf der Karte zeigte, bekam es Suleyman Sow mit der Angst zu tun. Er habe den Mitarbeitern, einem Mann und einer Frau, erklärt, dass seine Frau schwanger ist und nicht reisen kann. Auch beteuert Sow, dass er einen Arztbrief vorgezeigt habe, in dem vermerkt ist, dass seine Frau zu der Zeit Unterleibs-Blutungen hatte. Das Papier liegt WDR und NDR Info vor. Er betonte im Gespräch mit den Mitarbeitern auch, dass sich seine Frau auf ärztlichen Rat hin nicht bewegen dürfe, sagt er: "Ich habe sie gebeten, dass sie uns solange in Hamburg lassen, bis das Kind geboren ist." Doch all das habe nichts an dem Entschluss der Mitarbeiter geändert: "Sie sagten nur, wenn Sie im Zug sitzen, müssen Sie sich ja nicht bewegen."

Zwölf Stunden Zugfahrt trotz Risikoschwangerschaft

Also machten sich die Sows mit anderen Flüchtlingen auf den Weg nach Dortmund - ausgestattet mit einem Gruppenticket für Regionalzüge. Für die Familie aus Guinea, die nie zuvor in ihrem Leben Zug gefahren war, begann eine Odyssee. Zusammen mit ihrem kleinen Sohn und bepackt mit zwei Koffern, versuchen Suleyman und Mariatou nach Dortmund zu gelangen. "Ich konnte nicht das Gepäck und unseren Sohn nehmen", erinnert sich Sow. "Also habe ich unser Kind - der Junge wiegt 15 Kilo - meiner Frau gegeben. Wenn wir umsteigen mussten, hatten wir manchmal nur fünf Minuten Zeit, um einen anderen Zug zu erreichen. Darum sind wir gerannt."

Weil sie einen Zug verpasst hätten, seien sie schließlich erst nach zwölf Stunden Fahrt in Dortmund angekommen. Insgesamt mussten sie fünf Mal auf der Strecke umsteigen, berichtet das Paar. Am kommenden Tag brachte man sie demnach mit einem Bus von Dortmund weiter nach Burbach, wo man ihnen ein Zimmer zuwies. "Dann hat meine Frau angefangen zu weinen. Sie sagte zu mir: 'Ich blute wieder.'"

Keine ärztliche Hilfe am Wochenende

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Das ungeboren verstorbene Baby der Sows ist auf dem Friedhof für sogenannte Sternenkinder in Siegen beigesetzt worden.

Es ist mittlerweile Sonnabend, der 28. Februar 2015 - und am Wochenende gibt es keine Arztbereitschaft in der Flüchtlingsunterkunft in Burbach. Suleyman Sow sagt, die Verantwortlichen hätten ihm angeboten, einen Krankenwagen zu rufen - aber nur wenn es wirklich gefährlich würde. Ansonsten wäre es besser zu warten. Der verängstigte Mann ließ keinen Krankenwagen rufen. Erst zwei Tage später, am Montag, wird Mariatou Sow als Notfall in eine Klinik eingeliefert. Doch es ist zu spät. Im fünften Monat ihrer Schwangerschaft verliert die 20-Jährige ihr Baby. Sie hat Glück, dass sie selbst mit dem Leben davon kommt. Seither redet die junge Frau nicht mehr viel. Ihr ungeborenes Kind wurde auf einem Friedhof bei Siegen beigesetzt.

Was wussten die Mitarbeiter der Hamburger Flüchtlingsunterkunft?

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Linken-Politikerin Christiane Schneider fordert eine Aufarbeitung des Falles von Familie Sow durch den Senat.

Christiane Schneider, Abgeordnete der Linken in der Hamburger Bürgerschaft, macht das Schicksal der Familie Sow wütend. Nachdem der WDR bereits vor einigen Wochen über den Fall berichtet hatte, stellte Schneider eine Anfrage an den Senat. Sie wollte wissen, ob den Hamburger Behörden bekannt war, dass bei Mariatou Sow eine Risikoschwangerschaft vorlag. Die Antwort des Senats fiel deutlich aus: "Der Zentralen Erstaufnahmeeinrichtung war lediglich bekannt, dass die Frau schwanger war. Von einem Krankenhausaufenthalt oder Beschwerden haben die Eheleute nichts berichtet", heißt es in dem Dokument. Und weiter: "Mit der Verteilungsentscheidung waren die Eheleute einverstanden. Es bestand daher keine Veranlassung, von der getroffenen Verteilungsentscheidung abzusehen."

WDR und NDR Info wollten von der zuständigen Innenbehörde nun wissen, wie sie sich die Widersprüche zwischen den Aussagen der Sows und der Senatsantwort erklären. Doch trotz mehrmaliger Nachfrage wollte ein Sprecher der Innenbehörde nicht antworten. Nach den vorliegenden Informationen sehe es derzeit so aus, als habe der Senat gelogen, meint Schneider: "Das muss der Senat jetzt aufarbeiten. Es muss vermieden werden, dass irgendwas in der Art noch mal vorkommt."

Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt

Klarheit in den Fall bringt vielleicht die Staatsanwaltschaft Hamburg. Sie ermittelt wegen des Todes des ungeborenen Babys gegen unbekannt und prüft, inwiefern ein Fremdverschulden vorliegt. Nach gültiger Rechtslage gelten schwangere Flüchtlinge bis zum achten Monat als reisefähig. Es sei denn, ein Attest belegt etwas anderes. Auch gibt es derzeit, zumindest in Hamburg, keine Regelung, wonach Schwangeren ein besonderer Schutz bei der Reise zusteht.

Auf die Frage, weshalb Suleyman Sow, seine schwangere Frau Mariatou und der gemeinsame Sohn mit einem Regionalticket quer durch die Republik reisen musste, antwortete die Hamburger Innenbehörde, dass dies von Fall zu Fall - unter Würdigung der Gesamtumstände - entschieden wird. Für die Sows sind die Ermittlungen der Hamburger Staatsanwaltschaft indes zweitrangig. Sie wissen, dass ihr am 2. März verstorbenes Kind davon nicht wieder lebendig wird.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 23.06.2015 | 19:30 Uhr