Stand: 09.06.2015 15:41 Uhr

"Hilfe, die Roma sind da"

von Fabienne Hurst

"Mein Gott, Harald! Die kommen zu uns - vier Kinder!", rief Christa Hermes ihrem Mann zu und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Im zweiten Stock des Mehrparteienhauses ihrer Lokstedter Wohnsiedlung war eine Flüchtlingsfamilie eingezogen. Es sind Robert und Rosie R., beide Roma, mit ihren vier Kindern geflohen vor Arbeitslosigkeit und Armut in Serbien.

Schon Monate zuvor, im Frühsommer 2014, hatten Christa und Harald Hermes sich gegen die neuen Nachbarn aus dem Ausland gewehrt. Zusammen mit ihren Nachbarn machten die Rentner vor einem NDR-Team ihrem Ärger Luft. Sie fürchteten den Verfall der Sitten im Grandweg, das Ende der Hausordnung, Lärm, falsch entsorgten Müll und einen rasanten Anstieg der Kriminalität.

"Es sind ja nicht alles Heilige", sagte Herr Hermes damals. "Wir wissen ja, dass Diebstahl und Einbruch und alles hier zunimmt. Das kommt nicht davon, weil die Deutschen hier schlechter geworden sind - sondern weil wir hier Zuwanderung haben." Vor allem Serben verdächtigte er, generell gewalttätig zu sein. Er schrieb den Behörden Beschwerdebriefe, dokumentierte jeden Verstoß der Flüchtlinge per Foto.

Keine Decken, kaum Geschirr

Und dann das: sechs "Ausländer", direkt über ihm und seiner Frau. Ständig Getrampel der Kinder, eine immer heiße Zentralheizung, tropfende Wäsche vom Balkon - gemäß der Hausordnung unrechtmäßig aufgehängt. Frau Hermes will sich beschweren. Sie steigt die Treppe in den zweiten Stock hinauf und klingelt. Als Rosie R. freundlich lächelnd die Tür öffnet, stehen hinter ihr zwei kleine Mädchen und ein Junge, ein Baby schreit im Hintergrund. "Dann haben sich alle ganz nett vorgestellt", erzählt Christa Hermes später verdutzt. "Das fand ich schon seltsam, dass die so freundlich waren."

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Hilfe, die Roma sind weg

13.05.2016 21:15 Uhr
Die Reportage

Herr und Frau Hermes sind über 70 Jahre alt und sprechen keine Fremdsprachen. Doch als mit ihnen befreundete Flüchtlinge abgeschoben werden, wagen sie die Reise nach Serbien. mehr

In der Wohnung der Flüchtlingsfamilie sieht sie, dass die Kinder keine Bettdecken haben, und die R.s die Heizung deshalb ständig aufdrehen. Es gibt keine Waschmaschine, kaum Geschirr. Frau Hermes ist überrascht. So hatte sie sich das Leben der Flüchtlinge nicht vorgestellt. Sie beginnt, in ihren Schränken nach Haushaltsgegenständen zu suchen, die sie doppelt hat, schleppt Kissen, Bettdecken und Kochtöpfe hinauf zu der Familie. Frau Hermes bringt die Kinder zur Schule, vermittelt bei Arztbesuchen und organisiert Kleidung. Herr Hermes betrachtet seine Frau skeptisch. Was ist mit ihr passiert?

Die glückliche Zeit ist schnell vorbei

Frau Hermes hat eine Mission, sie will der Familie R. helfen. Und ein bisschen auch sich selbst. Denn seit ihre Kinder aus dem Haus und die Enkel erwachsen sind, fühlt die Rentnerin sich einsam, unnütz, nicht mehr gebraucht. Das ist jetzt anders, jetzt hat ihr Leben wieder einen Sinn. Die Hermes' machen bald sogar Ausflüge mit den R.s, für die Kinder werden die Hermes' wie Oma und Opa. "Einige Nachbarn guckten uns schräg an, weil wir uns mit den Ausländern eingelassen haben. Da war schon Unverständnis", sagt Harald Hermes heute. Er ist noch immer kein Freund davon, dass mehr als 150 Flüchtlinge in seiner Wohnsiedlung untergebracht wurden. Aber die R.s? Die hat er, ob wer wollte oder nicht, ins Herz geschlossen.

Doch die glückliche Zeit mit der Familie R. ist schnell vorbei. Als das Ehepaar Hermes eines Tages aus dem Urlaub heimkommt, ist die Wohnung über ihnen leer. Die R.s wurden abgeschoben nach Serbien, mitten in der Nacht.

Hilfe nach der Abschiebung

Kurze Zeit darauf klingelt das Telefon: Robert und Rosie R. rufen vom Flughafen in Belgrad an. "Wir wissen nicht, wohin", schluchzt Rosie R. Auch Frau Hermes weint, sogar ihrem Mann läuft eine Träne über die Wange. Dabei weint er fast nie.

Er und seine Frau beschließen, den R.s zu helfen. Als die Familie auf einem kleinen Hof Unterschlupf findet, beginnen die Hermes', Hilfspakete zu packen. Sie sammeln Kleidung und Spielzeug, kaufen für mehrere Hundert Euro Lebensmittel und schicken sie nach Serbien. Bekannte fragen sich langsam, ob die Hermes es nicht übertreiben, sich vielleicht ausnutzen lassen.

Übers Internet halten die Familien Kontakt, doch weil die R.s nur bruchstückhaft deutsch und die Hermes' kein serbisch sprechen, ist die Kommunikation schwierig. Und immer bleibt ein Rest Unsicherheit: Wie leben die R.s in Serbien? Kommt ihre Hilfe an? Was braucht die Familie wirklich? Am liebsten würden die Hermes' das alles vor Ort überprüfen. Wenn da nicht Christa Hermes' Flugangst wäre.

Mit 72 Jahren zum ersten Mal im Flugzeug

Doch im Frühjahr 2015 hat sich Frau Hermes alles noch einmal durch den Kopf gehen lassen. "Harald, ich glaube, ich bin soweit", sagt sie zu ihrem Mann, der bisher immer allein in den Urlaub fliegen musste. Mit 72 Jahren betritt Frau Hermes zum ersten Mal ein Flugzeug: "Für die Serben tue ich das", sagt sie, obwohl die Knie zittern. Das startet der Flieger. Die Hermes starten in das Abenteuer ihres Lebens.

Harald Hermes seine Frau Christa im Flugzeug © NDR/Fabienne Hurst

"Hilfe, die Roma sind weg"

Die Reportage -

Herr und Frau Hermes sind über 70 Jahre alt und sprechen keine Fremdsprachen. Doch als mit ihnen befreundete Flüchtlinge abgeschoben werden, wagen sie die Reise nach Serbien.

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Dieses Thema im Programm:

Die Reportage | 12.06.2015 | 21:15 Uhr

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