Stand: 25.10.2015 10:12 Uhr

Hilfe für die Seele junger Flüchtlinge

von Stefanie Lambernd, NDR.de

An der Wand hängen viele Fotos. Junge Menschen sind darauf zu sehen, irgendwo in Hamburg, an der Elbe, an der Alster, gemeinsam mit Freunden. Viele Fotos zeigen Treffpunkte, Freundschaften. Dabei geht es im Kunsttherapieraum der Hamburger Flüchtlingsambulanz vor allem ums Alleinsein. Ein Großteil der jungen Menschen, die von Therapeutin Daniele Deeke behandelt werden, kam ohne Verwandte nach Deutschland, aus einem der vielen Krisengebiete der Welt. Ereignisse in ihrem Heimatland, oft auch auf der Flucht haben die jungen Menschen traumatisiert. Sie haben Bombenangriffe miterlebt, wurden bedroht, verloren Angehörige. Einige gerieten auf der Flucht in Lebensgefahr, litten unter Hunger oder wurden sexuell missbraucht.

Chance auf eine bessere Zukunft

Psychotherapie ist kein Luxus

"Die Behandlung der Psyche wird oft als Luxus angesehen", sagt Cornelia Reher, die therapeutische Leiterin der Flüchtlingsambulanz. In der Wahrnehmung vieler gebe es für Flüchtlinge erst einmal Wichtigeres zu regeln. Eine Wohnung finden, die Sprache lernen, Arbeit finden. Allerdings könne sich nur integrieren, wer psychisch gesund sei. Als "seelischen Wiederaufbau" bezeichnet die Stiftung Children for Tomorrow die Therapieangebote für die jungen Flüchtlinge. Sie betreibt die Ambulanz gemeinsam mit dem Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf (UKE). In der Einrichtung erleben die Betroffenen oft zum ersten Mal Aufmerksamkeit für das, was sie erlebt haben. Und für die Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen haben.

Therapieplätze reichen nicht aus

Jahr für Jahr werden bis zu 250 Jugendliche im Haus O 44 auf dem UKE-Gelände behandelt. Dort gibt es tiefenpsychologische und verhaltenstheurapeutische Angebote, Kunsttherapie und psychosoziale Beratung. Auch eine Psychiaterin hilft, wenn ein Patient Medikamente braucht. Der Bedarf an Therapieplätzen ist allerdings weitaus höher. Die Geschäftsführerin von Children for Tomorrow, Stephanie Hermes, sagt, dass etwa die Hälfte aller geflüchteten Kinder und Jugendlichen psychische Auffälligkeiten zeigt. Einer Studie zufolge stehe angesichts der derzeitigen Flüchtlingszahlen im kommenden Jahr nur für etwa ein Prozent der Behandlungsbedürftigen ein Therapieplatz zur Verfügung.

Dolmetscher begleiten die Gespräche

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"Psychotherapie ist kein Luxus", sagt Therapeutin Cornelia Reher. Bleibe eine posttraumatische Belastungsstörung unbehandelt, habe das Folgen.

Das Besondere an der Flüchtlingsambulanz ist, dass sämtliche Therapieangebote von Dolmetschern begleitet werden. "Besonders wenn es emotional wird, ist es für die Jugendlichen schwierig, die richtigen Vokabeln zu finden", sagt Psychotherapeutin Reher. "Es aktiviert ganz andere Gefühle, wenn man in der Muttersprache spricht." Die Sprachbarriere verhindert in vielen Fällen, dass Flüchtlinge von niedergelassenen Therapeuten und Psychiatern behandelt werden können. Gerade der Einsatz von Dolmetschern ist aber teuer, weil sie nicht wie die eigentliche Therapie von der Krankenkasse bezahlt werden. Bislang kam Children for Tomorrow über Spendengelder für die Dolmetscherkosten auf. Seit Juni unterstützt die Stadt die Flüchtlingsambulanz mit 100.000 Euro pro Jahr.

"Therapie ist gut angelegtes Geld"

Die meisten der Patienten in der Flüchtlingsambulanz leiden Reher zufolge unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Viele schlafen schlecht, sind in ständiger Alarmbereitschaft, sie sind unruhig, depressiv oder antriebslos. Manche greifen zu Drogen, um ihre Krankheit auszuhalten. "Bleibt eine posttraumatische Belastungsstörung unbehandelt, kommt es zu körperlichen Schädigungen. Es wird immer schwieriger, aus der Erkrankung wieder herauszukommen", sagt Reher. Dazu kommen Folgeprobleme: Ein Kind, das traumatisiert ist, kann sich in der Schule nicht konzentrieren, es hat Schwierigkeiten, einen Abschluss zu schaffen, einen Beruf zu erlernen und sozial anerkannt zu werden. Die Folge sei, dass die Integration scheitere, betont die Psychotherapeutin. Daher sei es gut angelegtes Geld, frühzeitig in Psychotherapie zu investieren. Nicht nur für den Patienten, damit er ein lebenswertes Leben führen kann, sondern auch für die Gesellschaft: "Wer keinen Schulabschluss hat und keine Freundschaften, wird sich eher Gruppen anschließen, die wir gesellschaftlich nicht fördern möchten."

Bilder als Zugang zur Gedanken und Gefühlen

Kunsttherapeutin Daniele Deeke und ihr Team können den jungen Patienten helfen, emotionale Blockaden zu lösen, Zugang zur eigenen Gefühlswelt zu finden und ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen. Bunte Farben können dabei schon den ganz Kleinen wieder positive Gefühle vermitteln. Beim Fotoprojekt sind dann die von den Jugendlichen gemalten Bilder Gesprächsansätze für die Therapie.

Tennislegende Steffi Graf als Förderin

Das Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf (UKE) betreibt die Flüchtlingsambulanz gemeinsam mit der Stiftung Children for Tomorrow von Ex-Tennisstar Stefanie Graf. Die Einrichtung ermöglicht jungen Flüchtlingen bis 18 Jahren eine psychologische Versorgung. Zurzeit gibt es 180 Therapieplätze, bis zu 250 Patienten werden pro Jahr behandelt. Die 1998 gegründete Stiftung Children for Tomorrow fördert neben der Flüchtlingsambulanz auch Projekte im Kosovo, in Uganda und Eritrea und finanziert ihre Arbeit über Spenden.

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