Stand: 27.07.2015 21:59 Uhr

"Ich bin stolz, dass niemand ertrunken ist"

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Ingo Werth hat zwölf Tage lange die "Sea-Watch" im Mittelmeer gesteuert.

Ingo Werth betreibt eigentlich eine Autowerkstatt in Hamburg-Bergedorf. Die ersten beiden Wochen im Juli steuerte der 56-Jährige jedoch als Kapitän die "Sea-Watch" über das Mittelmeer. Das Schiff war im Mai in Hamburg gestartet; es sucht Flüchtlingsboote vor der libyschen Küste, um die Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Werth half mit seiner Crew nach Angaben der Initiative sechs Booten mit 587 Flüchtlingen. NDR.de hat Werth in Hamburg getroffen und mit ihm auf seinen Einsatz zurückgeblickt.

Wie war es für Sie, als Sie das erste Mal einem Flüchtlingsboot zu Hilfe kamen?

Ingo Werth: Bei dem ersten Einsatz haben wir 98 Menschen an ein Schiff von Ärzte ohne Grenzen übergeben. Das war zutiefst befriedigend für mich, denn das Flüchtlingsboot war bereits dabei zu sinken. Stolz gehört eigentlich nicht in diesen Zusammenhang, sondern eher Demut. Aber ich bin schon stolz, dass niemand ertrunken ist.

Wie ging es den Menschen in den Booten, als Sie sie gefunden haben?

Werth: Sehr unterschiedlich. Das kam darauf an, wann sie losgefahren waren und wie sie vorher behandelt wurden. In einem Boot hatten mehrere Menschen Knochenbrüche, ein Mann war kollabiert. Er erzählte später, dass er in den Unterbauch getreten worden war. In einem Boot waren die Menschen sehr aufgebracht. Sie sagten: "Bevor wir zurückgehen, ertrinken wir lieber." In einem anderen Boot haben sie angefangen zu singen, als wir kamen.

Was haben Sie während oder nach den Einsätzen gedacht?

Werth: Ich habe mich gefragt: Wisst ihr eigentlich, was auf euch zukommt? Die Menschen haben erstmal gar nichts mehr. Wir haben Ausweise auf den Booten gefunden, Handys und Sim-Karten. Sie kommen in ein Lager auf Lampedusa, dann nach Sizilien und wieder weiter. Viele wissen wohl nicht, was sie erwartet, wenn sie an Land gehen.

Kritische Stimmen befürchteten vorab, die Flüchtlinge würden versuchen, auf Ihr Schlauchboot oder die "Sea-Watch" zu gelangen.

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Reste, die die Flüchtlinge nach ihrer Rettung im Boot gelassen haben.

Werth: Daher wollten wir Abstand halten. Im Laufe der Zeit haben wir uns aber immer näher herangetraut, weil das niemand versucht hat - bis auf 200 Meter. Wenn wir den Menschen gesagt haben, dass in einigen Stunden ein großes Boot hier sein wird, das sie rettet, dann waren sie ruhig. Meist kommunizierten wir auf Französisch oder Englisch. Immer wenn es um etwas ging - wir Wasser austeilten oder die Menschen auf Rettungsinseln brachten - gab es Stress. Aber am Ende ist alles gut gelaufen.

Viele Boote, die Sie gefunden haben, hatten keinerlei Kommunikationsmittel an Bord. Sie konnten keinen Notruf absetzen. Wären sie untergegangen, hätte niemand davon erfahren. Macht Sie das nachdenklich?

Werth: Es gibt dazu keine gesicherten Zahlen, aber ich glaube, dass etwa die Hälfte der Boote es schafft. Wenn also 73.000 Menschen in diesem Jahr in Italien an Land gegangen sind, dann sind auch genauso viele im Meer ertrunken. Von einem Boot, das wir gerettet haben, sagte uns Menschen, sie seien mit zwei Booten losgefahren. Als der Motor des anderen ausfiel, hätten sie sich getrennt. Wir haben das andere Boot nicht gefunden.

Neben den Einsätzen, die meist mehrere Stunden gedauert haben, musste die Crew das Schiff reparieren und abwechselnd Wache halten. Meist haben Sie die Flüchtlingsboote in der Morgendämmerung entdeckt. Wie anstrengend war die Fahrt?

Werth: Es war sehr anstrengend. Wir mussten nach einer drei- oder vierstündigen Wache in der Nacht noch zehn Stunden Einsatz fahren. Manchmal waren einige total fertig. Bei glühender Hitze sechs Stunden lang die Menschen auf dem Boot beruhigen, sechs Stunden lang Menschen mit unserem Schlauchboot von ihrem sinkenden Boot zu den Rettungsinseln fahren, das ist hart. Aber es gab keinen Moment, in dem ich dachte: "Ich kann nicht mehr".

Initiative "Sea-Watch"

Mehrere Familien aus Brandenburg haben die private Initiative "Sea-Watch" gegründet, die sich ausschließlich aus Spenden finanziert. Freiwillige fuhren 2015 mit einem ehemaligen Kutter, der in Hamburg hochseetauglich gemacht wurde, von Lampedusa aus über das Mittelmeer auf der Suche nach Flüchtlingen in Seenot. Für die Erstversorgung hat die "Sea-Watch" Ärzte, Wasser und Rettungsmaterial an Bord. Die Crew nimmt allerdings keinen Flüchtling auf - sie informiert die Küstenwache und übergibt die Menschen an größere Boote. Im Herbst beendete "Sea-Watch" die erste Mission vor Libyen und startete eine zweite Mission mit einem Schnellboot in Griechenland. Im Frühjahr 2016 soll die größere "Sea-Watch 2" wieder vor Libyen im Einsatz sein.

Was war schwieriger: Mit acht Menschen, die sich vorher nicht kannten, auf einem kleinen Boot zu leben oder Flüchtlinge zu retten?

Werth: Beides ist gleich schwierig. Der Umgang mit den Flüchtlingen war einfacher, weil wir sie glücklich gemacht haben. Aber acht Leute an Bord bedeutet auch acht Ideen, acht Stimmungen und acht Befindlichkeiten. Es ist eine ziemliche Prüfung. Denn bei solchen humanitären Projekten treffen sich viele Menschen mit Charakter. Ich habe vor der Abfahrt gesagt, wir müssen aufeinander Rücksicht nehmen. Wenn einer vom Bug zum Achterdeck gehen will und ihm jemand entgegenkommt, muss einer zur Seite gehen, denn für zwei ist der Weg zu schmal. Trifft man sich dort fünf Mal, sollte nicht fünf Mal derselbe einen Schritt zurück machen. Es gab Probleme, aber die Fahrt hat uns auch zusammengeschweißt.

Welches Gefühl bleibt nach dem Einsatz?

Werth: Ich fühle große Befriedigung, weil wir den Menschen helfen konnten. Niemand wurde verletzt, niemand ist gestorben. Was sich verändert hat, ist meine Einschätzung der Triton-Rettungsmission der EU. Ich weiß jetzt, dass es Lug und Trug ist, dass die Marine-Schiffe dort Menschen retten. Wir haben in zwölf Tagen auf See keines der Schiffe gesehen. Die Rettungsleitstelle aus Rom hat uns angerufen und gesagt, wir seien das einzige Schiff vor Ort. Daher wurden wir aufgefordert den Booten zu helfen. Ich habe die Leitstelle mehrmals gefragt, ob sie uns ein Triton-Schiff schicken können und die Antwort war immer: "Entschuldigung, aber wir haben keine Triton-Schiffe vor Ort." Das ist mindestens unterlassene Hilfeleistung.

Das Interview führte Carolin Fromm. Sie hat zusammen mit Johanna Leuschen Anfang August den Einsatz der "Sea-Watch" für die NDR Reportage begleitet.

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